Nicht zu übersehen

Die Zeit der NS-Diktatur, der Holocaust, der 2. Weltkrieg sind alles keine schönen Themen. Es macht keinen Spaß, sich damit zu beschäftigen. Es ist nicht schön, sich daran zu erinnern. Darum gibt es immer wieder Bestrebungen, die Ereignisse zu verharmlosen oder sich der Erinnerung möglichst gleich ganz zu entziehen.

Man hört bezüglich der systematischen Vernichtung von Juden, Slawen (v.a. sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten in den eroberten Gebieten), Homosexuellen, Zeugen Jehovahs u.a. und den übrigen Verbrechen, die Deutschland in dieser Zeit begangen hat, immer wieder relativierende Aussagen. Es waren gar nicht sechs Millionen Juden, sondern „nur“ 50.000 oder so. Und: Das waren gar keine Vernichtungslager, höchstens Arbeitslager. Und: Kuck doch, was die Sowjets angestellt haben in den Ostgebieten. Das war mindestens genauso schlimm.

Da wirkt die Nazipropaganda zum Teil bis heute nach, wenn vergleichsweise kleine Aktionen wie das Massaker von Nemmersdorf durch die sowjetische Armee immer noch als das furchtbare Massaker schlechthin gesehen wird, bei dem haufenweise deutsche Zivilisten grundlos barbarisch hingemetzelt wurden. De facto wurden wohl zwischen 20 und 30 Leute erschossen (schlimm genug, keine Frage, rechtfertigt im Zusammenhang des 2. Weltkriegs aber kaum das Etikett Massaker und schon gar keine großangelegten Racheoffensiven, erst recht angesichts dessen, was Wehrmacht, SS, Gestapo usw. in den eroberten Gebieten so veranstaltet hatten).

Auch hört man immer wieder, der einfache Mann auf der Straße, der normale Volksgenosse, habe von dem allen ja gar nichts gewusst. Habe das gar nicht wissen können, weil es ja eher geheimgehalten und im Verborgenen ausgeführt worden sei und weil die Täter hinterher auch die Spuren verwischt hätten, beispielsweise in Auschwitz-Birkenau oder in Sobibor. Die Bevölkerung sei hinsichtlich der Vernichtungsindustrie im wesentlichen ahnungslos gewesen. Und diese Behauptung ärgert mich, weil sie mir nicht recht plausibel vorkommt.

Schon die Zahl der Lager spricht dagegen – um die 1000, recht gleichmäßig über ganz Deutschland (damals einschließlich Österreich) und eroberte Gebiete in Polen, der Tschechoslowakei usw. verteilt. Niemand in Deutschland lebte mehr als ein paar Dutzend Kilometer von einem Lager entfernt.

Für die Lager wurde jede Menge Baumaterial verbraucht. Leute haben die Lager gebaut und später beliefert. Außer der SS gab es eine Menge Freiwillige, die in den Lagern Dienst taten, als Wachen, Ärzte, Handwerker.

Die Wachmannschaften waren insgesamt viele Tausend Mann stark, die vermutlich fast alle Familie hatten. Wenn nicht Frau und Kinder dann doch Eltern und Geschwister, und natürlich Freunde und Bekannte. Die Lagerinsassen waren in aller Regel von Deutschen verhaftet und deportiert worden. Die aus dem Reichsgebiet Deportierten haben Wohnungen und Eigentum hinterlassen, das teils von Nazis gestohlen, teils durch Behörden verkauft wurde, mit allenfalls fadenscheinigen Cover-Storys.

Die Hetze der nationalsozialistischen Obrigkeit bezüglich der Juden und anderer „unerwünschter Elemente“ war eindeutig, das von jedem Bürger beobachtbare staatliche Handeln auch. Die seit 1933 zunehmende Schikanierung, der unüberhörbare Paukenschlag der Reichsprogromnacht mit den unmittelbar sichtbaren Folgen und dann über Jahre hinweg das nächtliche Verschwinden immer weiterer jüdischer Nachbarn kann kaum jemandem entgangen sein. Die Stolpersteine in fast allen deutschen Städten zeigen, dass das nicht ein paar Figuren am Rand waren, sondern dass überall Juden gewohnt hatten, deren Wohnungen dann plötzlich frei wurden.

