Ins Leere

Regionalbahn voller Pendler. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, vielleicht 20, und hört Musik. Das heißt, eigentlich hört er nicht Musik sondern beschäftigt sich intensiv mit seinem Smartphone. Wie es aussieht, chattet er mit jemandem. Aber dabei hat er einen Kopfhörer um den Nacken hängen, einen von diesen großen, extracoolen DJ-Kopfhörern, die viele jetzt spazierentragen, und während er online chattet, läuft nebenher seine Musik.

Man hört sie in gewissem Umkreis aus dem Kopfhörer kleckern. Nicht so zischelig wie bei normal getragenen Ohrknöpfen, die jemand zu laut eingestellt hat. Eher so dünn und etwas blechern wie bei den (nach im Physikunterricht erarbeiteten Schaltplänen) selbst zusammengelöteten Detektorradios ohne eigene Stromzufuhr, die man über einen dieser uralten „Knöpfe im Ohr“ aus hellem Hartplastik abhörte.

Wenn er nicht schon sehr schwerhörig war, musste er den Output seiner Kopfhöhrer eigentlich hören. Für wirkliches Musikhören war es aber zu klanglich zu dünn und außerdem viel zu leise, zumal die Geräuschkulisse im Zug auch nicht ohne ist. Warum also ließ der die Musik so ins Leere laufen?

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7 Kommentare on “Ins Leere”

  1. Lo sagt:

    Vermutlich, weil alles im Übermaß und gleichzeitig verfügbar ist?
    Vielleicht, weil er von der Kunst, sich auf Eines zu beschränken, zu konzentrieren nichts weiss?
    So, wie viele Menschen den Tag über einfach so, egal, was sie auch tun, den Fernseher laufen lassen (die einsamen Menschen, denen das Geräusch wichtig ist, einmal ausgenommen)?

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  2. gnaddrig sagt:

    Mag sein. Trotzdem immer wieder verwunderlich.

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  3. Mrs. Flummi sagt:

    Vielleicht so eine Art Klang-Regenschirm, den man mit sich trägt, aber nur bei „Bedarf“ aufspannt? Wobei es in diesem Falle nicht einfach nur um das Mittragen des Kopfhörers geht, sondern um die durchgängig laufende Vergewisserung, dass man den Klang tatsächlich mit sich führt und diesen ausbreiten könnte, so man wollte. Nichts schlimmer, als den wuchtigen Kopfhörer mitzuschleppen und dann bei Bedarf nicht genug Klang auf der Schüssel zu haben.

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  4. gnaddrig sagt:

    Das könnte natürlich auch sein, wer weiß…

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  5. Yadgar sagt:

    “ Aber dabei hat er einen Kopfhörer um den Nacken hängen, einen von diesen großen, extracoolen DJ-Kopfhörern, die viele jetzt spazierentragen“

    …und dazu trug er einen luxusgeölten faustlangen Hipsterbart, Ohrtunnel nicht unter 3 cm Durchmesser und war bis zum Bartansatz mit Tätowierungen vollgeschmiert! Hab‘ ich recht?

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  6. Yadgar sagt:

    @Mrs. Flummi:
    „Nichts schlimmer, als den wuchtigen Kopfhörer mitzuschleppen und dann bei Bedarf nicht genug Klang auf der Schüssel zu haben.“

    Was wissen diese Wischwanzen-Bubis von echter Krawallmusikkultur? In den 80ern trug man keine Kopfhörer, schon gar nicht diese dicken Angeber-Teile, sondern den voll aufgedrehten Ghettoblaster auf der Schulter, und dann „Vamos a la playa“ von Righeira (bei fortgeschrittenen Blasterpiloten eher „White Lines“ von Grandmaster Flash & The Furious Five!), dass die Fassaden erzitterten… aber ein *richtiger* Ghettoblaster musste es schon sein, kein Universum-Billigeimer von Quelle, nein, mit Metallgehäuse und ordentlich Bums auf den Speakern, unter 2 x 20 Watt ging da gar nichts!

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  7. gnaddrig sagt:

    @ Yadggar (22:26): Nö, der sah ganz normal aus. Kurze Haare, kein Schmuck, keine Piercings, einfaches T-Shirt und Jeans. Der war mir auch ziemlich sympathisch – als an einem Halt eine Horde Grundschulkinder den Zug stürmte, haben wir gleichzeitig hochgeschaut und Blickkontakt gehabt. Er hat dabei freundlich amüsiert geschaut, also definitiv kein übersättigter, gleichgültiger Selbstdarsteller.

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