Dimensionsübergreifende Inventur

Ich habe im Lauf meines Lebens so einige Ferienwohnungen in einer Reihe von Ländern erlebt. Die Wohnungen waren mal größer, mal enger, mal besser ausgestattet, mal weniger gut. Es waren schöne und weniger schöne dabei, gepflegte und vergammelte, ziemlich neue und reichlich runtergerittene. Eins haben fast alle gemeinsam: Die merkwürdige Ausstattung mit Geschirr, Besteck und Küchenutensilien, und zwar je länger die Wohnung schon als Ferienwohnung in Betrieb ist, desto wilder.

Dass in einer ausdrücklich als Nichtraucherwohnung vermarkteten Wohnung mehrere Aschenbecher stehen ist kurios genug. Ob eine Bowlenschale mit 12 passenden Gläsern sinnvoll ist, kann man diskutieren. Wenn das Inventar einer von Privatleuten vermieteten einzelnen Ferienwohnung nicht aus nagelneuer Designerware besteht, sondern die Eigentümer dort eigene Altbestände aufbrauchen, ist das auch nicht weiter ungewöhnlich.

Wenn aber in einer für maximal vier Personen ausgelegten Wohnung über 20 flache Teller mehrer verschiedener Designs und nochmal soviele ebenso zusammengewürfelte Suppenteller stehen, wird es schräg. Oder um die 20 Weingläser verschiedener Formen, kaum mehr als drei von derselben Größe und Form, ein Dutzend Sektgläser, fast ebensoviele Likörgläser, drei einzelne Schnapsgläser und eine Karaffe. Oder zwei Dutzend bunt zusammengesuchte Tee- oder Kaffeepötte zuzüglich zwei feiner Kaffeeservice für je vier Personen.

Oder werfen wir einen kurzen Blick in die Kochnische: Drei Sparschäler, mehrere Dosenöffner, viele, viele Teelöffel, also wirklich viele, eine Fleischgabel, ein paar kleine Küchenmesser, aber kein Brotmesser, keine Suppenkelle, kein Pfannenwender. Zwei riesige nicht mehr vollständig antihaftbeschichtete Pfannen, in denen man Paella für einen ganzen Pfadfinderstamm zubereiten könnte, aber kein spagettitauglicher Topf. Ein paar Topfdeckel, die auf keinen der vorhandenen Töpfe passen. Handgestrickte Topfuntersetzer aber keine Topflappen. Ein aufwändiger Eierkocher, sieben zusammengewürfelte Eierbecher, aber kein Toaster. Eine antike Kaffeemaschine. Ein müder Mixer, wo man die leiernden Umdrehungen mit bloßem Auge mitzählen kann. Nach einer halben Minute auch mit geschlossenen Augen wegen der elektrischen Blitze aus dem Motor, und der Rauchmelder teilt mit, wenn die Schlagsahne fertiggeschlagengerührt ist.

Manche dieser Wohnungen gehörten zu größeren Ferienwohnungsimperien, andere kleinen Privatinvestoren. Alle diese Wohnungen wurden aber gewerbsmäßig angeboten und fast alle von einschlägigen Profis betreut. Aber weder an der Ausstattung noch am Zustand der Wohnung ließ sich das ablesen. Die geschilderten Merkwürdigkeiten in der Ausstattung waren zumindest in Ansätzen überall zu beobachten.

Das legt einen Effekt nahe, der allgemein in Ferienwohnungen auftritt. Vielleicht gibt es, analog zu Terry Pratchetts L-Space, der von größeren Ansammlungen von Büchern gebildet wird und in dem besondere Gesetzmäßigkeiten gelten, ja auch eine eigene Dimension für Ferienwohnungen. Vielleicht bilden die Ferienwohnungen dieser Welt einen eigenen Raum, in dem auch eigene Gesetzmäßigkeiten gelten.

Es wäre durchaus denkbar, dass die in allen Haushalten dieser Welt gelegentlich verschwindenden Gegenstände in diesen F-Raum gezogen werden und dann in irgendwelchen Ferienwohnungen auftauchen. (Außer Socken, die werden bekanntlich von kleinen Monstern gefressen, die in Waschmaschinen leben.)

