Gastgeber und Fahrdienstleiterinnen gesucht

Die Bahn sucht Personal und hängt derzeit Plakate mit Stellenanzeigen in den Bahnhöfen aus. Auf diesen Plakaten spricht sie die gesuchten Berufsgruppen gezielt an:

Fahrdienstleiter: Du willst selbst den Ton angeben. Wir brauchen Taktgeber für tausende Züge.

Mechatroniker: Du willst, dass alles rund läuft. Wir bringen ein ganzes Land ins Rollen.

Elektriker: Du willst einen Job mit mehr Spannung. Wir haben 15.000 Volt zu bieten.

Zugbegleiterin: Du willst Gastgeber sein. Wir haben 7 Mio. Gäste täglich.

Alle Stellenanzeigen wenden sich ausdrücklich an Männer und Frauen, es heißt jeweils [Berufsbezeichnung] (m/w), bei Fahrdienstleiter, Elektriker und Mechatroniker sind aber Männer abgebildet, nur bei Zugbegleiterin eine Frau.

Dass in den bisher typischen Männerberufen vor allem Männer angesprochen werden, ist vermutlich der Realität auf dem Arbeitsmarkt geschuldet. Es dürfte vergleichsweise wenig stellensuchende Elektrikerinnen und Mechatronikerinnen geben. Bei der Mechatronikausbildung lag der Frauenanteil 2010 bei 5,4%, beim ausgeübten Beruf immerhin bei 8,2%, bei den Elektroinstallateuren sind nur 2,7%, bei den Elektromaschinentechnikern aber 7,2% (Quelle). Zu Fahrdienstleitern habe ich keine Daten gefunden, aber der Anteil dort wird kaum höher sein.

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Dass Mädchen überhaupt so selten technische Berufe ergreifen dürfte dabei viele Ursachen haben. Erstmal sind das über lange Zeit gewachsene Rollenzuschreibungen, die Kindern schon in den Elternhäusern und durch allgegenwärtiges Beispiel eingeimpft werden. Die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Genderisierung von Konsumprodukten schon ab dem Babyalter dürfte den Effekt noch verstärken.

Wenn schon bei Schnuller, Zahnbürste und Süßigkeiten peinlich darauf geachtet werden muss, dass nur ja kein Junge versehentlich Mädchensachen kriegt, wird da schon ganz früh eine künstliche Unterschiedlichkeit herangezüchtet, die dann im Erwachsenenalter niemand so ohne weiteres abstreift. Und wenn Mädchen, die Jungensachen haben, dafür belächelt und als unweiblich betrachtet werden, schlägt das in dieselbe Kerbe.

Das setzt sich fort in den Schulen, wo Mathematik, Naturwissenschaften und alles Technische irgendwie Jungssache ist. Die Mädchen sitzen viel zu oft nur dabei und lassen sich alles von den Jungen aus der Hand nehmen und machen. Nicht weil sie selbst zu dumm oder ungeschickt wären, sondern weil alle „wissen“, dass Jungs das besser können. Interessanterweise bringen Mädchen in diesen Fächern deutlich bessere Leistungen, wenn keine Jungen in der Klasse sind und sie das alles selbst machen dürfen und müssen. Sie sind also nicht an sich schlechter in Naturwissenschaften als Jungen.

Später dann kommen die jungen Leute in teilweise immer noch extrem voreingenommene Ausbildungs- und Berufsumfelder. Mädchen haben in technischen Ausbildungsgängen oft wenig zu lachen. Mancher Ausbilder hält Mädchen sowieso für unfähig, eine Kreissäge, Bohrmaschine o.ä. korrekt zu bedienen. Dazu kommt vielfach lächerliches Dominanzgehabe männlicher Kollegen und Vorgesetzter, bis hin zu handfester sexueller Belästigung und Nötigung bei oftmals sehr überschaubarer bis praktisch nicht existenter Unterstützung durch die Firmenleitung oder die Gleichstellungsbeauftragten (Beispiel).

