Weltherrschaft

In den letzten Tagen habe ich einen erheblichen Teil meiner Freizeit darauf verwendet, die Weltherrschaft zu erringen. Naja, nicht eigentlich die Weltherrschaft. Ich wollte nur möglichst viele Büroklammern herstellen, und zwar – weil ich im Spiel eine nicht ganz zuendegedachte Künstliche Intelligenz bin, die Büroklammern fabrizieren soll – bis sämtliche Materie des Universums zu Büroklammern verarbeitet ist.

Das Spiel macht optisch eher nicht so viel her, es hat die Anmutung einer Tabellenkalkulation, wie sie wohl in jeder Lohnbuchhaltung zu finden ist. Es gibt Zahlen und deren Beschreibungen, Kästen und Trennlinien. Man klickt gelegentlich auf Buttons und sieht ansonsten Zählern beim Zählen zu und langen Zahlenreihen beim Flimmern. Farbe kommt in dem Spiel praktisch nicht vor, nur ein Regler, der eine Weile lang zu sehen ist, ist blau (und das auch nur im Internet Explorer 11, nicht in Chrome oder Firefox), ansonsten gibt es nur Schwarz und ein paar Grautöne.

Gelegentlich ändert sich mit einem Klick alles, dann finden sich neue Zahlen und Tabellen, Buttons, Funktionen und Möglichkeiten. Das ist manchmal spektakulär, aber im Prinzip bleibt alles beim Alten: Man hat viele sich ständig ändernde Zahlenwerte auf dem Bildschirm, und die Zahl der hergestellten Büroklammern steht groß und fett und schwarz über allem, und solange die wächst ist alles ok.

Auch wenn das hier das Paradies für Buchhalter, Controller und vermutlich überhaupt viele BWLer ist (die Welt besteht im Prinzip nur aus Zahlen, die man durch allerlei Manipulationen optimieren muss, Menschen kommen da nicht vor), kommen auch Action-Elemente ins Spiel, etwa schematische Darstellungen von großartigen Schlachten zwischen Rudeln von Weltraumsonden. Das ist auch der einzige karge Einsatz nichtschriftlicher Elemente. Die Raumsonden können irgendwann mit Kampfkraft ausgestattet werden, es gibt Ehrenpunkte, für die man dann wieder nützliche Eigenschaften für die Sonden kaufen kann.

Wie gesagt, das Spiel sieht nach nichts aus. Trotzdem hat es einigen Zug. Es kommt ohne Erklärungen, Handbuch, Spielregeln usw. aus, man kann einfach drauflosspielen, man muss nur einigermaßen Englisch können. Wenn es doch mal hakt, dauert es schlimmstenfalls eine Weile, bis man merkt woran es liegt, aber das Ding ist erstaunlich robust. Es ist vom Suchtpotenzial sowas wie Tetris mit Zahlen – man (verallgemeinere ich jetzt mal meine persönliche Erfahrung) kommt für eine Weile schwer davon weg.

Man kann das Ding aber auch über längere Zeit im Browser laufen lassen, ohne dass man sich drum kümmert. Das ist sogar sinnvoll, dann produzieren die verschiedenen Prozesse und Abteilungen Rohmaterial und investierbare Mittel, mit denen man dann die nächsten Höhen erklimmen kann – es gibt keine Level unter der Bezeichnung, aber es findet durchaus eine Höherentwicklung der Spielumgebung statt. Das lässt sich aber besser selbst ausprobieren als beschreiben.

Im Lauf des Spiels bestätigt sich, was man schon gleich am Anfang geahnt hat: Es geht nur um genau eine Sache. Das Ding ist eine Einbahnstraße. Manchmal gibt es Abzweigungen, die Straße teilt sich, aber irgendwann kommt alles wieder zusammen, und es dient sowieso nur dem einen großen Zweck: Büroklammern herzustellen, je mehr je besser, je schneller je besser. Egal wie, hauptsache Büroklammern! Viele Büroklammern! BÜROKLAMMERN! BÜ-RO-KE-LAM-ME-REN! MEHR BÜROKLAMMERN! MEHRMEHRMEHRMEHR!!!! BÖH-ROH-KLAH-MAHN!!!EINSELF!!

Und erst wenn der letzte Sternstaubkrümel zu Büroklammern verarbeitet ist (es sind – ACHTUNG SPOILER! –  am Ende übrigens, nach Verwertung der durch vollständige Erforschung des Universums und anschließende, wieder wie ganz am Anfang händische Verarbeitung zu Büroklammern aller verwertbaren Materie überflüssig gewordenen Sonden, Drohnen, Rechner, Fabrikationsanlagen usw. genau 30.000 sexdecillion, also 3 * 1055 Stück) werdet ihr merken, dass man Büroklammern nicht essen kann.

