Machst Du jetzt auf Mädchen oder was?

Neulich im Freibad. Auf der Liegewiese eine Frau mit einem etwa fünfjährigen Jungen. Der kleine Kerl sitzt mit traurigem Gesicht in ein Badetuch eingewickelt neben ihr auf der Decke. Den Anfang habe ich nicht miterlebt, vielleicht ist ihm einfach nur kalt. Vielleicht hat er auch im Wasser was Erschreckendes erlebt. Stolpern und unerwartet Wasserschlucken kann einem schon für eine Weile den Spaß verderben, gerade wenn man noch nicht schwimmen kann.

Ich werde aufmerksam, als der Vater mit einem Kumpel zusammen ankommt. Beide klein, stämmig, sehr männlich, können vor Breitbeinigkeit kaum laufen. Gutgelaunt, laut, völlig mit sich im Reinen und eins mit der Welt.

Vattern sieht nun also seinen Jungen wie ein großäugiges Häufchen Elend auf der Decke sitzen und kann das nicht verknusen. Er fragt, was los ist, kriegt aber keine rechte Antwort. Dann schlägt er vor, zusammen was zu machen. Plantschen gehen, Ballspielen, auf die große Rutsche ins Becken, so Sachen. Der Junge kuschelt sich an die Mutter.

Vattern kann sich anscheinend gar nicht vorstellen, dass jemand andere Laune hat als er selbst. Dass jemand wirklich mal nicht mutwillig-gutgelaunt durch die Welt marodieren und tolle Sachen machen wollen könnte. Ganz klar stimmt mit dem Jungen was nicht, und das muss er natürlich richten. Geht ja nicht an, dass so ein Junge (dazu noch sein! Sohn!) an so einem prächtigen Tag bei Mami auf der Decke sitzt und Trübsal bläst.

Hey, machst Du jetzt auf Mädchen oder was?

Wieder keine große Reaktion, die Begeisterung kommt bei dem Kind einfach nicht an. Der Kumpel schlendert schonmal weiter.

Vattern stupst den Jungen mit dem Fuß an und drückt ihn langsam gerade soweit zur Seite, dass der umkippt. Das wirkte durchaus nicht unfreundlich gemeint, eher so rauhbauzig-verspielt, wie man das unter Echten Männern macht, wenn Zuneigung vorhanden ist, Zärtlichkeit aber aus Männlichkeitsgründen nicht geht (man ist ja eben kein Mädchen und will den Sohn ja auch nicht verzärteln und so).

Die Mutter sagt die ganze Zeit kein Wort, hält nur ihren Sohn im Arm. Vattern beugt sich zu seinem gekippten Nachwuchs runter: Wenn Du brav bist kauft Papa dir ein Eis! – Schweigen – Willst Du brav sein? – Schweigen – Och komm!

Am Ende zieht Vattern unverrichteter Dinge ab, wohl um anderswo ein paar Latten vom Zaun zu reißen oder was weiß ich.

** * **

Ich fand das Erlebnis merkwürdig und bedrückend. Und ärgerlich. Mir scheint, dass der Junge da eine ganze Latte ziemlich giftiger Vorgaben eingebläut kriegt – Jungs haben jederzeit laut, gutgelaunt, aktiv zu sein. Still, in sich gekehrt, traurig oder ängstlich dürfen sie nicht sein. Außerdem müssen sie unbedingt echt männlich sein, man darf sie auf keinen Fall mit einem Mädchen verwechseln können dürfen – gefühlsduselige, verweichlichte Heulsusen alle miteinander. (Mädchen kriegen die andere Seite dieser idiotischen Medaille beigebogen, das ist genauso schlimm, aber das sieht man nicht so. Bei Mädchen passiert das, glaube ich, nicht so öffentlich).

Am Ende kommen viel zu oft verbogene junge Männer dabei heraus, denen man einen guten Teil ihres Wesens aberzogen hat; denen man beigebracht hat, ihren Empfindungen und Instinkten nicht zu trauen und stattdessen immer und überall echt männliches Verhalten vorzuschieben; die vielleicht gar nicht wissen, wer und wie sie wirklich sind, weil die Beschäftigung mit so Psychokram als unmännliche Nabelschau abgetan wurde, die höchstens für Weicheier und Warmduscher taugt. Wie sollen Kinder dabei dann gesundes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entwickeln?

Soll man bei sowas eingreifen? Solange da keine Misshandlung stattfindet geht es mich ja eigentlich nichts an, sogar bei wesentlich beklemmenderen Situationen ist es nicht einfach. Und: Was könnte ich tun? Das ist zu komplex, als dass ich es in zwei, drei Sätzen so gut darstellen könnte, dass die überhaupt verstehen was ich meine. Am Ende stünde ich als besserwisserischer Spielverderber da und hätte gar nichts erreicht. Wohl eher im Gegenteil.

Ich gehe mit einem etwas mauen Gefühl nach Hause, im Hinterkopf die Frage, in welchem Maß und an welchen Ecken ich selbst meine eigenen Kinder durch meine gutgemeinten Bemühungen verkorkse. Die haben von dem ganzen übrigens nichts mitgekriegt.

P.S.: Auch zu diesem Themengebiet: Wenn der Sohn sich den Schulranzen mit dem Einhorn wünscht.

Advertisements

7 Kommentare on “Machst Du jetzt auf Mädchen oder was?”

  1. Mrs. Flummi sagt:

    „Willst du brav sein?“ Auch wenn es nur eine von vielen „Kleinigkeiten“ der beschriebenen Szene ist, rührt das in mir schon eine Menge los. Dieses Gefühl sich schuldig zu manchen, weil man nicht so lustig drauf ist und über alles lachen will. Das habe ich schon als Kind nicht begriffen. Was nicht verhindert hat, dass ich mich schuldig gefühlt habe, was mich noch trauriger machte.

    Diese ganze Szene hinterlässt in mir ein Gefühl der Hilflosigkeit. Nichts machen zu können, weil da nichts krass genug ist, das ein Eingreifen rechtfertigte.

    Gefällt 2 Personen

  2. gnaddrig sagt:

    Klar, man kann sich dem als Kind ja gar nicht entziehen, gerade wenn solche Sachen von den Leuten kommen, die anfangs die primäre Quelle von Weltwissen sind.

    Und diese unqualifizierte Gleichsetzung von brav und fröhlich/unbeschwert ist sowieso erstens unsinnig und zweitens ziemlich fies.

    Gefällt mir

  3. Yadgar sagt:

    Proll proll, grunz grunz… je weiter östlich von Rhein, Elbe und Oder, desto schlimmer! Der Stoff, aus dem die Putins sind…

    Gefällt mir

  4. gnaddrig sagt:

    So einfach ist es nicht. Mit Rheinländern und Pfälzern habe ich solche Sachen auch schon miterlebt.

    Gefällt mir

  5. Yadgar sagt:

    Ja, vor 40 Jahren war das auch im Westen völlig normal – kann mich selbst nur zu gut daran erinnern!

    Gefällt mir

  6. „Soll man bei sowas eingreifen?“ Ich verstehe das Unbehagen. Man ist einbezogen, evtl. entsetzt, aber es geht einen nichts an. Letztlich muss man den Eltern die Entscheidung überlassen, welches Weltbild sie ihren Kindern vermitteln. Wie sollte es sonst gehen? Die politisch korrekten Erziehungsmaßnahmen werden vom Jugendamt oder einer Weltbildpolizei überwacht. Das liefe auf „Schöne neue Welt“ hinaus.

    Gefällt mir

  7. gnaddrig sagt:

    So ist es.

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s