Philosophisches

Die Philosophie ist eine altehrwürdige Wissenschaft. Eigentlich die Urwissenschaft überhaupt, Wegbereiterin und Rahmen wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens nach heutigem Verständnis. Philosopen mindestens der letzten dreitausend Jahre verdanken wir einiges an Durchblicken und ethischen Prinzipien, und ohne die Grundlagenarbeit etwa der antiken Griechen stünden wir heute sicher anders und möglicherweise weniger kultiviert da.

(Andererseits weiß man das natürlich nicht, und irgendwelche nichtgriechischen, eben anderweitig heidnischen Barbaren in Europa oder sonstwo hätten ihrerseits auch auf das tiefere Denken kommen und sich vergleichbare Erkenntnisse aus den grauen Zellen leiern können. Die spätere Gleichschaltung durch das organisierte Christentum mit seinem speziellen Weltbild hätte die allerdings auch getroffen und es sähe am Ende nicht so viel anders aus als jetzt. Weiß man nicht. Da könnte man meterweise Was-wäre-wenn-Romane zu schreiben.)

Nun bin ich weder Philosoph noch bin ich in dieser Materie irgendwie belesen, ich kenne weder den Stand philosophischen Schaffens noch die verschiedenen Strömungen oder Schulen. Also bin ich da von Sachkenntnis weitgehend unbeeinträchtigt und kann darum nicht ausschließen, dass auch heutige Philosophen erstaunliche und neue Dinge denken, dass sie brauchbare, wegweisende Einsichten formulieren oder harte ethische Nüsse knacken, ohne dass ich das mitkriege. Kann ja sein.

Aber wenn in der Zeitung mal wieder was über den einen oder anderen Philosophen mit einer schrägen Ansage kommt, denke ich in den meisten Fällen, dass das vielleicht witzig sein mag, aber für den Alltag völlig irrelevant ist, hier zum Beispiel. Besonders finde ich die Ernsthaftigkeit merkwürdig, mit der solche Sachen gebracht werden, als würde sich durch das philosophische In-Frage-Stellen der Existenz der Welt oder das Für-Wirklich-Erklären von Hirngespinsten und Traumvorstellungen irgendetwas in der echten Welt ändern oder als könnte irgendjemand dadurch besser mit der Welt umgehen. Wenn jemand ernsthaft die Meinung vertritt, Einhörner seien real, weil er sie sich so schön vorstellen könne, ist das für mein Leben völlig irrelevant.

Da sehe ich Spieltrieb am Werk (den ich grundsätzlich begrüßenswert finde!) und vermute zuwenig sinnvolle Aufgaben. Immerhin, andere machen bei Langeweile richtig üble Sachen, da sind mir solche Gedankenspielereien lieber. Vielleicht bin ich auch nur zu blöd, die Relevanz solcher Einhörnertraumwelten zu sehen, aber wenn Professoren sich hinstellen und allen Ernstes so Zeug von sich geben, muss ich Laie immer an die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern denken.

Allerdings gibt es philosophische Überlegungen, denen ich sehr wohl was abgewinnen kann. Hier zum Beispiel bringt einer gelehrte Gedanken zu übersinnlichen Wesen und immateriellen Zusammenhängen, die durchaus bei der Selbstfindung und Orientierung in der Welt helfen können. Insofern will ich dem Einhornprofessor nicht zu böse auf die Zehen treten, vermutlich können andere mehr damit anfangen.

So oder so komme ich in aller Regel aus, ohne mich in jedem zweiten Absatz auf Leibniz, Kant, Marx, Nietzsche zu berufen. Kierkegaard und Sloterdijk sind mir vergleichsweise wurscht. Auch habe ich noch nie das Bedürfnis verspürt, beiläufig anzumerken, was Adorno oder Habermas mal wo zu irgendeinem Aspekt des jeweiligen Themas geäußert haben.

Wenn ich Bedarf an Philosophischem habe, gehe ich zu Norbert in die Kneipe. Ansonsten ist mir  Terry Pratchett eine reiche und hochgeschätzte Quelle an Duchblick und Lebensweisheit.

 

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2 Kommentare on “Philosophisches”

  1. Grundsätzlich gebe ich Dir recht, und man liest so manches aus der Grundlagenforscher was auf den ersten, zweiten und dritten Blick wahlweise, überflüssig, sinnfrei, selbstverständlich wirkt. Ich könnte jetzt von meinen Vorurteilen belastet einige Forschungsfelder*Innen (;-)) nennen, auf denen das besonders ausgeprägt ist.

    Aber den Bezug zum eigenen Alltag als Argument heranzuziehen erscheint mir etwas zu kurz. Bloß weil etwas keinen Bezug zu meinem Alltag erkennen lässt, ist es nicht unseriös oder nicht forschens- oder denkenswert oder überflüssig. Ich kann ja nicht wissen, ob es irgendwann einen Bezug zu meinem Alltag haben wird, oder ihn indirekt schon hat, ohne dass mir das klar ist. Etwas überspitzt gesagt: auch ein Großteil der medizinischen Forschung hat keinen aktuellen Bezug zu meinem Alltag, aber es könnte doch der Tag kommen, an dem dieser Bezug schneller da ist, als ich es mir wünsche.

    Zugegeben, bei den Einhörnern ist es schwierig, aber wenn der rote Stier sie alle wieder freilässt und plötzlich eins vor Dir steht, wirst Du vielleicht verdammt froh sein, dass jemand schon mal über die Biester nachgedacht hat. Vielleicht sind sie ja gar nicht glitzer-lieb sondern funkel-böse und spießen uns alle auf.

    Den Gedanken mag ich jetzt irgendwie. Aber natürlich nur in meiner Fantasie-Realität.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, ob etwas Bezug zu meinem (oder Deinem oder sonstwessen) Alltag hat ist kein sinnvolles Kriterium. Es gibt tatsächlich unzählige Dinge, die mich nicht betreffen oder interessieren und die trotzdem ihren Sinn und ihren Platz in der Welt haben.

    Bei medizinischer Forschung ist von vornherein klar, dass sie stattfindet, um gesundheitsbezogene Probleme zu lösen und Leuten das Leben erträglicher zu machen oder zu verlängern. Da ist der (wenigstens potenzielle) Nutzen sowieso offensichtlich, da muss das mich persönlich gar nicht betreffen um sinnvoll zu sein. Ähnlich ist es mit der meisten Forschung egal auf welchem Gebiet.

    Grundsätzlich finde ich alles, was dem besseren Verständnis der Welt dient, zunächst mal gut, auch wenn mich das Fachgebiet überhaupt nicht interessiert oder es irgendwelche abseitigen Nischenfächer sind. Dazu zähle ich auf jeden Fall auch nicht-zielgerichtete Denkübungen und die teils abstrusen Blüten, die dabei gelegentlich herauskommen.

    Du hast natürlich recht, die Bedeutung für den Alltag (egal ob für meinen oder den von wem anders) kann sich jederzeit ergeben, das weiß man ja vorher nicht. Und wenn ich Volker Gerhardts Ausführungen interessant finde, ist das ja auch nur eine subjektive Einschätzung, wer anders mag dieselben Überlegungen völlig überflüssig finden.

    Bei Markus Gabriel hatte die Äußerung Real ist, was real ist mein Fass zum Überlaufen gebracht. Sollte das witzig sein? Ein überzeichneter Aufhänger für ein Gespräch über Gabriels schattenboxendes Steckenpferd? Oder tatsächlich zentrale Aussage? Beides fand ich doof, daher meine Motzerei, wie immer ohne Alleinseligmachungsanspruch.

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In den Wald hineinrufen

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