Werbehölle als einfaches Zwiebelschalenmodell

Werbepausen nerven mich und viele andere, Werbevorspanne auch. Gut, im Kino dient der Vorspann als Verspätungspuffer, ansonsten kann man während des Vorspanns noch was zu Trinken kaufen gehen oder nochmal auf die Toilette. Vom Fernsehen früher kennt man das ja auch – mancher hatte es zu wahrer Meisterschaft im Ausnutzen der Werbepausen und im Vorhersagen der gezielt unberechenbaren Längenunterschiede dieser Pausen gebracht. Das ist mit den heutigen Möglichkeiten, Sendungen aufzuzeichnen, über Werbepausen vorzuspulen oder Filme sowieso nur noch nach Bedarf zu streamen, weitgehend überflüssig geworden.

Aber man muss ja nicht einmal fernsehen, um in den Genuss von Werbeclips zu kommen, das gibt es seit längerem auch auf Youtube. Bevor das gewünschte Video anfängt, gibt es immer öfter Werbung.

Als meine Tochter mir neulich ein paar Sachen auf YouTube zeigen wollte, haben wir uns zusammen über die lästigen Werbevorspanne geärgert und dann das folgende Szenario entwickelt:

Man klickt auf YouTube einen Film an, es kommt der Werbevorspann. Ein Model steht mit dem beworbenen Artikel im Bild und fängt an, mit überdrehter, pseudofröhlicher Stimme fantastische Dinge über das Produkt zu schwadronieren. Nach ein paar Sekunden friert das Bild ein und wird blass. Eine Stimme aus dem Off intoniert: Dieser Werbeclip wurde blockiert von AdKickSuperPlus, Ihrem Werbeblocker. Viel Spaß noch bei Ihrem Film.

Der angehaltene Werbeclip rutscht aus dem Bild (alternativ, aber aufwändiger: Das Model zieht grumpfig und schimpfend ab; die Technologie, den bisher gelaufenen Teil des Werbefilms zu analysieren, die Sprecherin als Softwaremodell nachzubilden und den motzenden Abgang einschließlich Tonspur möglichst innerhalb einer Sekunde oder so in HD zu animieren, ist möglicherweise noch nicht ganz marktreif bzw. bräuchte mehr Rechenleistung und Bandbreite als heute typischerweise zur Verfügung steht, aber man darf ja träumen), der gewünschte Film fängt an.

Nach 10 Sekunden friert das Bild wieder ein und wird blass. Ein Popup erscheint, wahlweise auch mit einer schleimigen Werbestimme aus dem Off: Möchten Sie die letzte Aktion von AdKickSuperPlus, Ihrem Werbeblocker, beurteilen? Geben Sie uns volle Punktzahl und empfehlen Sie uns Ihren Freunden weiter. Kunden, die AdKickSuperPlus nutzen, haben auch x und y installiert. Wollen Sie sich x oder y nicht einmal anschauen? Ein Klick und… usw.usf.

Das Nervpotenzial wäre gewaltig…

Werbeanzeigen

12 Kommentare on “Werbehölle als einfaches Zwiebelschalenmodell”

  1. Yadgar sagt:

    So wird es wohl kommen… schon jetzt rollt ein großer Kommerzialisierungsschub durchs Netz, errichten immer mehr Portale Bezahlschranken oder fordern einen auf, doch gefälligst den Werbeblocker zu deinstallieren… und auch Google zeigt mir nur noch aufgrund meines bisherigen Suchverhaltens vorausgewählte Hits, nicht etwa alles, was es da draußen wirklich gibt (so kommt es mir zumindest vor – oder das Internet ist tatsächlich viel kleiner und langweiliger als ich bisher immer angenommen hatte!). Es würde mich wirklich nicht wundern, wenn immer mehr Leute dem Internet den Rücken kehren… über kurz oder lang wird es eine Handvoll kostenpflichtiger, vielleicht durchaus auch inhaltlich hochwertiger Angebote geben, während das übrige Internet weiten Teilen des heutigen Usenet ähneln wird: ein einziges großes Spam- und Nazi-Klo.

