Zwei, vier, neun

Vor einer ganzen Weile bin ich auf einen Artikel auf Mental Floss, gestoßen (via), in dem es um das Zahlwort zwei geht. Jemand hatte da die Zahlworte für zwei in einer Reihe indoeuropäischer Sprachen zusammengetragen und nach Sprachfamilien geordnet aufgeschrieben. Der Artikel endet mit dem Fazit, es gebe viele mögliche Gestalten, die das Wort für zwei annehmen könne. In den dort zusammengestellten indoeuropäischen Sprachen seien sich die Wörter aber sehr ähnlich, vor allem wenn man mit den ganz anders klingenden Wörtern für zwei in Sprachen wie Türkisch, Finnisch oder Japanisch vergleiche. Wenn man es so zusammengestellt sehe, falle es einem nicht schwer, bezüglich der Verwandtschaft dieser Sprachen *dwóh und *dwóh zusammenzuzählen.

Schön und gut, das Zahlwort für zwei klingt in praktisch allen diesen Sprachen sehr ähnlich, es braucht tatsächlich nicht allzuviel Fantasie, die Parallelen zwischen di, du, due, dwa, dwo, twee, zwei, two usw. zu sehen. (Für drei ist das, glaube ich, ähnlich.) Aber das ist, lacht nicht, purer Zufall. Wenn man so will eine Marotte der indoeuropäischen Sprachgeschichte.

Wenn man nämlich andere Zahlwörter auf diese Art betrachtet, sieht es lange nicht so schön aus. Vier zum Beispiel. Ich habe nicht allzulange recherchiert, ich habe aus dem Stand auch keinen Zugriff auf eine wissenschaftliche Bibliothek und kann auch keine Sprachen aus dem Dunstkreis Persisch und Indisch. Mein Diagramm für vier ist darum (bei gleicher grundsätzlicher Struktur) etwas magerer, aber es wird trotzdem deutlich, was ich meine:

Die slawischen und baltischen Sprachen haben offensichtliche Gemeinsamkeiten, die romanischen und die germanischen ebenfalls. Bei den keltischen Sprachen ist es schon weniger offensichtlich, Albanisch und Griechisch laufen etwas für sich, Iranisches und Indisches habe ich nicht finden können (bzw. bin beim Versuch der Transkription gescheitert). Der Zusammenhang zum Proto-Indoeuropäischen ist zumindest bei den germanischen Sprachen, beim Griechischen und Walisischen nicht so offensichtlich, und wie Rumänisch zu patru kommt, weiß ich auch nicht.

Ähnlich sieht es bei neun aus. Da habe ich mir das Diagramm gespart, aber zwischen Proto-Indoeuropäisch *neu̯ṇ/*enu̯ṇ, Lateinisch novem, Altslawisch devętь, Litauisch devyni, Walisisch naw, Albanisch nëntë, griechisch enneá, enniá (εννέα, εννιά), protogermanisch *newun, altenglisch niġon, deutsch neun, norwegisch ni, niederländisch negen liegt doch eine Menge sprachlicher Raum…

Bei vier und neun (und bei den anderen Zahlwörtern) lassen sich natürlich Verwandtschaften feststellen, die Zahlwörter lassen sich auf eine proto-indoeuropäische Urform zurückführen, aber so schön offensichtlich wie bei zwei und drei ist es nicht überall.

Dass *ku̯etu̯ōr und quattuor, quatre usw. oder keturi, tschetyre, schtiri usw. verwandt sind, leuchtet ein. Der Sprung von *ku̯etu̯ōr zu kurdisch çar ist da schon größer. Aber um zu griechisch tessera oder den germanischen Wörtern vier, fire, four usw. zu kommen, muss man doch noch um ein oder zwei sprachwissenschaftliche Ecken mehr laufen, das können ungeübte Laien wie ich nicht mehr so ohne weiteres nachvollziehen.

Will heißen, die Verwandtschaft der indoeuropäischen Sprachen am Beispiel eines geschickt gewählten Wortes zu illustrieren ist gut für die Anschaulichkeit und deshalb eine gute Idee, aber nicht wirklich repräsentativ. Die Sprachen sind weiter auseinander, als das eine Beispiel nahezulegen scheint.

Jedenfalls finde ich es spannend, wie Sprachen sich entwickeln und wie lange gemeinsame Wurzeln nachwirken. Und wo gemeinsame Wurzeln feststellbar sind, auch wenn man das als Laie auf den ersten und zweiten Blick nicht sieht. Wer sich da mehr Beispiele anschauen will, kann hier und hier anfangen. Und für die Zeit vor der Ankunft der Indoeuropäer gibt es die Vaskonische Hypothese, der zufolge eine Sprachfamilie in ganz Europa verbreitet war, deren letzter Abkömmling das Baskische ist und auf die viele Flurnamen in ganz Europa zurückgehen dürften. Ein weites und faszinierendes Feld!