Selbst wenn die Darstellung von Theresienstadt als „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ damals nicht so durchsichtig gewesen sein mag wie sie heute im Rückblick erscheint – ein Retortenstädtchen auf der grünen Wiese hätte kaum alle deutschen Juden aufnehmen können. Und wenn, dann wären die doch ordentlich dort hingezogen, mit Nachsendeadresse und wenigstens gelegentlichen Besuchen in der alten Heimat. Sie wären sicher nicht unversehens bei Nacht und Nebel unter Zurücklassen praktisch ihres gesamten Eigentums dorthin verschwunden.

Dann die Vernichtungsmaschinerie selbst: Für den administrativen Teil wurden Lochkartenmaschinen weiterentwickelt und angepasst, in großen Zahlen an die einschlägigen Organisationen verkauft, dort dann gewartet usw. Es wurden Gaskammern und Verbrennungsöfen entwickelt und gebaut, von den Herstellerfirmen gewartet und ständig „verbessert“. Jemand hat das Gas hergestellt, verpackt, geliefert. Der Brennstoff und die Brandbeschleuniger für die Krematorien wurden in großen Mengen geliefert. Die Mehrheit dieser Leute muss zumindest ungefähr gewusst haben, was dort passierte.

Ich kann keine Zahlen liefern, aber es muss sich um einen beträchtlichen Teil der deutschen Bevölkerung gehandelt haben, der direkt oder indirekt mit den Lagern und der dazugehörigen Logistik zu tun hatte und darum einen gewissen Einblick in die Geschehnisse hatte.

Natürlich wird nicht jeder in Deutschland etwas tatsächlich im engeren Sinne gewusst haben. Nur wenige Leute werden Details gekannt haben, und ebenfalls nur wenige werden eine wenigstens ungefähre Vorstellung von der Größenordnung der Vernichtung gehabt haben. Vielleicht haben wirklich, wie von Moltke 1943 schrieb, zu dem Zeitpunkt über 90% der Bevölkerung nichts von der Ermordung Hunderttausender Juden konkret gewusst. Allerdings fing die im engeren Sinn industrielle Ermordung in Vernichtungslagern mit dem Bau der Gaskammern in Auschwitz-Birkenau im Frühjahr 1943 erst an (Quelle). In den verbleibenden zwei Jahren NS-Diktatur ist der im Raum stehende unsichtbare Elefant namens „Endlösung der Judenfrage“ sicher nicht kleiner geworden.

Natürlich wurde das Treiben in den Konzentrations- und Vernichtungslagern vor der Bevölkerung nach Kräften geheimgehalten, man hat das alles abgeschirmt so gut es ging. Es war den Beteiligten streng verboten, über Hinrichtungen, Strafaktionen, Massaker etwa in den besetzten Gebieten in Osteuropa zu sprechen, aber dass sie wirklich alle dichtgehalten und nicht wenigstens im Familienkreis darüber gesprochen haben sollen, kann ich mir kaum vorstellen. Geheimnisse mit so vielen Eingeweihten lassen sich erfahrungsgemäß kaum lange geheimhalten.

Zugegeben, wenn von den erwähnten Beteiligten jemand etwas ausgeplaudert hat, mag das Berichtete vielleicht tatsächlich so unvorstellbar gewesen sein, dass man es nicht wirklich zur Kenntnis genommen hat, es beiseitegewischt und möglichst schnell verdrängt hat und sich stattdessen an die von der NS-Propaganda angebotene alternative Realität von friedlich in den Osten umgesiedelten Juden hielt. Aber so gar nichts mitkriegen konnte man, glaube ich, auch nicht.

Dass erstaunlich viele Details allgemein bekannt waren zeigt das Tagebuch des hessischen Justizinspektors Friedrich Kellner, der von 1939 bis Kriegsende seine Eindrücke schriftlich festhielt. Der Mann war weder besonders politisch [Nachtrag: Friedrich Kellner war aktiver Sozialdemokrat und ist während des Kriegs wiederholt durch unverblümte oppositionelle Meinungsäußerung aufgefallen und haarscharf an ernsten Schwierigkeiten entlanggeschrammt], noch hatte er mit der Durchführung zu tun. Ein bisschen die Augen aufzuhalten und zwei und zwei zusammenzuzählen hat ihm offenbar schon gereicht. Wie können dann so viele andere das nicht wenigstens ein bisschen mitgekriegt haben wollen?

