Zerlegt

Kleinstadtbahnhof, Abenddämmerung. Am Ende der Bahnsteige steht die Feuerwehr mit mehreren Fahrzeugen direkt am Gleis, daneben die Polizei und etwas abseits der schwarzgraue Kombi eines Bestatters. Der halbe Bahnhof ist mit rotweißem Band abgesperrt. Feuerwehrleute klauben mit Greifzangen Undefinierbares aus dem Schotter zwischen den Gleisen und sammeln es auf einer großen weißen Plane. Andere stehen mit Schläuchen auf dem Bahnsteig und spritzen gelegentlich Wasser und Schaum auf die schon abgesammelten Abschnitte von Bahnsteig und Schienen.

Eine Menge verhinderter Fahrgäste steht ziemlich gedämpft auf dem nicht gesperrten Teil der Bahnsteige. Manche unterhalten sich, manche telefonieren nach Hause, dass sie später kommen, die meisten blicken nachdenklich bis trüb vor sich hin.

Überall auf den Schienen und dem einen Bahnsteig liegen Seiten eines auseinandergrissenen Buchs, zerfetzt, teils nass, teils mit irgendwas verschmiert. Das wird jetzt auch nicht mehr gelesen.

Mittlerweile ist es dunkel. Ein paar Feuerwehrleute tragen die weiße Plane von den Gleisen, andere bauen die Beleuchtung ab und packen zusammen. Die Absperrungen werden aufgehoben, Feuerwehr und Polizei rücken ab, der erste Zug fährt ein.

Am Abend darauf stehe ich wieder an demselben Bahnsteig und warte auf meinen Zug. Es nieselt, es riecht irgendwie metallisch und ungewohnt. Der Blick wandert unwillkürlich über die Gleise. Dort sehe ich an mehreren Stellen undefinierbare rote Schlieren. Nichts Erkennbares, und das ist mir auch ganz recht so. Das Kopfkino ist so schon schlimm genug.

Ich habe eine ungefähre Vorstellung, was da passiert ist. Aber ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Das zerfetzte Buch und der Ort des Zusammenpralls direkt im Bahnhof könnten auf einen Unfall hindeuten, einen Moment der Unachtsamkeit eines Reisenden, schlichtes Pech, ich weiß es aber nicht.

Unfälle passieren, leider, das wird man nie ganz verhindern können. Und wenn es kein Unfall war, hätte man vielleicht verhindern können, dass es soweit kommt. Dann gäbe es jetzt eine Lücke weniger in einer Familie, einem Freundeskreis, einer Nachbarschaft.

Oft kann man was machen, wenn jemand nicht mehr leben will. Aber dazu muss man die Anzeichen überhaupt rechtzeitig wahrnehmen und richtig interpretieren. Und dann muss man wissen, wie man damit umgeht oder wenigstens wo man Hilfe bekommen kann.

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfe in Lebenskrisen e.V.

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7 Kommentare on “Zerlegt”

  1. Wolf Niese sagt:

    Hoffe ich, dass dich die Bilder nicht so lang verfolgen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Nö, das geht schon. Wenn ich an die Begebenheit denke, sehe ich zuerst die zwei Feuerwehrleute mit dem Schlauch auf dem Bahnsteig und dann die zerfetzten Buchseiten. Das ist traurig genug, aber erträglich. Aber danke 🙂

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  3. Lo sagt:

    Heftig.

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  4. gnaddrig sagt:

    Allerdings. Als Pendler erlebe ich zwar ein- bis zweimal im Jahr eine mehrstündige Streckensperrung wegen Personenschaden oder „Notarzteinsatz im Gleis“, aber so nah war es noch nie. Ich bin froh, dass ich nicht dabei war, es hat mir so schon gereicht.

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  5. Lo sagt:

    Ich kenne das aus Erzählungen meines Sohnes, der täglich zwei mal zwei Stunden mit der Bahn pendeln musste. Aufgrund solcher traurigen Anlässe habe ich ihn manchmal stark verspätet erst nachts vom Bahnhof abholen müssen. Bei den Zuggästen, so sagte er mir, machte sich manchmal eine Art Wut auf die Leute breit, die ihr Leben auf die Weise, sich vor den Zug zu werfen, beendeten.

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  6. gnaddrig sagt:

    Hmja, Wut ist vielleicht etwas hochgegriffen. Es ist (glaube ich zu beobachten) eher eine Art genervter, manchmal ziemlich gereizter Resignation. Man kann nichts ändern, es dauert wie lange es dauert und man hängt da jetzt mitten drin. Ich selbst bin immer hin- und hergerissen zwischen dem Ärger über die verlorene Zeit und dem Mitgefühl mit Leuten, die keinen anderen Ausweg für sich gesehen haben als sich vor den Zug zu werfen. So einem Entschluss geht ja viel Leid voraus, das macht ja keiner aus Jux und Dollerei.

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  7. Lo sagt:

    Ja, das stimmt.

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In den Wald hineinrufen

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