Der richtige Zug

Der ICE war schon mit fünf Minuten Verspätung losgefahren, wegen „verspäteter Bereitstellung“, und hatte diese Verspätung bis Mannheim durchgeschleppt. Dort hätte er planmäßig 9 Minuten Aufenthalt (warum auch immer so lange), gönnt sich aber 12. In Frankfurt/Main Hbf macht er auch nochmal ordentlich Pause und fährt dort mit 16 Minuten Verpätung ab. Übrigens ohne dass die Bahn das irgendwie kommentiert oder erklärt.

Hanau wird mit unveränderter Verspätung passiert. Kurz vor Fulda sagt die Zugchefin durch, ein Anschluss-ICE (den viele Mitreisende erreichen wollen) stehe noch im Bahnhof, es sei denkbar, dass der noch erreicht werde, man könne das aber nicht versprechen. Der Anschlusszug fährt dann genau in dem Augenblick los, als unser Zug mit seinen 16 Minuten Verspätung am selben Bahnsteig gegenüber zum Stehen kommt.

Weiterfahrt nach Kassel Wilhelmshöhe. Dort hätten wir nach Fahrplan eigentlich 14 Minuten Zeit zum Umsteigen, und ich fange schon an, mir über alternative Verbindungen Gedanken zu machen. Der Schaffner sagt auf Nachfrage mehrerer Fahrgäste nur, die Zugchefin wolle wohl nochmal telefonieren, ansonsten wisse er auch nicht mehr als in „Ihr Reiseplaner“ steht (in dem übrigens unser Anschlusszug fehlt).

Kurz vor Wilhelmshöhe meldet sich dann die Zugchefin: Da der Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe die Zusammenarbeit mit uns verweigert, können wir leider keinerlei Angaben zu Anschlusszügen machen. Bitte achten Sie auf die Ansagen am Bahnsteig.

Wir fahren mit 5 Minuten Verspätung unerwartet früh in Wilhelmshöhe ein. (Großartige Leistung des Lokführers übrigens. Auf so kurzer Strecke so viel Verspätung aufzuholen – der weiß also doch, wo das Gas ist!) Die Verbindung ist also gesichert, zumal der Anschlusszug seinerseits 5 Minuten Verspätung hat. (Eine Konstellation, die mich in den letzten Jahren schon mehrmals gerettet und vor erheblichem Ärger bewahrt hat – manchmal ist man sogar für Verspätungen dankbar!)

Der Anschlusszug ist einer dieser uralten Eurocity-Züge, die bis zum endgültigen Zerfallen noch als IC kursieren. Schon etwas angegammelt, aber ganz ok. Ich mag die, vor allem diese chaotischen Großraumabteile mit den wie wahllos über den verfügbaren Raum verteilten Sitzen. Nur leider waren die Platzreservierungen, die wir wohlweislich gekauft hatten, für das Layout des klassischen ICs erstellt worden. Das heißt, unsere laut Buchung drei zusammenhängenden Sitze mit Tisch im Großraumabteil waren jetzt in Wahrheit über zwei Sechserabteile verteilte Einzelsitze.

Da frage ich mich erstens, ob die Reservierungen so überhaupt gültig sind und man Leute von Plätzen verscheuchen kann, die zufällig dieselbe Wagen- und Platznummer wie die Reservierung haben, aber ganz anders aussehen als dort beschrieben. Und zweitens, ob man von der Bahn das Geld zurückverlangen kann, wenn die Reservierungen offensichtlich wertlos sind (wobei die im ersten Zug schon gepasst hatten und für den ersten Teil der Reise ohne den Anschlusszug genausoviel gekostet hätten. Schwierige Frage, nur ist der Streitwert zu gering, als das man das sauber gerichtlich klären lassen könnte, selbst wenn man das wollte. Kanonen auf Spatzen und so.)

Außerdem ist der Zug überfüllt, weil er einen Teil der Fahrgäste eines ausgefallenen Zuges aufnehmen musste. Nun, so Sachen passieren, da steckt man nicht drin. Man arrangiert sich, und es geht auch eigentlich ganz gut mit den Sitzplätzen.