** * **

Das sind jetzt alles keine neuen oder wahnsinnig originellen Gedanken. Das ist alles schon vielfach geschrieben worden. Aber derzeit laufen mal wieder Bestrebungen, die Erinnerung an damals aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen. Gleichzeitig wird von rechtslastigen Kreisen das Gedenken an die deutschen Opfer des Bombenkriegs in den Mittelpunkt gerückt. Außerdem hört man immer wieder Herausredereien mit dem Tenor „Wir haben das doch gar nicht gewusst!“ bzw. „Die allermeisten haben das damals nicht gewusst/nicht wissen können!“ Deshalb habe ich das nochmal zusammengesucht.

Wenn schon Zeitgenossen wie der oben erwähnte Friedrich Kellner oder der Celler Ingenieur Karl Dürkefelden ohne direkte Beteiligung am Holocaust sich ein einigermaßen zutreffendes Gesamtbild zusammenreimen konnten, gibt es spätestens heute nun wirklich keine Entschuldigung mehr dafür, den Holocaust zu leugnen oder irgendwie zu relativieren. Das gilt auch für die Verbrechen der Wehrmacht und der in eroberte Gebiete nachrückenden Organisationen. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Relativierer und Holocaustleugner sollten sich den Film Night Will Fall mal anschauen (hier kann man ihn in mehreren Versionen finden). Ich kann mir nicht vorstellen, wie man so viel Material aus so vielen verschiedenen Lagern hätte fälschen können, zumal mit den technischen Möglichkeiten des Jahres 1945.

Der Holocaust hat stattgefunden. Deutschland hat ihn ohne Grund organisiert und durchgeführt. Dadurch wurde unermessliches Leid verursacht, zuerst bei den Zielgruppen der herrenwahnsinnigen Aggression, und dann hat es natürlich Deutschland selbst den flächendeckenden Bombenkrieg mit der Zerstörung vieler Städte eingebracht.

So richtig ich es finde, auch der dabei umgekommenen deutschen Zivilisten zu gedenken, so wenig darf man das losgelöst vom historischen Zusammenhang sehen – „wir“ sind schlicht selbst schuld an der Malaise. Wenn rechtsextreme Gruppierungen ihren jährlichen Tränentanz um Dresden veranstalten, ist das unerträglicher Zynismus. Ich will mich hier nicht zu einem „Geschieht Euch recht“ gegenüber den Opfern des Bombenkrieges versteigen, aber es bleibt  Tatsache, dass es den Bombenkrieg ohne den nationalsozialistischen Tollwutanfall des Deutschen Reichs nicht gegeben hätte.

Wir können und dürfen das nicht vergessen.

_____

Nachtrag: Der NDR schreibt sehr lesenswert über dasselbe Thema: Holocaust – Die Lüge von den ahnungslosen Deutschen  – Leute, die in unmittelbarer Nachbarschaft von KZs gewohnt haben, erinnern sich nicht. Verdrängung, Relativierung und Whataboutism bis heute.

Interessant und bedrückend die Arbeit des kanadischen Historikers Robert Gellately darüber, wie offen die NS-Presse das KZ-System thematisierte, wie breit der Rückhalt in der Bevölkerung war, wie Massenhinrichtungen teils als öffentliche Spektakel inszeniert wurden. (Die von mir oben erwähnte Geheimhaltung dürfte demnach v.a. die Massaker der Wehrmacht in den besetzten Gebieten betroffen haben.) Viele profitierten von den Lagern, Denunziantentum war weit verbreitet, viele haben bewusst und aktiv mitgemacht. Wirklich nichts gewusst haben kann wirklich kaum jemand in Deutschland.

Nachtrag (29.06.2018): In Österreich war es offenbar nicht anders. Die Entrechtung, Enteignung, Deportation und Ermordung der österreichischen Juden wurde ganz ungeniert in aller Öffentlichkeit vollzogen: Todeslisten: Die Namen der deportierten Juden standen im Nazi-Amtsblatt. Auch dort kann kaum jemand wirklich „nichts gewusst“ haben.