In jedem Haushalt sind nach ein paar Jahren weniger Teelöffel vorhanden als Suppenlöffel, Gabeln und Messer. Tassen, Dosenöffner, Knoblauchpresse, Topfdeckel, Pfefferstreuer, alle diese Dinge verschwinden mit der Zeit und man findet sie nie wieder. Die werden vermutlich überwiegend in den F-Raum gezogen. Ausnahmen sind die versehentlich aufgesaugten Kleinteile (allerdings findet man auch in neuen, noch fast leeren Staubsaugerbeuteln längst nicht alle wieder), die von Kleinkindern in den Müll oder ins Klo geschmissenen Dinge, durchaus auch Besteck, und die bei jedem Umzug unter Schränken gefundenen, oft lange verschollenen Teile.

Diese letzteren sind aber niemals alles, was der Haushalt im Lauf der Jahre an Inventar verloren hat. Möglicherweise stellen staubige Ecken unter Schränken kleine Wirbel am Rand des F-Raums dar, die kleinere Gegenstände anziehen und festhalten und so deren große Reise in den eigentlichen F-Raum verhindern.

Vermutlich muss ich noch ein paar Ferienwohnungen durchtesten, bevor mir mal ein Teelöffel oder Dosenöffner begegnet, der unerklärlicherweise aus meinem Haushalt (oder dem meiner Eltern, das Phänomen beobachte ich ja schon länger) verschwunden ist.

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7 Kommentare on “Dimensionsübergreifende Inventur”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Wir hatten in Frankreich mal eine Ferienwohnung, deren sämtliche Schränke und Schubladen derart mit Geschirr und Besteck und Küchenutensilien znd Haushaltswaren und nicht-verderblichen Lebensmitteln und Pröll zugemüllt waren, dass es null Platz für eigene Sachen gab. So mussten wir einen Teil des Esstischs als Schrank definieren, und ungekochte Nudeln und Reis und Kekse und Müsli dürften in den Kühlschrank.

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  2. gnaddrig sagt:

    Schick. So extrem habe ich es noch nicht erlebt. Einmal hatten wir allerdings einen Küchenschrank mit drei oder vier angebrochenen, seit Jahren abgelaufenen Flaschen Olivenöl und schon etwas betagten Cornflakes. Immerhin ohne Motten…

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  3. Yadgar sagt:

    Zum Glück gehören Ferienwohnungen im Zeitalter der Zehnmeterspurbahn der Vergangenheit an… vielleicht nicht für die Proleten in der 3. Klasse, aber schon in der 2. Klasse geht es intim genug zu, dass man auf so ein verranztes Wohnklo mit Meerblick gerne verzichtet! 1. Klasse-Reisende oder gar Eigentümer von VIP-Waggons spielen eh in einer ganz anderen Liga… in welcher Ferienwohnung ist eigentlich die Haltung von Luchsen erlaubt? Eben!

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  4. Vielleicht kannst Du auch erklären, warum Messer bei ihrer Reise durch’s F-Loch grundsätzlich ohne einen Hauch von Schneidfähigkeit in der Ferienwohnung oder dem Ferienhaus auftauchen. Da, wo ich derzeit hause, gibt es mehr Messer als ein vernünftiger Haushalt braucht. Aber nicht eins, mit dem man tatsächlich schneiden kann. Und keinen Schleifstab um wenigstens kurzfristig Besserung zu erzielen. Dafür aber zwei Pürierstäbe und fünf Auflaufformen.

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  5. gnaddrig sagt:

    Das mit den Messern kann ich mir auch nicht erklären. Es ist ja auch so, dass man Messer in Ferienwohnungen auch fast nie wirklich scharf kriegt, nicht einmal mit den unglasierten Unterkanten von Tassen oder Müslischalen.

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  6. Es bleibt ein Mysterium.

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  7. […] Ausstattung von Ferienwohnungen ist immer wieder für Überraschungen gut oder gibt doch wenigstens zu denken. Ein besonderer Ausstattungsposten sind Pfannen. Antihaftbeschichtete Pfannen, also eigentlich. In […]

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In den Wald hineinrufen

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