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  2. Lutz Prauser sagt:

    Nun ja, ich finde nichts Verwerfliches daran, wenn Seitenbetreiber für Leistungen Geld verlangen oder einem User eben Werbung zumuten.

    Vergleichen wir das mal mit Spotify. Hier hat man die Wahl, entweder die Werbung zu ertragen oder sich einen Premium-Account zuzulegen. Sprich: Für den Content zu bezahlen. Das finde ich absolut fair.

    Was gäbe es für einen Aufstand, wenn YT seine Inhalte in Zukunft entweder für Geld werbungslos zur Verfügung stellt oder eben mit Werbung zugeballert.
    Aber letztlich muss auch jemand für die Kosten aufkommen, die solchen Seiten entstehen: Kosten für Plattform, Server, Mitarbeiter…
    Letztlich auch für den Inhalt selbst, denn die Betreiber der YT-Kanäle verdienen ja auch an den Werbeeinnahmen mit, wenn ihr Content angeklickt wird. Und auch die Herstellung des Contents kostet Geld.

    Vielleicht war es der Grundfehler vieler Dienste und Plattformen, alles kostenlos anzubieten und die User jahrelang zu verwöhnen, so dass sie jetzt meinen, sie hätten einen Anspruch, alles kostenlos (und werbefrei) zu bekommen.
    Aber von nix kommt eben nun mal nix.

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  3. gnaddrig sagt:

    @ Lutz Prauser: Natürlich müssen die Firmen, die Plattformen wie YouTube bereitstellen, ihre Kosten wieder reinkriegen. Das über Werbung zu tun ist legitim, da habe ich grundsätzlich gar nichts gegen.

    Mir wäre es lieber gewesen, man hätte dafür schon lange eine einfach handhabbare Bezahlfunktion entwickelt, mit der man ohne viel Klickerei (und unter Wahrung des Datenschutzes und, soweit vom Anwender gewünscht, möglichst auch der Anonymität) kostenpflichtige Angebote nutzen kann, aber das ist eben bisher nicht passiert.

    Also gibt es ständig überall Werbung, sogar im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Was mich daran stört, ist dass die allermeiste Werbung so bescheuert ist. 98% aller Werbung, die mir begegnet, ist dümmlich, langweilig, überdreht, übergriffig oder eine Mischung daraus. Ganz selten mal ist Werbung wirklich witzig oder sonst irgendwie sehenswert, und noch viel seltener macht sie mich auf das beworbene Produkt neugierig. Das gilt für alle Werbeformen, nicht nur Werbeclips.

    Natürlich hat Werbung das grundsätzliche Problem, sich immer irgendwo reindrängeln zu müssen, wo sie eigentlich nicht erwünscht ist, um Aufmerksamkeit abzugreifen, die das Publikum eigentlich auf was anderes richten will. Da muss man dann schon was Gutes bieten, wenm man nicht will, dass alle von vornherein nur genervt abwinken. Und das tut die Werbeindustrie ziemlich flächendeckend nicht, die kommen fast immer mit grottenschlechtem Dreck, der nichts anderes verdient als verrissen zu werden.

    Da leuchten die wenigen guten Beispiele umso heller. Etwa das Hin und Her zwischen Mercedes und Jaguar, oder die teils genialen Spots für Carlton Draught.

    Und klar, wenn Werbezeugs zu gut ist, wird es selbst zur Ware, dann kriegt keiner mehr mit, wofür es werben sollte wie beim Moorhuhnschießen damals. Werbung machen ist wohl wirklich nicht einfach. Aber das, was man normalerweise ins Hirn gedrückt kriegt, ist schlicht nicht diskutabel.

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  4. Verwendet einfach den guten alten Browser Addon „uBlock Origin“, erhältlich für Firefox und Chrome und gut ists.
    Dafür mache ich gerne Werbung 😉

    Passend dazu (Falls du, lieber Gnaddrig meine kleine Eigenwerbung erlaubst) ein Kapitel aus meinem E-Book:
    https://krawutzi.wordpress.com/2015/11/11/sicher-im-internet-werbung-mir-doch-egal/

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  5. gnaddrig sagt:

    Benutze ich seit Langem. uBlock Origin funktioniert anders als befürchtet übrigens auch mit dem generalüberholten ganz neuen Firefox.