Advertisements

12 Kommentare on “Nicht zu übersehen”

  1. Lakritze sagt:

    Ich war entsetzt über die Positionen unseres jüngsten Regierungszugangs. Jetzt sterben die allerletzten Zeitzeugen, da kann man’s ja wieder versuchen? Ich weiß auch nicht, was da von „Schuld“ gefaselt wird, die wir Nachgeborenen angeblich auf unsere Häupter häufen — das Wort heißt „Verantwortung“, dafür, daß es nie wieder ein Reich der Überlegenen gibt.
    (Übrigens: Meine Großeltern waren kleine Bauern, die erst böse erwachten, als ihre polnischen Freunde und Nachbarn zur Zwangsarbeit geholt wurden; ich bin geneigt zu glauben, daß sie wirklich ahnungslos waren. Die Großeltern in der Großstadt wußten sehr viel früher, daß Nachbarn „verschwanden“, und daß die Duschen Gaskammern waren, hatte sich gerüchteweise bin in die Schule meines Vaters herumgesprochen. Die Nachrichtenlage auf dem Lande mag dünn und einseitig gewesen sein; in den Städten war sie es ganz sicher nicht.)

    Gefällt 1 Person

  2. christahartwig sagt:

    Meine Mutter sagte stets, spätestens seit den Novemberprogromen 1938 – sie nannte es Reichs-Kristallnacht – habe jeder, wirklich jeder gewusst, was los war. Dazu muss ich sagen, dass meine Mutter ein völlig unpolitischer Mensch war. Die wollte damals nur eines: Tanzen. Sie studierte Ballett bei Tatjana Gsovsky.

    Gefällt 1 Person

  3. gnaddrig sagt:

    @ Lakritze: Ja, Verantwortung für „Nie wieder“ trifft es. Die ist auch unabhängig von persönlicher Schuld.

    Was das Nichtgewussthaben, das Vielleicht-Nichtgewussthaben-Können und das Vermutlich-Irgendwas-Gewussthabenmüssen angeht: Ob und bis wann einzelne Personen (egal wieviele und egal wer) tatsächlich wenig bis nichts gewusst haben (können), finde ich gar nicht so wichtig. Ich will auch niemandem konkret Vorwürfe machen. Manche verfolgen das Geschehen aufmerksamer, andere nicht so. Die einen machen sich schnell einen Reim, andere brauchen länger (bei Deinen Großeltern auf dem Land bis zu einem Paukenschlag, aber spätestens dann kannten sie auch wenigstens einen Teil der Geschichte).

    Worauf ich hinauswill ist, dass es genug Leute damals gab, die sich aus den allgemein zugänglichen Informationen ein erstaunlich vollständiges Bild von den Ereignissen des Holocaust destilliert haben. Und wenn sogar politisch nicht weiter interessierte Leute wie die im Text oben erwähnten zu den Schlüssen kommen konnten, die sie während des Kriegs aufschrieben, wird jeder Versuch, im Nachhinein den Holocaust zu leugnen oder auch nur kleinerzureden, völlig lächerlich. Und dann kommt noch die ganze Dokumentation hinzu, die nicht wegzureden ist. Und und und – da ist für Leugnen kein Platz.

    Gefällt mir

  4. Lakritze sagt:

    Ich frage mich, wie lange es Menschen gelang, wegzuschauen (kann nicht sein), zu bagatellisieren (wird schon nicht so schlimm), zu rationalisieren (würden die Weltmächte/die gemäßigten Kräfte/Gott nie zulassen). Die Hoffnung, daß bald alles wieder normal wird, dürfte viel dazu beigetragen haben, daß es überhaupt so schlimm wurde.

    Gefällt 1 Person

  5. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Und damit sind wir gleich bei der Frage, wir wir uns selbst damals verhalten hätten. Wo ist die Grenze, ab der man „was machen“ müsste? Wo schreitet man – wie auch immer – ein? Zunächst mal sind sie ja demokratisch und regelkonform gewählt. Damals in der Weimarer Republik konnte man schon Ende der 20er wissen, dass die Braunhemden gar nichts gutes im Schilde führten:

    Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache. Wir zerbrechen uns darüber nicht den Kopf. Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren. […] Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.