Der Zugchef meint, an jedem Halt per Ansage darauf hinweisen zu müssen, dass die Anzeige der Platzreservierungen defekt sei, man möge doch bitte Reservierungsinhabern ihre Plätze freigeben. Dumm nur, dass der Zug gar keine Reservierungsanzeige hat, die hätte kaputtgehen können, der läuft nämlich noch mit dem alten Zettelsystem, wo der Schaffner nach jedem Bahnhof durchgeht und die obsoleten Reservierungszettel aus den entsprechenden Fächern an den Abteiltüren bzw. über den Sitzplätzen im Großraumabteil klaubt und u.U. neue reinsteckt. Wenn der Zugchef das nicht weiß, ist der überhaupt im richtigen Zug?

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13 Kommentare on “Der richtige Zug”

  1. Achim sagt:

    In der ersten Hälfte der 90er war ich Bahnpendler. Damals nannte der Laden sich „Unternehmen Zukunft“. Ich fand „Unternehmen Zufall“ viel besser. Weiterer Slogan: Zuglaufschilder sind Glückssache. Das Thema hat sich ja mangels lesbarer Zuglaufschilder weitgehend erledigt 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    „Unternehmen Zukunft“ passt schon – die Ankunft liegt meistens weiter in der Zukunft als geplant…

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  3. Lutz Prauser sagt:

    Senk ju for träeveeling wis Deutsche Bahn – immer wieder erfrischend, davon zu lesen, dass es anderen bei der Bahn auch nicht besser geht und man nicht der einzige ist, der sich nur noch wundert…

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  4. gnaddrig sagt:

    Man kann ein paarmal Glück haben, aber irgendwann erwischt es jeden, der Bahn fährt.

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  5. cimddwc sagt:

    Mannheim ist wohl auch ein wichtiger Knoten, in dem mehrere Umsteigeverbindungen zusammentreffen, da werden manche halt längeren Aufenthalt haben müssen.

    „Anzeige der Platzreservierungen defekt“ – vielleicht fehlt für die alte Zettelvariante mittlerweile ein vorgedichteter Standardtext…?

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  6. gnaddrig sagt:

    Was Mannheim angeht: Einerseits ja. Andererseits halten ICEs an anderen wichtigen Knoten auch nur zwei oder drei Minuten. Und soweit ich mich erinnere, stehen auch nicht alle ICEs so lange in Mannheim, kann ich jetzt auf die Schnelle aber nicht nachprüfen. Egal…

    Zur Ansage: Die richtige Aussage („Es gibt keine Anzeige der Platzreservierungen“ oder so, meinetwegen auch: „Aus technischen Gründen können die Sitzplatzreservierungen in diesem Zug nicht angezeigt werden“) zu improvisieren ist wahrscheinlich aus tarifrechtlichen Gründen nicht möglich. Lieber nicht dran rühren, sonst schießt Weselsky wieder Kobolz…

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  7. Lakritze sagt:

    Am „besten“ ist die verweigerte Zusammenarbeit des Bahnhofs, doch. Da fragt man sich schon, was die so reitet.
    Solche Geschichten kenne ich natürlich auch; zum Glück aber auch andere, mit höchst kompetenten, einfallsreichen und freundlichen Bahnmitarbeitern. Letztlich sind die es, die das Erlebnis wieder rausreißen können; der Konzern … naja. (Kürzlich kriegte ich Kekse geschickt. Kekse! Mit Textbausteinen: Trostpreis für eine Verspätung. So einen Quatsch könnten sie sich sparen, wenn sie an anderen Enden – zum Beispiel beim Bereitschaftspersonal – nicht sparen würden.)

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  8. gnaddrig sagt:

    Ja, das mit der Zusammenarbeit ist eine echte Perle. Und mit den Geschichten geht es mir ähnlich: Die Leute im Zug und am Bahnsteig sind ganz überwiegend freundlich und sehr bemüht, da erlebe ich eher unmögliches Verhalten von Fahrgästen. Aber eine Ebene höher sieht es schon anders aus. Da frage ich mich schon manchmal, ob die nicht können oder nicht wollen.

