Ganz in Ruhe

Neulich im Supermarkt. Am Packtisch sind zwei Frauen zusammen damit beschäftigt, ihren umfangreichen Einkauf in zwei Fahrradkörben und einer Tasche zu verstauen. Das ist schwierig, weil es viel Einkauf und wenig Platz gibt. Außerdem haben sie anscheinend einen nicht ganz angenehmen Tag hinter sich. Sie tauschen jedenfalls Berichte über unangenehme Erlebnisse, Missgeschicke und Nervigkeiten des Tages aus.

Der dabeistehende Mann, wohl der Freund einer der beiden, liefert am laufenden Band seltsam unbeteiligt wirkende Kommentare, dass ja alle heute einen Scheißtag gehabt hätten, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können und dass überhaupt alles ganz kacke sei. Sie beachten ihn nicht, während sie mit ihrem Einkauf kämpfen. Als sie fertig sind, meint die eine: Jetzt gehen wir nach Hause und lassen uns ganz in Ruhe Zeit.

Über die Formulierung bin ich gestolpert – wie soll man sich anders Zeit lassen als ganz in Ruhe? Das ganze Konzept Zeit lassen setzt doch das ganz in Ruhe voraus, sollte man denken. Andererseits lassen sich viele Leute derart antreiben von einem beschleunigungswahnsinnigen Streben nach Optimierung von allem und jedem, dass man das ganz in Ruhe vielleicht wirklich dazusagen muss.

Nickerchen werden als Power Nap zelebriert, wo bei möglichst niedrigem Zeitaufwand eine möglichst große Erholungsausbeute erzielt werden soll. Zeit mit der Familie heißt Quality Time, als ob man mit zeitlich begrenzten, gezielt eingeplanten und besonders intensiven Interaktionen dauerhafte Präsenz in Beziehungen ersetzen könnte. Die Fahrausbildung kann man in zwei Wochen runterreißen, das Abitur nach 12 Schuljahren erlangen (immerhin geht der Trend wieder zum G13, nicht zum G11). Im Urlaub muss man was erleben und sogar Ausspannen tut man nicht einfach so sondern lässt sich unter dem Titel Wellness wieder fitmachen für den Hochleistungsalltag.

Das Konzept der Muße scheint aus dem Alltag verschwunden. Der Wunsch, die Seele baumeln und die Gedanken treiben zu lassen hat keinen Platz in der Welt. Den Wolken am Himmel oder dem im Fluss treibenden Herbstlaub hinterherschauen, beim trägen Brummen eines Flugzeugs irgendwo am Sommerhimmel zwischen Wachen und Schlafen schweben, irgendwas völlig Sinnfreies basteln oder unternehmen – ist nicht vorgesehen und kommt kaum mehr vor, wie es aussieht.

Das soll jetzt kein Früher-war-alles-besser-Gejammere werden. Früher war es auch nicht besser, nur haben wir heute bessere technische Möglichkeiten, die Zeit bis auf die letzte Sekunde auszunutzen und alles bis zum Anschlag zu optimieren, Leerlauf aller Art auszumerzen, aus allem das letzte Quäntchen Nutzen herauszupressen und auch noch die Hobbies zu Hochleistungsaktivitäten zu machen.

Da finde ich es schön, wenn man gelegentlich daran erinnert wird, dass es auch anders geht und man sich ganz in Ruhe Zeit lassen kann und darf. Dabei kommen nämlich die besten Ideen, aber nur, wenn man sich nicht gezielt und mit Erfolgsdruck zum Verwertbare-Ideen-Haben in die Langeweile begibt, sondern eben einfach so.

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One Comment on “Ganz in Ruhe”

  1. Yadgar sagt:

    Wir werden Maschinen sein, chromglänzend, stromlinienförmig, hypereffizient und unsterblich!

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In den Wald hineinrufen

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