    (Joseph Goebbels über die Demokratie, 30. April 1928 in: Der Angriff, via).

    Aber Nazikampfblätter wurden ja fast nur von Nazis gelesen, das hat der Rest des Landes kaum zur Kenntnis genommen, und so kam es dann wie es kam.

    Und heute? Ganz so unverblümt kündigen sie die Abschaffung der freien demokratischen Grundordnung heute nicht an wie Goebbels damals, aber es gibt genügend Äußerungen von AfD-Figuren, die genau dieselbe Marschrichtung vermuten lassen, und die Partei distanziert sich allenfalls halbherzig davon. Ab wann sollte man als Demokrat und Anhänger des Rechtsstaats also was tun, damit diese Leute den Laden nicht übernehmen? Wohin Nichtstun führt wissen wir ja nur zu gut…

    Gefällt mir

  6. gnaddrig sagt:

    Jedenfalls passt jetzt mittlerweile dieser Passus aus Kurt Schumachers Reichstagsrede vom 23. Februar 1932: „Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen; und wenn wir irgendetwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Anerkennung, dass ihm zum ersten Mal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.“ (Quelle, via)

    Gefällt mir

  7. Stefan R. sagt:

    Ich kannte Zeitzeugen, die wach genug waren, schon vor 1933 das Unheil kommen zu sehen. Die sagten immer: Lasst euch bloß nichts erzählen, wir haben’s alle gewusst, wer was anderes behauptet, ist ein feiger Lügner! Man musste schon sehr dumm stellen. Die meisten wussten wohl zumindest genug, um zu wissen, dass sie nicht mehr wissen wollten.
    Zu Gellately müsste man ergänzen, dass es seit langem bekannt ist, dass das Regime mit den KZs schon 1933 sehr offen umging, wenn nicht Propaganda machte damit. Die wurden als eine Art verschärfte Arbeitslager und Besserungsanstalten inszeniert für diejenigen, die nicht recht spuren wollten. Das schien weitgehend anzukommen beim Volk und diente postum auch als Ausrede („Wenn ich aufgemuckt hätte, wäre ich auch ins KZ gekommen!“). Die Vernichtungslager hingegen versuchte man so gut es ging geheim zu halten. (Was natürlich nicht funktionieren konnte.)
    Es ist, wie du schon richtig bemerktest, komplett absurd, angesichts der Massen an Quellenmaterial da was von Propagandalüge zu faseln und gleichzeitig anhand winziger, aus dem Kontext gerissenen Halbsätzen riesige antideutsche Vernichtungskomplotte herbeizuphantasieren.

    Gefällt 1 Person

  8. gnaddrig sagt:

    Stimmt, dass es KZs gab, war von Anfang an bekannt, damit wurde ja tatsächlich geprahlt. Das waren aber zunächst Lager zum Wegsperren und Umerziehen politischer Gegner, anfangs v.a. Kommunisten. Dass es dort ruppig zuging, war wohl auch kein Geheimnis. Zwangsarbeit war gängig und man weinte denen, die dabei ums Leben kamen, keine Träne nach.

    Was dann wohl nach Kräften geheimgehalten wurde, sind zunächst die Verbrechen der Wehrmacht und anderer Organisationen in den eroberten Gebieten (die vielfach an Scheußlichkeit den Praktiken in den KZs in nichts nachstanden) und der Aufbau und Betrieb der Vernichtungsindustrie mit Lagern wie Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Sobibor, Treblinka u.a.

    Das KZ-System und die Zwangsarbeit konnten die meisten vermutlich als unschöne aber nötige Maßnahme zur „Reinhaltung bzw. Säuberung des Volkskörpers“ von wie auch immer für schädlich gehaltenen Elementen noch halbwegs vertreten, vielleicht auch einschließlich der wenig versteckten Misshandlungen der Insassen und der Hinrichtungen. Bei den Vernichtungslagern wären die meisten (vermutlich? hoffentlich!) dann doch zurückgeschreckt, das ließ sich nicht mehr rechtfertigen.

