Schwedisches Elend

Vor einer Weile hat das Schicksal mir die Wallander-Romane von Henning Mankell vor die Nase gespült – in einem offenen Bücherschrank standen alle Romane der Serie in der dtv-Ausgabe. Nachdem mir seit Jahren immer wieder Erwähnungen Wallanders über den Weg gelaufen waren, überwiegend Empfehlungen, habe ich die Gelegenheit ergriffen, da mal einen Blick hineinzuwerfen.

Angefangen habe ich mit Wallanders erster Fall, eine Sammlung von kürzeren Geschichten aus der Zeit von Wallanders Jugend. Ich habe die ersten beiden Geschichten gelesen. Schlecht waren sie nicht, aber vom Hocker haben sie mich auch nicht gerissen. Ein Rezensent bei Amazon schreibt, man merke, dass dieser Band nach den übrigen Romanen entstanden sei und quasi rückdatiert daherkomme. Für Wallander-Fans sei das ganz nett, aber es sei sicher nicht das beste Wallander-Buch. Man möge egal welchen der übrigen Romane zum Einstieg nehmen, der Wunsch nach mehr werde sich dann von selbst einstellen.

Gut, ich also den Band beiseite gelegt und Die weiße Löwin angefangen. Dort derselbe Befund: Nicht schlecht, aber in keinster Weise mitreißend. Gut, es ist ein langsamer Krimi, kein schneller Action-Thriller. Aber derart radikal entschärfen hätte man das auch nicht müssen. Der Autor hat alle actiontauglichen Situationen sorgfältig entschleunigt und so beiläufig wie möglich erzählt, ohne mir erkennbares Gefühl für Timing oder Dramatik. Kann man machen, aber dann liest es sich eben wie das Protokoll einer Konferenz für Buchhalter und nicht wie ein Buch, das unterhalten will.

Der Plot ist ganz nett, obwohl mir die Verknüpfung des geplanten Attentats in Südafrika mit den Irrungen und Wirrungen des schwedischen Polizisten Wallander etwas gesucht vorkommt. Geht aber soweit in Ordnung, da habe ich schon Unwahrscheinlicheres gelesen.

Was mich an dem Buch aber wirklich stört ist die Sprache. Ich kann kein Schwedisch und kann mir das also nicht im Original ansehen. Keine Ahnung, wie Mankell auf Schwedisch klingt. Aber die deutsche Übersetzung ist für mich an der Grenze der Unerträglichkeit. Das Buch hat auf Deutsch keinen Tonfall. Die Sprache ist umständlich, unbeholfen, trocken, emotionslos und völlig uninspiriert. Ein eigener Stil ist nicht erkennbar. Da sind keine Spannungsbögen, nichts.

Schon der erste Absatz ist eine Durststrecke:

Die Immobilienmaklerin Louise Åkerblom verließ die Bankfiliale in Skurup am Freitag, dem 24. April, kurz nach drei Uhr. Sie blieb einen Augenblick auf dem Bürgersteig stehen und sog frische Luft in die Lungen, während sie darüber nachdachte, was sie tun sollte. Am liebsten hätte sie den Arbeitstag jetzt schon abgebrochen und wäre direkt heim nach Ystad gefahren. Aber sie hatte am Vormittag den Anruf einer Witwe bekommen und versprochen, bei einem Haus vorbeizufahren, das die Frau verkaufen wollte. Sie überlegte, wieviel Zeit das in Anspruch nehmen würde. Eine Stunde vielleicht, entschied sie. Kaum mehr. Dann mußte sie Brot kaufen. Für gewöhnlich buk ihr Mann Robert Brot selbst, aber in dieser Woche hatte er es nicht geschafft. Sie überquerte den Marktplatz und hielt sich links, wo die Bäckerei lag. Eine Glocke bimmelte, als sie die Tür öffnete. Sie war die einzige Kundin im Geschäft, und die Frau hinter dem Ladentisch, Elsa Person, würde sich später daran erinnern, daß Louise Åkerblom gut gelaunt zu sein schien und davon gesprochen hatte, wie schön es sei, daß der Frühling endlich käme. [S. 25]

