Buchstabendreher

Wörter kommen ja oft weit herum. Sie werden aus verschiedensten Gründen von einer Sprache in die nächste weitergereicht, bis wir ihnen dann begegnen. Es gibt im Deutschen Lehnwörter aus einer beachtlichen Vielzahl von Sprachen aller Herren Länder, die manchmal direkt, öfter auf Umwegen im Deutschen gelandet sind. Im letzteren Fall meist über das Spanische, Französische, Englische oder Jiddische.

Unerwartete Weiterreichungsreihen sind da gang und gäbe. Das englische blue etwa heißt zwar blau und ist dem deutschen blau auch sichtbar ähnlich. Dabei kommt es aber nicht aus dem anfangs mit dem Altsächsischen (oder Altniederdeutschen) noch fast identischen Altenglischen, wie man naheliegenderweise denken könnte, sondern ist später auf dem Umweg über das Französische auf die britischen Inseln gelangt.

Dass beim Übernehmen fremder Wörter gelegentlich was schiefgeht, liegt nahe, zumal in Zeiten ohne verbindliche Rechtschreibung oder gar bei sowieso überwiegend mündlicher Überlieferung. Sowieso werden übernommene Wörter früher oder später an die aufnehmende Sprache angepasst, bis sie gar nicht mehr als Lehnwörter erkennbar sind. Man denke nur an den urdeutschen Keks (der Keks, des Kekses, die Kekse), wo man kaum auf die Idee kommt, dass Keks (trockenes Kleingebäck) der eingedeutschte englische Plural cakes (süßes Gebäck) ist – den Plural als Singular übernommen, die Aussprache an hiesige Gepflogenheiten angepasst, die Bedeutung geringfügig verschoben.

Dass Wörter beim Import an die phonetischen und grammatischen Gegebenheiten der aufnehmenden Sprache angepasst werden ist normal. Den deutschen Singular Keks hatten wir schon. Ähnlich ist es dem US-Dollar beim Sprung in die russische Sprache ergangen. Dort heißen Dollars umgangssprachlich oft баксы (baksy), abgeleitet von Amerikanisch bucks, dabei ist ein Dollar один бакс (odin baks), also gewissermaßen ein Dollars. Und viele Deutsche machen auf Mallorca Urlaub, und zwar nicht auf [maˈʎoɾka], sondern auf auf [maˈlɔrka] mit doppeltem l. Briten dagegen fahren nach [məˈjɔːrkə] ohne l, Amerikaner nach [məˈdʒɔrkə], Franzosen nach [maˈʒɔʁk].

Aber gelegentlich gehen über die normale Anpassung der Aussprache auch andere Sachen daneben. Es gibt zum Beispiel Wörter, in die sich irgendwo unterwegs Buchstabendreher eingeschlichen haben, warum auch immer. Ich kenne ein paar Beispiele aus mehreren Sprachpaaren, wobei ich in keinem der Fälle weiß, woher die Wörter kommen oder auf welchen Pfaden sie in die genannten Sprachen gelangt sind:

Deutsch – Englisch:
Kakao – cocoa
Mahagoni – mahogany

Deutsch – Russisch:
Marmor – мрамор (mramor)
Helm – шлем (schlem), obwohl: Ist das überhaupt ein Buchstabendreher? Sind Helm und шлем überhaupt das gleiche Wort? Ich glaube, ich muss mal wieder mein russisches etymologisches Wörterbuch rauskramen und nachschauen.

Deutsch – Spanisch:
Krokodil – cocodrilo

Sicher gibt es noch mehr, mir fallen aber im Moment keine anderen Beispiele ein.

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10 Kommentare on “Buchstabendreher”

  1. Yadgar sagt:

    „Man denke nur an den urdeutschen Keks“
    …oder das Polster, was von „upholstery“ kommt!

    Das mit Harpune, bizarr und Wein habe ich dir schon erzählt?

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  2. gnaddrig sagt:

    Nö, glaube nicht.

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  3. Yadgar sagt:

    Also, „Harpune“ und „bizarr“ kommen aus dem Baskischen! Harpune ist naheliegend, weil die Basken eine lange Walfang-Tradition haben, und bizarr leitet sich vom baskischen Wort für Bart (!) ab.

