Pendler-Domino

Wer viel mit der Bahn unterwegs ist, kann gelegentlich ein witziges Phänomen beobachten. Das sieht so aus:

Ab einer bestimmten Auslastung wird der Zug als vollbesetzt empfunden. Dann stehen meistens schon Leute auf den Gängen bzw. in den Türbereichen, weil sie keinen (oder keinen genehmen) Sitzplatz finden. Dann hält der Zug an, ein Schwung Leute steigt aus (fast immer viel zu wenige). Einige der Weiterreisenden setzen sich jetzt auf  bessere Plätze, typischerweise am Fenster oder Plätze in Fahrtrichtung. Einige der bisher Stehenden suchen sich Sitzplätze. Die Zugestiegenen (fast immer viel zu viele) bleiben mehrheitlich stehen, nur einzelne finden Sitzplätze.

Am nächsten Halt beginnt das große Nachrücken: Der Zug hält an, ein Schwung Leute steigt aus (fast immer viel zu wenige). Einige der Weiterreisenden setzen sich jetzt auf bessere Plätze, typischerweise am Fenster oder Plätze in Fahrtrichtung. Einige der bisher Stehenden sucht sich Sitzplätze. Die Zugestiegenen (fast immer viel zu viele) bleiben mehrheitlich stehen, nur einzelne finden Sitzplätze.

Am nächsten Halt dann die nächste Runde: Der Zug hält an, ein Schwung Leute steigt aus (fast immer… usw. usf. bis zum Endbahnhof.

In Pendlerzügen ist das meiner Beobachtung nach stärker ausgeprägt als in Fernzügen. Meine Vermutung ist, dass man auf langen Strecken eher bereit ist, einen nicht so beliebten Sitzplatz zu akzeptieren, weil man sonst u.U. stundenlang stehen muss. Beim Pendeln zur Arbeit hat man je nachdem vielleicht zehn, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Das schafft man schon auf den Füßen, zumal wenn man sowieso den ganzen Tag am Schreibtisch verbringt.

Und bei Fernreisenden, sofern sie nicht ständig unterwegs sind, dürften bestimmte Vorlieben und Abneigungen bezüglich des idealen Sitzplatzes weniger Gelegenheit haben, sich auszuprägen. Als Pendler fährt man dagegen täglich dieselbe Strecke ungefähr zur selben Zeit, sieht oft dieselben Leute im Zug, von denen man manche erträglich findet und manche eben nicht. Viele Pendler neigen dazu, nach Möglichkeit immer denselben Platz zu nehmen, oder zumindest dieselbe Sorte Platz – in oder gegen Fahrtrichtung, Fenster oder Gang, unten oder die höheren Plätze über den Achsen. Man ist vielleicht wählerischer.

Das alles ergibt einen schönen Rahmen für die oben beschriebene Art Pendler-Domino.


13 Kommentare on “Pendler-Domino”

  1. Stefan R. sagt:

    In ganz entzückender Erinnerung aus meinen Bahnpendler-Zeiten sind mir auch die Burgenbauer/innen geblieben. Jene Leutchen – Lehrerinnen schienen mir stark repräsentiert -, die in knallvollen Pendlerzügen eine Vierersitzgruppe durch strategisch geschicktes Ausbreiten von Mantel, Tasche/n, Klassenarbeiten etc. komplett in Beschlag nahmen. Und wenn jemand wagte, sie ums Platzmachen zu bitten, ein Gesicht machten, als hätte man sich soeben vor ihnen entblößt. Ich habe mich schon damals gefragt, ob es wirklich zu viel verlangt ist, sich für vergleichsweise wenig Geld ein 1.-Klasse-Zusatzticket zu kaufen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Burgenbauer ist schön 🙂 Ich kenne nur die Variante, Rucksack oder Jacke neben sich auf den Sitz zu legen. Schlimm genug.