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  6. Ja, ich denke der Entwickler hat schon was drauf…

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  7. gnaddrig sagt:

    Offensichtlich.

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  8. Lakritze sagt:

    Auch hier: Werbung erweicht Hirn. Ich würde mit Freuden mein Scherflein beitragen, wenn das anonym und unbürokratisch ginge. Aber jede Zeitung verlangt, will ich sie lesen, daß ich Cookies annehme, oder gleich meine ganze Adresse. Da kauf ich sie mir lieber im Kiosk, da schaut mir auch keiner über die Schulter und mißt meine Verweildauer pro Artikel.
    Mir wäre am liebsten, man würde Netzangebote an der GEZ beteiligen. Es müßten sich noch ein paar kluge Leute hinsetzen und sich ein gutes Modell ausdenken, aber Rundfunk und Netz gehen ohnehin immer mehr ineinander über.
    Und eins noch: Im, äh, Messerladen meines Herzens habe ich eine schöne Küchenschere erstanden — und ging dann mit einem Stapel Prospekte heim. Nun sitze ich bei den Mahlzeiten andächtig über Hochglanzbildern von Geschmiedetem. So müßte Werbung immer sein: informativ, schön gemacht und freiwillig mitgenommen.

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  9. gnaddrig sagt:

    @ Lakritze: *unterschreib*

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  10. aurorula a. sagt:

    Ich mag die Werbung so wie sie bei amerikanischen Nachrichtensendungen läuft: vor allem bei kleineren Sendern lesen die Nachrichtensprecher ihre Werbeanzeigen da selbst. Was heißt, es wird nicht dümmer als vorher und hinterher, sie sagen offen dazu: vielen Dank an die Uhrenfirma, die für die Sendung zahlt, deswegen jetzt Werbung für die – und manchmal machen sich die Sprecher zwischen den Zeilen über sich selbst lustig, wie sie die Werbung vorlesen („ich habe auch so eine Uhr, mein zweijähriger Sohn hat sie mir entführt und zwischen seinen Autositz und die Rückbank gesteckt; er hat eine Woche drauf gesessen bevor ich die Uhr gefunden habe; was Ihnen zwei Sachen sagt: diese Uhren halten eine Menge aus, und ich ziehe einen Kriminellen groß“).
    Etwa nach der halben Zeit der Sendungen bekommt man bei Youtube/Soundcloud/iTunes/Facebook nur noch den Ton mit Standbild: wer den Sender oder die Zeitung (kostenpflichtig) abonniert kann sich dort von allen Sendungen eine Version mit Bild und ohne Werbeblöcke anschauen, aber nur den Ton mit Werbung (subtile Ironie inbegriffen) gibt es eben auch woanders.
    Das geht ohne Cookies, ohne GEZ, ohne extensive Datenerhebung; und ich finde es wesentlich weniger nervig als dümmlicheuphorische Filmchen, weil es bei mir eben nicht so rüberkommt, als wollten sie mich gegen meinen Willen dazu bringen etwas unbedingt zu wollen. Dafür daß ich mir anhöre wie toll die Firma ihre Uhren findet bekomme ich die Nachrichtensendung – und ob ich auch eine Uhr will oder nicht, kann ich selbst entscheiden. So funktioniert Kapitalismus auf Augenhöhe.

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  11. gnaddrig sagt:

    Das klingt tatsächlich ganz annehmbar, damit könnte ich auch eher leben.

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  12. Yadgar sagt:

    „Bevor das gewünschte Video anfängt, gibt es immer öfter Werbung.“

    …und mittlerweile auch nach dem Video und neuerdings sogar mittendrin: Wagner, Ouvertüre zum 1. Akt des „Tannhäuser“, gut 15 Minuten lang… und nach fünf Minuten dann plötzlich Reklamegeplapper! Barbaren!!! Nee, Leute, *so* nicht! Dann lieber auf CD,. DVD oder gar zum Billigtarif real in die Oper…

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In den Wald hineinrufen

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