Auch wenn in den meisten Firmen kein Pirelli-Kalender mehr hängen mag, ist da in Sachen Sexismus noch lange nicht alles in Ordnung. Solange das so ist, werden vergleichsweise wenig Frauen sich die Ausbildung in solchen Umfeldern antun, unabhängig von ihren Fähigkeiten und Interessen. Von denen, die es versuchen, werden anscheinend etliche rausgeekelt, und solange gibt es dann eben fast nur männliche Elektriker, Mechatroniker usw.

Es dürfte deshalb schwierig sein, Frauen in diesen Berufen zu kriegen. Dass man deshalb gleich den männlichen Teil der Bevölkerung anspricht, aus dem sich das Personal dann ziemlich sicher zum allergrößten Teil rektutieren wird, ist schon verständlich. Das spiegelt die Voreingenommenheit und das Ungleichgewicht in der Gesellschaft wider, für das die Bahn zunächst nichts kann. Die will Stellen besetzen und sucht da, wo sie am ehesten passendes Personal findet.

(Deswegen könnte und sollte man dem trotzdem entgegenwirken und diese ganzen idiotischen sexistischen Weichenstellungen soweit wie möglich vermeiden, statt sie zu verstärken, möglichst früh, schon in den Kindergärten, in den Schulen und dann eben auch auf dem Arbeitsmarkt.)

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Was mich an der Kampagne aber stört, ist, dass sie unnötigerweise Klischees bedient. Die Männer in den Ausschreibungen fordern, agieren und gestalten – der Mechatroniker sorgt dafür, dass alles rund läuft. Der Elektriker will einen Job mit viel Spannung. Der Fahrdienstleiter gibt den Ton an. Knackig, kantig, männlich. Die Zugbegleiterin will Gastgeber sein. Sie darf bei der Bahn auch im Beruf die Mutti spielen, die alle willkommen heißt und ihre Gäste umsorgt.

Dabei ist Zugbegleiterin (und erst recht das – vermute ich – Karriereziel Zugchefin) ein Job mit hohen Anforderungen an Organisationstalent, Verhandlungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen. Das ist nicht Kaffeekochen und Kekse verteilen, sondern Hochseiltanz und Jonglage mit fünf Tellern, vier Keulen und drei Bällen gleichzeitig, wobei nie klar ist, ob einer der Bälle nicht doch ein Knallfrosch mit brennender Lunte ist und ob das Publikum nicht jeden Moment anfängt, mit faulen Eiern oder Böllern zu werfen.

Und, wird das gewürdigt? Nein, sie suchen was angemessen Weibliches, ein Hausmütterchen mit Gluckeninstinkt für die sieben Millionen Gäste täglich (die natürlich in diesem Zusammenhang wohl irgendwie auch nicht zahlende Kunden sind). Und in vollständiger Instinktlosigkeit bezeichnen sie die dann als Gastgeber, obwohl sie hier vor allem Frauen ansprechen und es doch die an dieser Stelle angemessene und durchaus nicht unübliche Form Gastgeberin gibt und sie das bei Zugbegleiterin ja auch geschafft haben.

Offensichtlich sind wir noch weit davon entfernt, dass Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt sind, nicht nur vor dem Gesetz, sondern in den Köpfen; dass die Berufswahl wirklich nur nach Interessen und Fähigkeiten erfolgt und Frauen in bisher als männlich geltenden Berufen keine Nachteile oder Belästigungen befürchten müssen, nur weil sie keine Männer sind.

Bisher schaffen wir als Gesellschaft ja noch nichteinmal, beim Betrachten von Menschen unsere Klischeebrillen abzusetzen.