    „Wein“ wiederum lässt sich auf (alt-)georgisch „ghwino“ zurückführen, ist dann über griechisch „oinos“, lateinisch „vinum“ in so ziemlich alle europäischen Sprachen eingewandert – sogar das klassische Arabisch (!!!) kennt ein Wort „wajn“!

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  4. aurorula a. sagt:

    Das, was die deutschen „Backpack“ (Beggpegg) nennen, heißt auf englisch „rucksack“ (rakzahk).

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  5. Lakritze sagt:

    Boooah! Etymologie für Russisch. Gibt’s dazu eine Literaturangabe?
    Schönes Beispiel für Schreibfehler: Ginkgo, der heute noch so geschrieben wird, auch wenn er natürlich Gingko heißt. Aber das gildet nicht recht, das ist keine richtige Metathese … Ah, einen weiß ich noch: capra, die italienische Ziege, heißt auf Sardisch craba. (Naja.)

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  6. gnaddrig sagt:

    @ Yadgar: Georgischen Wein glaube ich, immerhin ist der Kaukasus die älteste Weinbauregion überhaupt, und als Kartwelophiler kennst Du Dich in der Ecke besser aus. Aber Harpune und bizarr aus dem Baskischen? Ich weiß nicht.

    Pfeifer holt die Harpune aus dem Germanischen und bizarr über das Französische aus dem Italienischen.

    Wie soll bizarr aus dem Baskischen ins Italienische gekommen sein? Da würde ich eher den umgekehrten Weg Baskisch -> Französisch -> Italienisch erwarten. Und wie die Germanen an eine baskische Urharpune gelangt sein sollen, leuchtet mir auch nicht recht ein. Aber das ist natürlich auch nicht mein Fachgebiet.

    (Der Duden ist bei der Harpune übrigens der gleichen Meinung wie Pfeifer, bei bizarr listet er die Stationen Französisch und Italienisch und davor „Herkunft ungeklärt“, das impliziert immerhin, dass man das beim Duden nicht notwendigerweise für ein typisch italienisches Wort hält, sondern eine außerlateinische Herkunft für möglich hält. Beim Wein kommt Dudens Universalwörterbuch nur über das Althochdeutsche zum Lateinischen und bricht dort ab, während Pfeifer die Herkunft aus einer vorderasiatischen Sprache für naheliegend hält. [Nachtrag: Der Etymologieduden vermutet auch die Herkunft aus einer pontischen Sprache und verweist ausdrücklich auf Georgisch „gwino“.])

    Andererseits steckt nach der vaskonischen Hypothese ja sowieso viel mehr Baskisches in Europa als man bisher dachte. Wenn alle möglichen Orts- und Flurnamen aus einem Vorfahren des Baskischen stammen, warum nicht auch die bizarre Harpune?

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  7. gnaddrig sagt:

    @ aurorula a.: Stimmt. Und die deutsche Firewall heißt auf Russisch брандмауэр (Brandmauer). Gelegentlich hört man wohl auch das deutsche Wort, bisher hat es sich aber nicht durchgesetzt und fristet neben dem alten russischen ein inoffizielles Nischendasein.

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  8. gnaddrig sagt:

    @ Tanja:

    П. Я. Черных
    Историко-этимологический словарь современного русского языка
    Москва, Verlag „Русский Язык“, 1993
    ISBN: 5-200-01259-9
    Band 1: 5-200-01260-0
    Band 2: 5-200-00318-0

    Tschernych bezeichnet шлем als einen der frühen Germanismen im Urslawischen („Один из ранних германизмов в общеславянском языке“). Das Wort ist aber schon in den ältesten Altkirchenslawischen Aufzeichnungen als шлем bezeugt, das ist also ein uralter Buchstabendreher.

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  9. noemix sagt:

    Wiederum umgekehrt geht es etwa mit den italienischen gnocchi (richtige Aussprache: »nocki«) einher, einem Lehnwort an die gleichbedeutenden Nockerl aus der benachbarten österreichischen Küche. Und dennoch bestellen viele Deutschsprachler beim Italiener fälschlich »Gnotschi« ; )

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  10. gnaddrig sagt:

    Interessant, das wusste ich nicht.

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