    Wohl deswegen haben die Betreiber gegen Ende ja auch sehr emsig alle Spuren verwischt, soweit sie das noch konnten.

    Gefällt mir

  9. Achim sagt:

    Meine Großmutter (Jg. 1907) hat „nichts gewusst“, „wir kannten ja auch keine Juden“. Schon eine dramatische Verdrängungsleistung, denn sie entstammte der Hamburger Kaufmannschaft, mein Großvater war Arzt; „man“ verkehrte mit Kaufleuten, Bankiers, Ärzten, Hochschullehrern, Anwälten – alles Berufe, in denen jüdische Menschen überrepräsentiert waren. Und sie will nichts davon mitbekommen haben, dass da reihenweise Leute erst aus ihrem Beruf gedrängt wurden und dann aus der Stadt verschwanden? Nein, man hat weggesehen und gehofft, dass man nie zur Rechenschaft gezogen wird.
    Der Großvater (eigentlich im Krankenhaus tätig) war ab 1939 Stabsarzt, er war unter anderem zuständig für die nach Neuengamme zur Bewachung abkommandierten Wehrmachtseinheiten. Von denen hat er viel gehört. Das weiß ich, weil er nach dem Krieg seinen Kindern erzählt hat, dass er irgendwann gewarnt wurde. Die hohe Zahl an Krankschreibungen (heute würde man sagen, wegen „traumatischer Belastungsstörung“) ist aufgefallen, das wurde dann gefährlich.
    Wie das in einer normalen deutschen Stadt zuging, kann man z.B. bei Uwe Johnson in den „Jahrestagen“ nachlesen. Oder in Wochenschauaufnahmen erkennen, wo im November 1938 Geschäfte boykottiert und geplündert, Synagogen angezündet und nicht gelöscht, Menschen gezwungen wurden, mit der Zahnbürste das Pflaster zu säubern. Wochenschau! Von wegen „wir wussten es nicht“.

    Gefällt 1 Person

  10. Yadgar sagt:

    „Allerdings fing die im engeren Sinn industrielle Ermordung in Vernichtungslagern mit dem Bau der Gaskammern in Auschwitz-Birkenau im Frühjahr 1943 erst an (Quelle).“

    Ab Juli 1942, nicht erst 1943 – lies noch mal genau nach!

    Gefällt mir

  11. gnaddrig sagt:

    Stimmt, schon ab Juni 1942 wurde dort mit zwei Gaskammern im großen Maßstab gemordet. Ich hatte als Beginn der „im engeren Sinn industriellen Ermordung“ die Inbetriebnahme der extra zu diesem Zweck konzipierten Anlagen aus je einem Krematorium mit angeschlossener Gaskammer angenommen. Vorher hatte man umgebaute Bauernhäuser als Gaskammern verwendet.

    Die Unterscheidung ist für die Opfer wohl nicht so wichtig – schon vorher war das Ziel dasselbe, das Vorgehen genauso herzlos und menschenverachtend. Aber mir geht es oben ja darum, wieviele Leute wann wieviel gewusst haben konnten oder mussten. Und spätestens wenn Industrieanlagen für einen bestimmten Zweck entwickelt und gebaut werden und teilweise von zivilen Firmen gewartet werden, sind da viele Leute beteiligt, die nicht nichts wissen konnten. Ein Bauernhaus zu einer Mordanlage umzurüsten und zu betreiben mag mit wenig Personal ohne viel Aufsehen machbar gewesen sein, zumal Häftlinge die meiste Dreckarbeit machen mussten. Und schon da gab es Zulieferer und Personal, das bescheidwusste. Und ab Frühjahr 1943 dann umsomehr.

    Gefällt mir

  12. Yadgar sagt:

    Ich frage mich öfters, wie auf das Thema spezialisierte Historiker damit psychisch klarkommen… muss es nicht auf die Dauer abstumpfen, Berechnungen über Tötungs- und Verbrennungskapazitäten anzustellen, sich durch sämtliche Formalia des Vernichtungslager-Betriebes zu arbeiten? Ich weiß nicht, ob ich das könnte! Ich fand schon meine eine Zeitlang betriebene Statistik über Kriegsopfer in Afghanistan reichlich deprimierend…

    Gefällt 1 Person


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.