Vom Paradies

Neulich einen Spruch gelesen:

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.

Was für ein Quark!

Dafür braucht es erstmal Erinnerungen, die man wenigstens einigermaßen zurecht als „Paradies“ bezeichnen kann. Selbst wenn man die Latte eher tief hängt und schon eine ohne Katastrophen überstandene Kindheit als Paradies verbucht, funktioniert das nicht richtig.

Dann stilisiert man nämlich irgendwelche unspektakulären Erinnerungen zum Paradies hoch (und sogar ein paar einzelne wunderschöne, ekstatisch großartige Erinnerungen machen aus einer Durchschnittsvergangenheit noch kein Paradies) und macht sich damit nur selbst etwas vor.

Dass schon eine nichtkatastrophale, nicht ausdrücklich unglückliche Kindheit ein Schatz sein kann, will ich gar nicht bestreiten. Ein solcher Schatz kann in schweren Zeiten Trost, Rückhalt und Mut geben, und man tut recht, das zu nutzen. Auch wenn’s wenig ist – der Spatz in der Hand ist allemal besser als die Taube auf dem Dach, und da kann man auch mit wenig durchaus glücklich und zufrieden sein. Nur muss man nicht so tun, als sei der kleine, steinige Schrebergarten hinterm Bahndamm das Paradies.

Ganz viele Leute einen Schatz dieser Art aber auch gar nicht im Gepäck, nicht einmal die allerunscheinbarste Sparversion von glücklichen Erinnerungen, sondern gerade das Gegenteil – schreckliche Erinnerungen. Das kann von eher nicht so schön bis wirklich fürchterlich gehen. Für diese, sicher nicht wenigen, Mitmenschen gilt: Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der uns niemand befreien kann. Auch psychiatrische oder therapeutische Intervention beißt sich an dieser Sorte Hölle immer wieder die Zähne aus. Oft ist allenfalls eine gewisse Linderung möglich.

Therapie kann sicher beim Verarbeiten helfen, beim Erträglichmachen durch Analysieren und Einordnen, durch In-handhabbare-Stücke-Zerlegen, aber oft genug geht nicht mal das richtig. Das ist der einzige Aspekt des Spruchs, der stimmt: Die Erinnerung kriegt man nicht so leicht weg, mit der muss man leben. Sogar wenn man Dinge erfolgreich verdrängt, wirkt die Erinnerung nach. Schlimme Erinnerungen vermutlich stärker als schöne. Man kommt dem nicht so leicht davon.

Außerdem kriegen viele, die es nötig hätten, nicht einmal diese magere Hilfe, weil sie nicht wissen, dass es sie gibt. Oder weil sie sich nicht trauen, Hilfe zu suchen oder anzunehmen. Oder weil sie in einer Situation sind, in der sie keine Hilfe suchen können. Oder weil ihre Notlage gar nicht erst als solche anerkannt wird und „man“ Hilfe nicht für nötig hält und lieber Sprachblasen absondert, wie Die Zeit heilt alle Wunden oder auch das beliebte Medley Keine Nabelschau, keine Lochbetrachtung, schau nach vorne, das Leben geht weiter, lass dich nicht hängen, stell dich nicht so an, sei doch mal ein bisschen fröhlich und so.

Dann steht jemand mit der Hölle der Erinnerung und den daraus folgenden Beeinträchtigungen allein da und wird dazu noch indirekt dafür verantwortlich gemacht, nicht glücklich, ausgeglichen oder optimistisch zu sein; muss sich oft genug Lethargie, Schwarzseherei oder böswilliges Nichtgenießen des Lebens vorwerfen lassen. Ganz oft kommt das in Form schablonenhafter rosa-zuckriger Sprüche, wo eigentlich Verständnis nötig wäre. Das geht oft ins Übergriffige und ist meistens fehl am Platz, auch wenn es gelegentlich Situationen geben mag, wo so ein Spruch tatsächlich mal passt und Leute, denen das was bringt.

Mir ist diese ganze Motivationsspruchgeschichte suspekt und ziemlich zuwider. Man kann das Leben nicht mit solchen verallgemeinernden Wohlfühlfloskeln erfassen. Für den Umgang mit schwierigen oder schmerzhaften Umständen reichen billige Patentrezepte in aller Regel nicht aus. Dass beides trotzdem so oft versucht oder von anderen verlangt wird, geht mir gehörig auf die Nerven, und dass viele Motivationssprücheklopfer es ehrlich gut meinen, macht es nicht wirklich besser.

Nichts gegen gepflegten Wortkitsch auf Fotokalendern, wenn man sowas mag. Aber man sollte sich im Klaren darüber sein, dass das eine Schönwettergeschichte ist, die mit dem Alltag wenig und mit Lebenshilfe gar nichts zu tun hat.

 

 

 

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8 Gedanken zu “Vom Paradies

  1. Ich bin auch immer froh, wenn die Posotiv-Sprüche-Klopfer wieder von dannen ziehen, bzw. den Schnabel halten. Was man bei psychischen Tiefs brauchen würde ist Verständnis, keine Sprüche.
    Besonders schlimm sind die, die gleich noch die passenden Globulis auch noch parat haben…

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  2. Auch ist es wohl so , dass wer sich nicht gerne mit den eigenen Abgründen beschäftigt, gerne in solche Sprüche flüchtet. Würde sie/er tatsächlich das Verständnis für das Gegenüber aufbringen, würden ihm/r eigene Probleme ebenfalls bewusst und das ist sehr unangenehm und wird dann eben lieber vermieden.
    Sehr guter Beitrag, danke!

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  3. Das Zitat geht auf den frühromantischen deutschen Schriftsteller Jean Paul (1763-1825) zurück… der offensichtlich nichts von Alzheimer und anderen Demenzen wusste!

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  4. Auch für psychisch unbelastete Menschen erscheint mir der Spruch etwas zweifelhaft. Menschen, die mehr in ihrer Erinnerung leben als in der Gegenwart, und die mehr über ihre Vergangenheit nachdenken als über ihre Zukunft, erscheinen mir befremdlich.

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In den Wald hineinrufen

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