Kritisches

Neulich hatte es ja vorübergehend so ausgesehen, als müsste ich überraschend die Anschaffung einer neuen Kamera schultern (war dann zum Glück doch nicht nötig). Ich hatte angefangen, mich schlau zu machen, habe Rezensionen und Testberichte gelesen (online: Chip, Trusted Reviews, DxOMark et al.), Spezifikationen verglichen, mir in einschlägigen Fachgeschäften verschiedene Kameras angeschaut und, soweit das ging, angetestet.

Dabei waren mir sachliche, schnörkellose und gründliche Rezensionen immer lieber als humorig oder flapsig geschriebene, wo alles mögliche erwähnt aber nicht genau ausgeführt wird und wo dann sogar die Rezensionen derselben Redaktion kaum vergleichbar sind, weil alles in gewollt witzigem Wortbrei versinkt und jedem Autor andere Dinge wichtig sind oder auffallen, während andere – für manche potenzielle Käufer möglicherweise wichtige – Details nicht erwähnt werden.

Viele Rezensionen fand ich hilfreich, andere waren aus meiner Sicht völlig für die Katz. In einer Fachzeitschrift wurden Kameras besprochen, die zwischen zwei- und siebentausend Euro kosten, nur das Gehäuse wohlgemerkt. Und denen wurden leichthin teils erhebliche Funktionsmängel und Schwachstellen vorgeworfen, wo ich mit meinem definitiv dreistelligen Budget für alles (Gehäuse und Objektiv) denken musste, dass ich fotografietechnisch eigentlich gleich sterben gehen kann.

Wenn diese Super-Oberklasse-Highend-Profigeräte schon solche gravierenden Fehler haben, die das gescheite Fotografieren wenn nicht gleich ganz unmöglich dann doch sehr schwierig machen und man sogar diese Superkameras und -objektive nur in eng umrissenen Idealzenarios wirklich gut nutzen kann, was will ich dann mit so einer Einsteigerbilligknipse überhaupt anfangen? Deprimierend und abschreckend, das! Mit solchen Rezensionen schreckt man doch Leute eher ab. Da scheint mir fast dieselbe Maßlosigkeit durchzuklingen, die mich seinerzeit bei Testberichten von Handys schon gestört hatte.

Andererseits kann man bei einem Gehäuse für 4.500 Euro sicher ein hohes Maß an Funktionalität erwarten, und man kann da auch Schwachstellen kritisieren, über die bei es einer Komplettkamera für 450 Euro keinen Grund zu meckern gibt. Die Zielgruppe ist einfach eine andere, und damit auch die Erwartungen an die Geräte. Und das muss sich natürlich auch in den Testberichten widerspiegeln.

Egal. Ich habe mir dann ins Gedächtnis gerufen, dass meine jetzt zum Glück doch nicht verflossene Kamera in Tests auch einige Schwachstellen attestiert bekommen hatte und in manchen Bereichen nicht wirklich toll dastand und ich mit ihr trotzdem sehr, sehr zufrieden bin. Ähnlich wird das mit jeder anderen Kamera auch gehen, dachte ich mir. Ich habe dann nach Kameras gesucht, die das, was mir an meiner S110 gefallen hatte, auch haben bzw. können, idealerweise mindestens ein bisschen besser, und die das, was mich an der S110 gestört hatte, nicht auch haben bzw. besser machen.

Besser geht immer, aber man muss gar nicht so hoch hinaus – vor vier Jahren war ich mit dem Schritt vom Nokia musicexpress 2130 zum Nokia 311 schon glücklich, und die Anschaffung der S110 gut ein Jahr danach war schon der Sprung ins fotografische Schlaraffenland. Da wird die irgendwann anstehende Anschaffung (mein jetziges Gerät wird ja nicht ewig tun, in zwei oder drei Jahren ist vermutlich Schluss, und nochmal teuer reparieren lassen werde ich die nicht) einer natürlich wieder suboptimalen Kamera für unter 1.000 Euro sicher auch wieder ein merklicher und schöner Schritt nach vorn sein können. Insofern ist alles im Lot.

