Steinläuse

Es gibt Dinge, die gibt es gar nicht. Oft sind das Dinge, die sich jemand ausgedacht hat, vielleicht zum Spaß oder als Ausrede für irgendwas. Das passiert gar nicht so selten und beschränkt sich längst nicht auf Märchenstunden oder den Output von Werbeagenturen. Sogar in der an oft eher recht trocken daherkommenden Welt der Wissenschaft wachsen in wenig beachteten Winkeln gelegentlich kuriose bunte Blüten.

Die von Vicco von Bülow zuerst beschriebene Steinlaus (Petrophaga lorioti) ist ein mittlerweile über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinaus bekanntes Beispiel. Dass dieses possierliche Tierchen gewissermaßen von außen an die Wissenschaft herangetragen wurde, ist dabei nicht so wichtig.

Der Wissenschaftsbetrieb schafft sowas nämlich auch selbst. Der Siamkater F. D. C. Willard etwa hat mehrfach Arbeiten in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht, teils als Koautor des amerikanischen Physikers Jack H. Hetherington, teils als alleiniger Autor.

Außerhalb der Wissenschaft gibt es ebenfalls solche Erscheinungen. Im Auswärtigen Amt beispielsweise ist seit Jahrzehnten ein Ministerialrat Edmund Friedemann Dräcker tätig, der nebenberuflich anscheinend seit einigen Jahren das Bundesamt für magische Wesen (BAmW) leitet, aber so gut wie nie persönlich anzutreffen ist.

Bis in die Belletristik zieht sich das Phänomen, man denke nur an den rätselhaften Wissenschaftler de Selby aus Flann O’Briens Büchern, dessen Lebenswerk verschollen ist und der selbst nie gesehen worden ist (de Selby, nicht O’Brien).

Bei mir ist übrigens auch noch nicht abschließend geklärt, ob es mich wirklich gibt. Und selbst wenn Rodney Brooks mit seiner Entwarnung hinsichtlich der Risiken der Nutzung Künstlicher Intelligenzen falsch liegt und wir wirklich schon alle in der Matrix sitzen, kommt irgendwann die große Wertverschiebung und schreibt der weltbeherrschenden bösen Intelligenz eine Steinlaus ins zentrale Regelwerk. Dann sieht alles gleich ganz anders aus…


8 Kommentare on “Steinläuse”

  1. noemix sagt:

    Zu Berühmtheit gelangte auch der grönländische Dichter und Dramatiker Kobuk, als Verfasser u.a. der Werke Brennende Arktis oder Die Republik der Pinguine.

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  2. gnaddrig sagt:

    Auch nicht schlecht, muss man erstmal bringen 🙂

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  3. Achim sagt:

    Wer seinen Douglas Adams gelesen hat, weiß längst Bescheid: Wir sind Teil einer Versuchsanordnung, die von den weißen Mäusen unterhalten wird.

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  4. Lakritze sagt:

    Wen gibt es schon? Balthasar Uriel Maria Roesenhoeser vielleicht? Manche Autoren leben mit einem Bein im Erfundenen. (Sehr, sehr gern habe ich auch die Language Creation Society. Aber die nur am Rande; die ist ein ganz eigenes, bodenloses Faß. Ich bin jedenfalls froh, in einer Welt zu leben, die so etwas hat.)

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  5. gnaddrig sagt:

    Schräger Verein, ist Tolkien da Ehrenmitglied? Aber stimmt, solche Sachen machen die Welt besser. Ähnlich wie die Gesellschaft zur Stärkung der Verben, der Verein zur Verzögerung der Zeit oder die Cloud Appreciation Society. Muss sein 🙂

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  6. Lakritze sagt:

    Ha, das wohl nicht, aber sicher der Grund für viele Mitgliedschaften. .) Die Gesellschaft zur Verzögerung der Zeit war mir neu! Finde ich ja gut, aber wieso haben die einen Twitter-Account?

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  7. gnaddrig sagt:

    Keine Ahnung, aber man kann ja auch langsam twittern…

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  8. […] Da geht nichts mehr kaputt, das hält bombenfest bis zum St. Nimmerleinstag. Oder bis jemand die Steinlaus […]

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