Deshalb dürfte es eine gute Idee sein, sich vorher zu überlegen, was für Ziele man von Künstlichen Intelligenzen betriebenen Apparaten vorgibt, welche Werte man ihnen einpflanzt, welche ethischen Grenzen man ihnen setzt. Erstmal Fakten zu schaffen, weil man kann, und später sehen zu wollen, wie man die gerufenen Geister und die (oft genug schon gut absehbaren) Folgen handhabt, kann böse in die Hose gehen. Nicht immer wird man mit einem neurotischen dauersabbelnden Toaster vergleichsweise glimpflich davonkommen. Anders als in diesem Spiel gibt es kein zweites Universum, mit dem man es nochmal versuchen kann…

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Das Spiel: Universal Paperclips
Der Autor: Frank Lantz

Und hier noch eine Rezension von James Vincent auf The Verge: A game about AI making paperclips is the most addictive you’ll play today

 

Nachtrag (07.11.2017): Es gibt natürlich auch schon ein Universal Paperclips Wiki zum Spiel.

Nachtrag (18.11.2017): Manche fangen auch schon an, Künstliche Intelligenz anzubeten. Echt jetzt: Man kann Kirche nicht ohne KI schreiben.

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7 Kommentare on “Weltherrschaft”

  1. Yadgar sagt:

    Da bin ich ja in Freeciv noch denkbar weit von der maximal möglichen Weltherrschaft entfernt – alle Zivilisationen (das können bis zu 126 Gegner sein!) bis auf zwei Städte erobert, alle Landflächen besiedelt, alle Flachseegebiete in Land umgewandelt und dort ebenfalls Städte gebaut, alle Städte bis zur maximal möglichen Bevölkerungszahl entwickelt… und das Ganze auf 2048000 Spielfeldern!

    Abgesehen davon, dass heutige PCs die maximale Spielfeldgrüße nicht mal ansatzweise handhaben können (schon bei 100000 Feldern wird es elend langsam, sogar auf meinem Hexacore) , ein Spiel dieser Größe zu Ende zu bringen ist eine Aufgabe für ein ganzes Leben!
    Aber was wirklich jämmerlich ist: man kann nicht einmal Zehnmeterspurbahnen bauen! Was ist Weltherrschaft ohne Zehnmeterspurbahnen? Ohne relative Unsterblichkeit und bioelektronisch aufgerüstete Hausluchse?

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  2. gnaddrig sagt:

    Da ist sicher zu viel Schnickschnack im Spiel. Wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert (Büroklammern!), reicht ein ordinärer Durschnitts-PC aus. Und aus Büroklammern könnte man auch Zehnmeterspurbahnen bauen…

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  3. cimddwc sagt:

    Dem Link zum Spiel fehlt ein http://

    Weil man Büroklammern nicht essen kann, empfehle ich Cookies. Dafür gibt’s etwa „Cookie Clicker“, läuft auch im Browser mit JavaScript, bietet trotzdem Grafik. Und mit der Zeit auch irrsinnig hohe Zahlen…

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  4. gnaddrig sagt:

    Danke für den Hinweis, hab’s geflickt. Den Cookie Clicker schaue ich mir vielleicht mal an. Kekse sind immer gut 😉

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  5. Das erinnert mich an den „Deadly Stamp Collector“:

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  6. gnaddrig sagt:

    Den kannte ich noch nicht. Hochinteressant, das. Gute Erklärung, was eine künstliche Intelligenz ausmacht und dass die völlig anders ticken wird als menschliche Intelligenz.

    Sehr schön auch die Zusammenfassung von Rob Miles: „There comes a point where the stamp collecting device becomes extremely dangerous, and that point is: as soon as you switch it on.“

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  7. gnaddrig sagt:

    Allerdings sieht es nicht so aus, als sei eine Künstliche Intelligenz in Sichtweite, die der Menschheit auch nur ansatzweise gefährlich werden kann (da ist der Mensch und seine Dummheit immer noch das Gefährlichste, was uns passieren kann).

    Rodney Brooks hat ziemlich ausführlich über die Grenzen Künstlicher Intelligenz geschrieben: The Seven Deadly Sins of Predicting the Future of AI. Sehr lang und sehr lesenswert, und die KI-Apokalypse kommt sicher nicht in ein paar Jahren.

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