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  9. Achim sagt:

    Sie können ja, wenn sie wollen. Markantes Erlebnis (wenn auch schon lange her, war noch vor ICE-Einführung): Fahrt mit IC aus Süddeutschland mit Reiseziel Kiel, heftiger Wintereinbruch, Fahrplan Makulatur. Zwischen Kassel und Göttingen meldet sich der Zugchef, weist auf das Wetter und die resultierende Verspätung von ca. einer Stunde hin und kündigt an, dass er und sein Kollege gleich durch den Zug gehen, wer in Hannover noch weiter muss (der IC sollte nach Bremen fahren), soll sich melden. Haben sie auch brav gemacht und gezählt. Dann Durchsage: „In Hannover am gleichen Bahnsteig wartet ein Ersatzzug für den Anschluss-IC nach Hamburg, der nicht wartet. Reisende nach Kiel und Westerland erreichen in HH Altona jeweils einen verspäteten Regionalexpress. Reisende nach Schwerin steigen bitte in HH Hbf aus und fahren von dort mit einem Kleinbus weiter.“
    Der Ersatzzug in Hannover war eine 103 mit einem einzigen 1.-Klasse-IC-Waggon. Das hat einem bei der Abfahrt richtig in die Sitze gedrückt. Aber für so etwas steht heute wahrscheinlich nicht mehr genug Reserve in den Hallen. Vom Fahrpersonal mal abgesehen.

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  10. gnaddrig sagt:

    Vor dem ICE war ja der IC das Flaggschiffprodukt, da wurde dann bei Verspätung schonmal ein Zug extra für ein paar Fahrgäste losgeschickt. Obwohl, meine Tochter hat kürzlich mal eine Evakuierung auf freier Strecke erlebt – ICE bleibt mit Maschinenschaden auf freiem Feld stehen, nach ner Stunde hält auf dem anderen Gleis der Ersatz-ICE. Umstieg durch Stege zwischen den Türen…

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  11. Yadgar sagt:

    …oder vorgestern im Kölner Hauptbahnhof die flammneuen Doppelstock-IC-Wagen: mehrere Türen defekt! Nee, da fahre ich lieber mit der SNCFT von Bir Bou Rekba nach Tunis, da sind erst gar keine Türen drin…

    …und die Hikaris auf der Shinkansen-Strecke von Tokio nach Hiroshima haben sich noch nie um mehr als sechs Sekunden (!!!) verspätet und halten immer zentimetergenau an den Türmarkierungen auf dem Bahnsteig! Wie schaffen die Japaner das bloß?

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  12. Yadgar sagt:

    Tja, das kommt davon, wenn man in einem Land, dessen Topographie in weiten Teilen gar keine Hochgeschwindigkeitsstrecken zulässt, partout Hochgeschwindigkeitszüge haben will… („wäääh, die Franzosen haben den TGV! Und wir?!?“ – ja die Franzosen haben den TGV, die haben aber auch die dazu passende Musik: Jean-Michel Jarre und Serge Blenner… mit Kraftwerk und Tangerine Dream auf den Ohren kann aber man nicht futuristisch rumspeeden, sondern dödelt triebschwach auf Gleisen aus Kaiser Wilhelms Zeiten durch die Landschaft!) aber das ist ja bald Schnee von gestern, wenn unter meiner wohlwollenden Weltdiktatur die Zehnmeterspurbahn kommt, werden diese lästigen Mittelgebirge einfach weggesprengt! Und den Soundtrack dazu spiele ich höchstpersönlich auf einer der an Bord installierten Theaterorgeln ein, jawohl!

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  13. gnaddrig sagt:

    Ach, fang mir nicht von diesen bescheuerten Doppelstock-ICs an. Reisezüge praktisch ohne Gepäckraum mit einem Raumgefühl wie ein Kleinstwagen. Völlige Schnapsidee…

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