 

Advertisements

9 Kommentare on “Zwei, vier, neun”

  1. Yadgar sagt:

    Persisch könnte ich beisteuern:

    1 jak
    2 do
    3 ße
    4 tschahâr
    5 pandsch
    6 schesch
    7 haft
    8 hascht
    9 noh
    10 dah

    jak leuchtet vom Deutschen her nicht unbedingt ein (ist allerdings klar mit sanskrit „eka“ verwandt!), do passt natürlich, ße wieder weniger, tschahâr passt zumindest zum Balto-Slawischen (und zum Irischen!), pandsch und griechisch „penta“ sind einander auch noch nahe, desgleichen, schesch passt einigermaßen zu „sechs“, ebenso haft zu griechisch „hepta“ und hascht zu „acht“, noh zu „neun“ und dah immerhin zu griechisch „deka“ und lateinisch „decem“.

    Gefällt 1 Person

  2. gnaddrig sagt:

    Auf die Idee, Dich nach Persisch zu fragen, hätte ich natürlich auch kommen können. Na, hinterher ist man immer schlauer. Vielen Dank jedenfalls 🙂

    Gefällt mir

  3. cimddwc sagt:

    Spannend finde ich sowas auch immer. 😉

    Im Rumänischen gab’s wohl eine (fast) generelle Lautverschiebung von qu zu p.

    Gefällt 1 Person

  4. gnaddrig sagt:

    Ja, aber wer weiß das schon. Ich hätte es auch nachschlagen müssen. Und die Verwandtschaft ist nach dieser Lautverschiebung nicht mehr so augenfällig wie bei den anderen romanischen Sprachen.

    Gefällt mir

  5. Achim sagt:

    Just my two cents (pun intended):
    – Das p im Anlaut bei Rumänisch passt ins Schema, wenn man die Ausdifferenzierung der keltischen Sprachen danebenhält („p-“ und „q-Keltisch“, habe ich mal gelernt).
    – „k“ zu „t“ im Griechischen ist laut meinem schemenhaften Gedächtnis ein verbreitetes Merkmal, das diese Sprachgruppe kennzeichnet.
    – Das anlautende „f“ im Germanischen ist allerdings nicht einfach zu erklären. Evtl. über Zwischenstufe „p“, was wiederum ins Schema passt (siehe Keltisch, Rumänisch, oder auch penta / fünf).

    Ich finde diese Sachen spannend, hatte im Studium auch mal eine sehr spannende Vorlesung darüber, was es kulturgeschichtlich bedeutet, wenn verschiedene Sprachen bei einem Wort die gleiche Wurzel haben oder gerade nicht… Es ging um Tabuwörter etc. Auch hier kann ich leider keine Details mehr bieten

    Gefällt 1 Person

  6. gnaddrig sagt:

    Ich begnüge mich auch weitgehend damit, das generell spannend zu finden, ohne mich da tiefer reinzuknien. Gelegentlich läuft mir ein Ding wie die Vaskonische Hypothese über den Weg, dann lese ich ein bisschen darüber und finde das sehr interessant, aber dabei bleibt es meistens. Typisch Übersetzer – breites aber weigtehend eher flaches Fachwissen 😉

    Gefällt mir

  7. Yadgar sagt:

    Hmmm… von der Indogermanistik hatte ich das erste Mal mit zehn Jahren erfahren, als mein damaliger Klassenlehrer mir mal einen etymologischen Duden in die Hand drückte… ich wollte nämlich wissen, woher eigentlich das Wort „Fuchs“ kommt und erfuhr dabei, dass es sich wohl ursprünglich um eines der altindoeuropäischen Tabuwörter handelte, ähnlich wie „rkt“, „Bär“ (für den dann ja im Russischen als Ersatz „medwed“, der „Honigfresser“ aufkam, oder im Persischen „khirs“)… seitdem hat mich das Thema nie so ganz losgelassen, insbesondere natürlich was den östlichen Zweig, die ollen Arier, angeht… ja, man würde z. B. schon ganz gerne mal wissen, wann und wo Zarathustra denn nun wirklich gelebt hat, oder wo die sagenhafte Urheimat (nicht die der Gesamt-Indoeuropäer, wohl aber der Arier) „Arjanam Vaedscho“, die im Awesta erwähnt wird, gelegen hat… Reinhard Schmoeckel behauptet ja, es müsste der Südrand der westsibirischen Taiga gewesen sein, zur Zeit der Andronowo-Kultur (um 2000 v. u. Z.)!

    Gefällt mir

  8. gnaddrig sagt:

    Dass der russische Honigfresser als Ersatz für ein Tabuwort erfunden wurde, wusste ich nicht, ist aber sehr interessant. Ich lese auch gern in etymologischen Wörterbüchern, weil da so viel Unerwartetes drinsteht…

    Gefällt mir

  9. gnaddrig sagt:

    Im Language Log wird heute passenderweise ein witziges Projekt zur Rekonstruktion des Proto-Indoeuropäischen vorgestellt: Helpful Google

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s