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9 Kommentare on “Gastgeber und Fahrdienstleiterinnen gesucht”

  1. SCVPR sagt:

    So richtig hip scheint die Bahn als Arbeitgeber aber nicht zu sein, wenn ich mir die kaum vorhandene Gesichtsbehaarung der abgebildeten Jungs ansehe – und das dürfte nicht daran liegen, dass längere Bärte in der Nähe der Oberleitungen Spannungsüberschläge per Lichtbogen begünstigten (da gerade von 15000 Volt die Rede war…)! Vor allem der Fahrdienstleiter mit seiner minimalistischen Techno-Klobrille im Gesicht ist ja sowas von 1990er (von dem Mechatroniker mit seinem noch outeren Dreitage“bart“ gar nicht zu reden)… nee, Bahn, das ist kein Marketing-Geniestreich, das ist Anno Pief!

    „Die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Genderisierung von Konsumprodukten schon ab dem Babyalter dürfte den Effekt noch verstärken.“

    Nachdem es mittlerweile schon pinke Mädchenteleskope gibt, warte ich nur noch auf den schmusig rundgelutschten rosa Mädchencomputer, wahrscheinlich demnächst von Apple (würg, reiher, kotz!)…

    „Auch wenn in den meisten Firmen kein Pirelli-Kalender mehr hängen mag“

    Ich bevorzuge sowieso den Hairforce-Kalender… http://hairforcekalender.de/herogallery/hairforce-2018-men/

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  2. Yadgar sagt:

    Ups, der Name sollte natürlich „Yadgar“ heißen… zuviel Koka… äh, Coca-Cola in der Birne, zuwenig Schlaf!

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  3. gnaddrig sagt:

    Kommt vor…

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  4. Stefan R. sagt:

    Ich bin da immer sehr zwiespältig. Einerseits fällt mir dieses Missverhältnis natürlich auf, andererseits denke ich, die Marketingfuzzis und -fuzzinen werden sich halt an die Statistiken gehalten haben über die Berufe, für die Männer und Frauen sich überwiegend entscheiden (und die sich die letzten Jahrzehnte über nur graduell verändert haben). Die möchten geeignete Leute rekrutieren und machen das, was statistisch halt den meisten Erfolg verspricht. Und das ist eben, Männer bei technischen, Frauen bei ‚zwischenmenschlichen‘ Berufen anzusprechen. Das sie damit überkommende Männer-/Frauenbilder perpetuieren, dürfte denen sogar bewusst sein, wird aber in Kauf genommen. Das ist übrigens im übrigen Werbefernsehen nicht anders, wenn man sich die dortigen Männer-/Frauenbilder anschaut. Auch das beruht nicht auf Antifeminismus, sondern auf Marktforschung.

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  5. gnaddrig sagt:

    Hast völlig recht, Kampagnen wie diese hängen nicht im luftleeren Raum, die Ungleichgewichte spiegeln das Bild in den Köpfen wider. Das macht zunächst natürlich Sinn, die sind pragmatisch und wollen möglichst die richtigen Leute ansprechen. Aber ich finde es trotzdem schade, dass es diese großenteils unsinnigen Rollenzuschreibungen immer noch so tief verwurzelt sind. Ich finde, darauf muss man immer wieder aufmerksam machen und sollte selber versuchen, sich in Richtung gerechterer Sichtweisen weiterzuentwickeln.

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  6. vilmoskörte sagt:

    Es ist bemerkenswert, dass in Norwegen, wo anerkanntermaßen die Geschlechtergerechtigkeit erheblich weiter gediehen ist als bei uns, Frauen eher zu Berufen tendieren, in denen sie „etwas mit Menschen“ machen können als zu Berufen, wo es „um Technik“ geht. Der norwegische Soziologe und Komiker Harald Eia zeigt das sehr schön in seinem Film „Das Gleichstellungsparadox“ (https://www.youtube.com/watch?v=B1U_sXZtIMU).

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  7. gnaddrig sagt:

    Die alte Frage, Nature or Nurture…

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  8. rabi54 sagt:

    … fuzzis und fuzzinen *lol*. Steht das so im Duden?

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  9. gnaddrig sagt:

    Erst wenn genügend Leute das lange und häufig genug verwendet haben 😉

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