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7 Kommentare on “Kritisches”

  1. Lo sagt:

    Ähnlich erging es mir einmal mit einer elektrischen Zahnbürste.
    Ich nutze nebenher eine Schallzahnbürste,die ich zu einem günstigen Preis einmal bei Aldi erstand. Sie tut ihre Dienste – ich könnte damit zufrieden geblieben sein, wenn nicht die Werbung mir hin und wieder suggerierte, dass es da weit Besseres gäbe.
    Irgendwann glaubte ich, mein Billigprodukt sei sicher nichts Gescheites.
    Also war ich bereit, mir etwas Gutes anzuschaffen, las diverse Tests – und siehe da: meine Aldi-Schallzahnbürste kam dabei immer wieder gut weg. Sie wurde sogar gelobt.
    Und schon war ich wieder zufrieden, verwarf die Neuanschaffung, und freue mich über meinen guten Kauf damals.
    🙂

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  2. Yadgar sagt:

    Also, ich brauche auch mal wieder eine neue Rollei Compactline 415 (oder irgendeine andere vergleichbare Kompaktknipse, die Eneloop-Standardakkus schluckt und mit einer Ladung vier Stunden lang durchfilmen kann, in 1280 x 720, versteht sich!) – bei meiner bisherigen ist leider das Display hinüber, womit die Kamera im Prinzip unbrauchbar geworden ist. Wenn man sich die Videos ansieht, die ich bis jetzt damit fabriziert habe (bis jetzt noch nicht online, ändert sich aber bald), ist natürlich klar, dass ich gegen die neueste GoPro Hero mit 4k-Auflösung und Bildstabilisator einfach nur komplett abstinke… aber viel mehr geht mit meinen Mitteln leider nicht. Ich habe auch noch eine Rollei Actioncam 300, immerhin schon mit wasserdichtem Gehäuse und Fortsetzungsautomatik (anders als bei den Kompaktkameras, wo üblicherweise nach 25 bis 30 Minuten Schluss ist und man die nächste Teilaufnahme manuell starten muss), aber selbst damit wirken meine mit Lenkerhalterung aufgenommenen Radtouren-Videos ziemlich armselig, abgesehen davon hält der Akku nur wenig über zwei Stunden lang durch, für ausgewachsene Tagesetappen bräuchte ich also mindestens vier, besser fünf Akkus – und die sind teuer, weil herstellerspezifisch. So bald wird es von mir wohl leider kein Zeitraffervideo Köln-Berlin geben…

    …aber es gibt ja auch Premium-Spitzenmenschen mit IQ jenseits der 200, unkaputtbarer physischer und psychischer Gesundheit, die mehrere Weltkriege überlebt, alle Länder der Welt bereist, den einen oder anderen Nobelpreis errungen, in Wirtschaft und Politik die große Karriere gemacht haben und heute, mit weit über 100 Jahren, immer noch machen… mit anderen Worten: genau das, was sich Nietzsche im „Zarathustra“ erträumt hat, homines superiori, Übermenschen.

    Und daneben dann der dumme kleine Yadgar mit seinem Kleineleutedachschaden, seinem mickrigen Wohnklo, seinen 08/15-Normalo-Erbanlagen, der noch nie in Afghanistan war und sich noch nicht einmal eine richtige Videokamera leisten kann! Schmatzend graben sich die Mahlzähne des Schredderwerks in das käsige Jörg-Bleimann-Fleisch…

    Oder?

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  3. gnaddrig sagt:

    Ach was, man mogelt sich eben durch. Wenn man sich von vorn bis hinten das perfekte Highend-Equipment leisten kann, wird es irgendwie auch langweilig. Passt zu dem Spruch, den ich vor Ewigkeiten mal wo gelesen habe: Es gibt zuviele mittelmäßige Musiker mit tollen Instrumenten. Besser wäre es, wenn mehr tolle Musiker mit mittelmäßgen Instrumenten unterwegs wären. Oder so.

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  4. Achim sagt:

    Es gibt immer Anlässe, sich über die Ansprüche und Bedürfnisse anderer Menschen zu wundern… Im Gartenschuppen des großfamilieneigenen Wochenendhauses steht seit kurzem ein benzingetriebener Rasenmäher, weil eine Person es für eine Zumutung hielt, drei kostbare Stunden an das Rasenmähen zu vergeuden, wenn man es mit der selbstfahrenden Stinkekiste doch in einer Stunde schaffen kann… Meinereiner hätte das Geld nicht in die Hand genommen, aber bevor man sich streitet 😉

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  5. gnaddrig sagt:

    Dann doch lieber gleich einen Vollautomaten mit Autopilot…

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  6. Achim sagt:

    So ein Mähroboter ist für ein nicht dauernd bewohntes Haus so eine Sache. Man will den lieben Kleinen ja zur Vermeidung unkontrollierter Vermehrung nicht ohne Aufsicht draußen spielen lassen, und wenn man im Frühjahr mal drei Wochen nicht gemäht hat, muss man doch auf konventionelle Weise ran. Zumal das Gelände teils uneben (Wurzeln) und teils sehr nass ist (aber wer meckert schon über ein Grundstück mit Seezugang?).

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  7. gnaddrig sagt:

    Ok, was will man machen. Und stimmt, bei guter Lage nimmt man einiges in Kauf.

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