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  3. Die Lektion des heutigen Fernpendelns: Glaube keiner Durchsage, die verkündet, anderswo im Zug gebe es noch Sitzplätze. Andersrum wird nämlich eher ein Schuh draus. Bleibe bei dieser Durchsage einfach stehen und genieße, wie drum herum freier Raum entsteht. Sitzplätze gibt es nämlich weder hier noch da.

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  4. gnaddrig sagt:

    Oft ist das so. Ich habe aber auch schon erlebt, dass in den hinteren zwei Dritteln eines IC die Leute so dicht auf den Gängen standen, dass auch bei Vollbremsung niemand hätte umfallen können. (Da waren die Fahrgäste eines ausgefallenen Zuges zu einfach noch reingedrückt worden.)

    Ich hatte keine Lust, mich da reinzudrängeln und wollte eigentlich den nächsten Zug nehmen. Bin dann den Zug entlang, und im vorderen Drittel waren erst zwei Erste-Klasse-Wagen, dann noch zwei Zweite-Klasse-Wagen, und die waren nicht so voll, da gab es tatsächlich noch ein paar Dutzend Sitzplätze. Hat sich bis zu denen auf der anderen Seite der 1. Klasse aber nicht rumgesprochen.

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  5. Ja, so ganz am Ende hat man manchmal doch noch Glück. Heute morgen war einiges seltsam. Eigentlich gab es den Zug, mit dem ich gefahren bin, gar nicht. Zumindest nicht an dem Bahnhof, an dem ich eingestiegen bin. Das fiel mir aber erst später auf.

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  6. gnaddrig sagt:

    Geisterzug. Der Rollende Holländer…

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  7. Achim sagt:

    Als ich noch zugpendelte hatte ich na klar meine „Lieblingsplätze“. Mir war vor allem die richtige Seite wichtig, wegen der Aussicht.

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  8. gnaddrig sagt:

    Klar, ich habe auch Plätze, die ich lieber habe. Diese Gewohnheiten dürften dieses Pendler-Domino verstärken.

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  9. Lakritze sagt:

    Erinnert mich an Fahrrad-Tetris, wobei das wohl eher in den Fernerzügen stattfindet. Auch schön: wenn man oft dasselbe macht — also etwa zugpendelt –, dann neigt man zum Mustererkennen. Notfalls an den Haaren herbei.

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  10. Achim sagt:

    Da man bei dem Blogpost zhum Fahrradtetris nicht kommentieren kann, schreib ich es halt an diese Wand: Vor mehr als 20 Jahren war ich mit Begleiterin und zwei Fahrrädern in einem dänischen Regionalzug unterwegs, und die Idee war so gut, dass sie von vielen geteilt wurde. Damals, als noch mehr Lametta war, führten diese Züge noch Packwagen mit Rolltor, und wir haben uns als Hobby-Packwagen-Maestros betätigt. Fahrräder umsortiert, an jeder Station das Rolltor hoch, Räder raus, Räder rein (wie weit? bis Vejle? OK ganz nach hinten). Dem Schaffner war’s recht, wir waren sicher, dass neben allen anderen auch unsere eigenen Räder gut behandelt wurden, und der Zug war auch sonst so voll, dass es auf dem Klappsitz im Packwagen noch am gemütlichsten war.
    Heute undenkbar: Keine Packwagen, Und-wenn-jetzt-was-passiert-Hysterie..

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  11. gnaddrig sagt:

    Packwagen? Schön wär’s. In die neuen Doppelstock-ICs kriegt man ja nichtmal das Gepäck für einen normalen Urlaub mit vier Personen vernünftig unter, wenn man nicht als Erster im Zug ist…

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  12. Achim sagt:

    Bei der Bahn geht man wahrscheinlich davon aus, dass Gepäckstücke größer als eine Reisetasche mit Hermes vorausgeschickt werden. Oder so. Morgen im IC 1915 aber mit Bpmbz und kleinem Gepäck, sollte gehen…

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  13. gnaddrig sagt:

    So oder so ähnlich.

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