Nun ist der Übersetzer der Wallander-Krimis, Erik Gloßmann, in Deutschland so eine Art Mr. Schwedenkrimi. Ein großer Name, an dem man in dem Genre wohl nicht vorbeikommt. Vielleicht hat sich niemand getraut, ihn zu kritisieren? Oder die Leute finden die Übersetzungen sprachlich ok? Vielen fällt sowas vielleicht gar nicht weiter auf oder sie stören sich nicht dran? Keine Ahnung. Die deutschen Texte sind für mich wie ein kratziges Wollunterhemd im Winter – funktioniert schon, macht aber keinen Spaß.

Jedenfalls, und da ist der Übersetzer aus dem Schneider und der Autor rückt wieder in den Blickpunkt, wird oft viel zu viel unwichtiger Detailkram ausgebreitet, Bauklötzchen für Bauklötzchen. Details, die für die Geschichte egal sind und den Leser nur Lebenszeit und Nerven kosten.

Er ging weiter und rechnete sich aus, welches Haus Nummer 14 sein mußte. Er sah, daß es sich um eine der älteren Villen handelte, mit Erker und verschnörkelten Schnitzereien. Dann lief er denselben Weg wieder zurück. Er wollte versuchen, sich der Villa von der Rückseite her zu nähern. Er durfte kein Risiko eingehen. Konovalenko und sein un bekannter Begleiter konnten im Haus sein, so unwahrscheinlich es auch war.

Auf der Rückseite lag ein Sportplatz. Er kletterte über den Zaun und zerriß sich dabei die Hose. Im Schutz einer hölzernen Tribüne schlich er sich dann an die Villa heran. Sie war gelb, hatte zwei Etagen udn war in einer Ecke mit einem Türmchen verziert. Eine ausrangierte Würstchenbude war gegen den Zaun gelehnt. Geduckt rannte er von der Tribüne zur Bude. Dort zog er die Pistole aus der Tasche. Er blieb fünf Minuten reglos stehen und beobachtete die Villa. Alles war ruhig. In einem Winkel des Gartens gab es einen Geräteschuppen. Er beschloß, sich dort zu verstecken. Noch einen Augenblick nahm er die Villa in Augenschein. Dann ließ er sich vorsichtig auf die Knie hinunter und kroch zur Rückseite des Schuppens. Es war schwierig, über den Lattenzaun zu kommen. Er wäre beinahe auf den Rücken gefallen; es gelang ihm jedoch, die Balance wiederzugewinnen und unbeschadet zwischen Zaun und Schuppen zu landen. Er merkte, daß er keuchte. Das ist die Angst, dachte er. Das sind Konovalenkos Atemzüge, die mir im Nacken sitzen. Er reckte vorsichtig den Kopf und spähte aus seiner neuen Position zur Villa hinüber. Nach wie vor war alles ruhig. Der Garten war überwuchert und ungepflegt. Neben ihm stand eine Schubkarre mit modrigem Laub. Vielleicht war die Villa verlassen. Nach einer Weile war er beinahe davon überzeugt. [S. 465 f.]

Und so weiter und so fort. Erschieß mich bitte schnell jemand, bevor es wieder losgeht mit dieser Wassertropfenfolter.

In Sachen Sprache sind Die weiße Löwin und Wallanders erster Fall gleichauf. Ein Blick in zwei, drei der anderen Bände legt nahe, dass die auch nicht anders sind. Ich habe mich durch Die Weiße Löwin gequält und das reicht mir für alle Zeiten. Ich werde Mankell auf Deutsch nicht mehr lesen. Extra schwedisch lernen werde ich dafür ganz sicher auch nicht.

