Ersatzkonzept

Neulich auf dem Bahnhof. Ich sehe meinen Zug abfahren – er war pünktlich, ich nicht. Ärgerlich, aber kein Beinbruch. Der nächste geht in einer halben Stunde. Eigentlich. Tatsächlich trudelt er eine Viertelstunde zu spät im Bahnhof ein. Die Pendlergemeinde steigt ein und macht es sich gemütlich, sonst passiert nichts.

Nach einer reichlichen Weile meldet sich der Lokführer: Wegen einer Oberleitungsstörung ist die Strecke gesperrt. Es wird derzeit an einem Ersatzkonzept gearbeitet. Wenn ich Näheres erfahre, informiere ich Sie.“

Dann passiert eine halbe Stunde lang nichts. Zufällig sehe ich, dass dieser Zug an der Tafel auf dem Bahnsteig schon als „gestrichen“ angezeigt wird. Den Wartenden im Zug hat man das bislang leider nicht verraten.

Ich steige also aus und pilgere zum nächsten Zug, der eigentlich eine weitere halbe Stunde später in meine Richtung fahren soll. Der steht mit 5 Minuten Verspätung auf der Tafel und kommt zehn Minuten nach der fahrplanmäßigen Abfahrt an. Die Leute steigen aus, ich steige ein. Jetzt Déjà vu – der Zug steht und steht. Nach und nach trudeln die Leute aus dem vorigen Zug ein, man hat ihnen dann wohl doch erzählt, dass der Zug ausfällt. Ist aber egal, weil hier bewegt sich auch nichts.

Nach 20 Minuten kommt die Ansage vom Lokführer: Wegen Störungen im Betriebsablauf verzögert sich unsere Abfahrt. Nach neuesten Informationen fahren wir demnächst ab, vermutlich auch die geplante Strecke.

Knapp 30 Minuten zu spät fährt der Zug dann tatsächlich los. Kaum haben wir den Bahnhof hinter uns, kommt die Ansage vom Band: Sehr verehrte Fahrgäste, herzlich willkommen bei der Deutschen Bahn. Aufgrund einer Oberleitungsstörung hat dieser Zug zur Zeit ca. 10 Minuten Verspätung.

Der Schlusssatz, Wir bitten, dies zu entschuldigen, geht im lauten Lachen der Fahrgäste unter.

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8 Kommentare on “Ersatzkonzept”

  1. Lo sagt:

    So etwas Ähnliches habe ich im Dezember, spät abends und nasskalt, zwischen Dortmund und Oberhausen erleben müssen: der Zug steht auf einem kleinen Bahnhof bei Essen, und steht, steht…. 25 Minuten.
    Keine Information, kein Öffnen der Türen. Der Zugführer hilflos, auch er weiss nichts….
    Schickt uns alle zu Gleis 3. Das Große Rennen geht los: Treppen runter, wieder rauf- und Ratlosigkeit.
    Denn, es gibt dort nur 2 Gleise. Kein Gleis 3.
    Die Geschichte endet damit, dass viel später alle sauer sind und versuchen, mit einer Taxe weiterzukommen, bei Schneeregen.
    Sänk ju for travveling wiss Deutsche Bahn!

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  2. gnaddrig sagt:

    Klasse, genau so wünscht man sich das. Wenn’s schiefgeht, dann doch bitte am Ende der Welt nachts bei Sauwetter.

    Mir tun dann immer die Lokführer und Zugbegleiter leid, die selbst nicht informiert werden und in der Situation selbst auch nichts ändern können aber den ganzen Frust der Fahrgäste abkriegen. Und die Fahrgäste sind teils über Gebühr fies, das ist – bei allem Verständnis für Frust und Ärger über Pannen und Verspätungen – oft völlig inakzeptabel.

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  3. Lo sagt:

    So war es auch bei mir: der Zugführer war freundlich – und hilflos zugleich, weil seine Leitstelle ihm keine Informationen gab. Und es gab grobe, empathielose Fahrgäste, die ihn einfach nur beschimpften.

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  4. Lakritze sagt:

    In hiesigen Gefilden gibt es eine lokale Bahngesellschaft, die hat bei der DB eine Strecke gepachtet und befährt sie mit beachtlicher Pünktlichkeit und bestem Service. Dafür kann man aber sicher sein, wenn was schiefgeht, wird das denen zuletzt mitgeteilt; vor Bahnhöfen müssen sie am längsten warten, und wenn sie mal zwei Minuten zu spät sind, läßt die DB garantiert alle Anschlüsse wegfahren. Das ist eine ziemliche Unverschämtheit. Wenn aber auch die eigenen Leute nicht informiert werden — wozu soll das gut sein? Gaaanz schlechter Eindruck.

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  5. gnaddrig sagt:

    Ähnliche Geschichten vom Umgang mit lokalen ÖPNV-Anbietern kenne ich auch hier aus der Gegend.

    Was den Umgang mit den eigenen Leuten angeht, steht die Bahn sowieso nicht so toll da. Vor einer Weile gab es auf Zeit Online einen ausführlichen Artikel dazu, wonach die Bahn ihre Sparten Fernverkehr und Regionalverkehr gegeneinander antreten lässt. Die lassen sich auch schonmal gegenseitig die Anschlüsse wegfahren und schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Und vieles andere mehr, ganz schlecht eigentlich.

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  6. Yadgar sagt:

    Also, bei uns in Afghanistan 😉 verkehren die Züge pünktlich…

    …was ja auch kein Wunder ist, bei einer einzigen Bahnstrecke (Hairatan-Mazar-e Sharif)!

    Die Hikaris auf den Shinkansen-Strecken in Japan sollen sich noch nie um mehr als sechs Sekunden verspätet haben (und halten exakt an den Tür-Markierungen auf den Bahnsteigen)… und wenn ich demnächst Weltdiktator bin, will ich diesen Pünktlichkeitsrekord mit meiner Zehnmeterspurbahn noch übertreffen, jawohl!

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  7. Achim sagt:

    Türmarkierungen… Wir wären ja schon froh, wenn der Zug wenigstens *ungefähr* so abgestellt wird, dass die Waggons für Abschnitt B auch in Abschitt B zum Stehen kommen.

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  8. gnaddrig sagt:

    Tja, den Standard der St. Petersburer Metro erreichen die nicht, da gibt es Stationen, wo die Bahnsteige von den Schienen durch Wände abgetrennt sind und die Züge genau richtig halten müssen, damit die Türen der Züge und der Trennwände genau voreinender liegen, sonst könnte niemand ein- und aussteigen.

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