Ich habe dann noch einen Blick in eine englische Ausgabe der weißen Löwin geworfen und bin mir nicht sicher. Einerseits liest sich das etwas flüssiger, ein kleines bisschen weniger bürokratisch. Vielleicht hat der Laurie Thompson, der Englisch-Übersetzer, mehr geglättet? Andererseits stolpert der englische Text ähnlich blutleer durch die Geschichte wie der deutsche. Es ist also nicht so sehr die Übersetzung, sondern zumindest teilweise muss der schwedische Originaltext von Henning Mankell schon so sein. Ich vermute daher, dass Erik Gloßmann eine gute Übersetzung abgeliefert hat, die den Stil und den Tonfall von Mankell ganz gut trifft.

Da bleibt mir schleierhaft, wieso diese Bücher derart erfolgreich sind – mich hat die Leseprobe abgschreckt.

_______

Henning Mankell, Die Weiße Löwin, dtv 20150, ISBN 3-423-20150-9 (beide Zitate kommen aus diesem Buch)
Henning Mankell, Wallanders erster Fall, dtv 20700, ISBN 3-423-20700-0

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7 Kommentare on “Schwedisches Elend”

  1. verzbilovska sagt:

    Toll! Endlich mal jemand, der Mankell nicht in den Himmel lobt. 🙂
    Als Jugendliche habe ich alle Wallander-Krimis verschlungen. Den nüchternen Schreibstil finde ich gerade für einen gescheiterten Charakter wie Wallander sehr passend.
    Allerdings muss ich dir auch zustimmen, dass es teilweise sehr mühselig war, alles mit der gleichen Aufmerksamkeit zu lesen.
    Nochmal würde ich sie wohl nicht lesen. Ich bin nämlich auch kein Krimi-Fan.
    Vielleicht versuchst du es nochmal mit „Die Hunde von Riga“. Das hat mir persönlich am besten gefallen und ist auch recht kurz.
    Liebe Grüße,
    Kristina

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  2. gnaddrig sagt:

    Mal sehen, ob ich mich traue 😉

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  3. Ich werde mit den ganzen faden Schwedenkrimis auch nicht warm… 😒

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  4. gnaddrig sagt:

    Dann bin ich immerhin nicht der Einzige…

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  5. Achim sagt:

    Ich habe nicht viel von Mankell gelesen, manches im Original, manches in Übersetzung. Aus der Wallander-Reihe sind mir die „Hunde von Riga“ positiv in Erinnerung, auch die „Brandmauer“. Außerdem die „Rückkehr des Tanzlehrers“ und die „Italienischen Schuhe“. Ich fand’s gut, aber nicht so gut, dass ich jetzt das Gesamtwerk inhalieren müsste.

    Ich lese auch kaum noch Krimis, ich finde, dass das Genre zumindest in Deutschland zu viel Raum einnimmt. In manchen Buchhandlungen sind 1/3 der Taschenbücher Krimis (davon die Hälfte aus Skandinavien?). Offenbar ist der deutsche Krimimarkt unbegrenzt aufnahmefähig, weswegen auch mittelmäßiges Zeug übersetzt wird.

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  6. Lakritze sagt:

    Ging mir ebenso; die zweidrei geschenkten habe ich brav gelesen und dann in den Schrank gestellt, der Widmung wegen. Ich bin da aber ohnehin schwierig. Donna Leon, Faye Kellerman und noch ein paar – war alles nix. Vargas mochte ich. Haas. Und die Alten: Glauser, Sayers. Die haben aber alle auch sprachlich deutlich mehr zu bieten als Hauptsatz an Hauptsatz.

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  7. gnaddrig sagt:

    @ Achim: Stimmt, wahnsinnig viele Krimis. Und die nichtskandinavischen sind Krimis mit Regionalbezug, vor allem Ostfrieslandkrimis…

    @ Lakritze: Mir geht es oft so, dass ich bei vielem, was populär ist, schon sehe, warum Leute da mögen, mich aber ein paar Details stören und ich mich dann auf Nischenprodukte/-autoren/-musiker einschieße, die diese Details (für mich) richtig hinkriegen. Oder die Details vermeiden, die mich an den anderen stören, wie auch immer.

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