Bingen

Neulich im Intercity Richtung Norden. Der Zug ist recht gut besetzt, aber wir haben reserviert und richten uns ein. Vor uns zwei Stunden Nichtstun, Träumen, Musikhören, Lesen.

Am nächsten Halt kommt eine sehr fidele Seniorentruppe in den Zug, sieben oder acht Leute. Die haben ein paar Reihen weiter die beiden Sitzgruppen mit Tisch reserviert und nehmen ihre Plätze jetzt in Besitz. Das ist eine größere Unternehmung als man denken sollte.

Die Herren sind charmant und wollen das Gepäck versorgen, die Damen sind charmiert und wollen aus dem Weg. Nach längerem Hin und Her haben die Damen sich auf die Fenstersitze eingeparkt und die Herren machen sich ans Werk.

Sie stehen sich dabei gegenseitig im Weg, und es muss natürlich für jedes Gepäckstück erst einzeln im Plenum ausdiskutiert werden, wem es gehört und wo es warum hinsoll. Scherze fliegen hin und her, Zweideutigkeiten werden mit brüllendem Gelächter quittiert, eine der Damen kiekst jedesmal, eine wiehert, ein Herr bellt, es ist eine Mordsgaudi. Einer der Herren grunzt alle paar Sekunden, wohl wegen der Anstrengung beim Kofferheben, eine Art stimmloses Hochdruckräuspern – krrrz krrrz. Ein anderer hat ein stimmlos pfeifendes Lachen, mit dem er die Aktivitäten der Gruppe dauerhaft untermalt – hhhhhhhhhhhhh-hh-hh-hh-hhhhhhhhhhh.

Die sitzen noch nicht, da haben wir alle schon unsere Ohrhörer in den Ohren und Musik an. Sich den Klamauk länger ungeschützt anzuhören ist kein gangbarer Weg. Woanders hinzugehen auch nicht – spätestens seit dem letzten Halt ist der Zug zu voll, es kommen immer noch welche auf Sitzplatzsuche durch den Gang. Die Aussichten, anderswo vier einigermaßen zusammenhängende Plätze zu finden sind also eher mau. Stattdessen eine gute Stunde auf dem Gang zu stehen macht auch keinen Spaß. Wir bleiben also und hören Musik.

Nachdem das Gepäck verstaut ist und alle sitzen, geht es ans Essen. Zwei Fresskörbe und eine Kühlbox müssen wieder aus dem Gepäcknetz geholt werden. Wo sind die? Wer macht das? Welcher Korb soll wo abgestellt werden? Die beiden Tische werden vollgepackt, das kulinarische Angebot wird laut vorgetragen und diskutiert. Getränke kommen auf den Tisch. Weißwein, Rosé und Dosenbier, und durchsichtige Halbliterplastikbecher.

Sie essen und trinken und sind guter Dinge. Allerbester Dinge sogar. Der Schaffner kriegt einen Becher Wein angeboten, den er dankend ablehnen muss, und als eine Frau mit Baby im Tragtuch vorbeikommt, bittet einer lautstark um Ruhe, damit das Baby nicht aufwacht, was eine ebensolaute Diskussion über Babys und deren Schlafverhalten nach sich zieht. Damit übertönen die locker meine Musik, aber dauerhaft noch lauter drehen mag ich die auch nicht. Überhaupt, da läuft alles in maximaler Lautstärke. Leise können die anscheinend gar nicht. Ein Becher Wein kippt um, was natürlich wieder zu großer Heiterkeit Anlass gibt – krrrz krrrz, kieks, jiiiihahaha, wha-wha-wha, hhhhhhhhhhhhh-hh-hh-hh-hhhhhhhhhhh, krrrz krrrz. Umständliche Reinigungsarbeiten folgen, krrrz krrrz.

Nach einer halben Stunde macht sich eine gewisse Trägheit breit, die Witze werden seltener, es ergibt sich ein Wortgeplätscher in erträglicher Lautstärke. Es wirkt fast friedlich, da kündigt der Zugchef an, dass wir in wenigen Minuten am schönen Bingen vorbeifahren (warum der das für ansagenswert hält, wo wir in Bingen ja nicht halten, wissen vermutlich nicht einmal die Götter). Für die Ansage nehme ich die Ohrhörer raus – hätte ja was wichtiges sein können – und werde sofort mit einer weiteren Aufführung der Truppe belohnt.

Die müssen die Vorbeifahrt an Bingen nämlich ausgiebig erörtern. Jemand von denen kennt wohl eine Ingeborg, die in Bingen wohnt oder ursprünglich aus Bingen kommt. Jemand anders hat mal was von einer Hilde von Bingen gehört, die irgendwas mit Gesundheit gemacht haben soll. Die Unterhaltung flackert wieder auf, nimmt Fahrt auf, wird lustiger und lauter. Eine kommt auf den genialen Reim „d’Inge vo Binge“ – kieks, jiiiihahaha, hhhhhhhhhhhhh-hh-hh-hh-hhhhhhhhhhh – und findet das so wahnsinnig geistreich, dass sie das in ein paar Minuten sicher 20 Mal wiederholen muss hhhhhhhhhhhhh-hh-hh-hh-hhhhhhhhhhh, wha-wha-wha, krrrz krrrz.

Einer ruft dann gleich zuhause oder bei Bekannten an und berichtet mit hörbarer Befriedigung, dass man auf der Fahrt nach Düsseldorf auch Bingen am Rhein gesehen habe – d’Inge vo Binge, kieks – und sich bester Stimmung erfreue – d’Inge vo Binge, gahks, hhhhhhhhhhhhh-hh-hh-hh-hhhhhhhhhhh, krrrz krrrz.

Kurz danach kommen wir an, steigen aus und genießen noch etwas benommen den friedlichen Verkehrslärm vor dem Bahnhof.

P.S.: Nein, es muss im Zug nicht wie in einer Bibliothek oder einem Museum zugehen, jedenfalls nicht im sogenannten Handybereich. Wie Kleinkinder dürfen auch muntere Ausflüglertrupps, feierlaunige Festivalfahrer oder überdrehte Quasselköppe Geräusch produzieren und hörbar sein. Aber es gibt Grenzen. Sollte Grenzen geben.

P.P.S.: Ich habe das nicht groß überzeichnet, nur etwas verdichtet, weil das sonst zu lang und kaum lesbar geworden wäre – die Art völlig ungeniert öffentlich inszenierter Bewusstseinsstrom ist anstrengend. Die Leutchen haben aber so viele Fidele-Rentner-auf-Tour-Klischees abgeräumt, dass es ein Jammer gewesen wäre, das nicht zu erzählen. Der Auftritt ist fast ein kleines Gesamtkunstwert für sich.

P.P.P.S.: Ich weiß nicht, ob ich nach dieser Tour jemals wieder unbefangen an Bingen werde vorbeifahren können…

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9 Kommentare on “Bingen”

  1. schnecke sagt:

    Ich hätte ja zu gerne gewusst, wie diese Leutchen reagiert hätten, wenn in ihrer Nähe eine Gruppe Jugendlicher auf die gleiche Art „randaliert“ hätte wie sie.
    Irgendwie freue ich mich aber auch, dass das Trüppchen seinen Spass hatte. Zumindest war es für Dich eine Gelegenheit, einen echt köstlich geschriebenen Bericht abzugeben.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Und ja, Spaß hatten sie ganz offensichtlich, insofern ein fast herzerwärmendes Erlebnis.

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  3. Dabei ist Bingen so schön. Mein Beileid.
    Ja, es sind nicht immer nur die Jungen, die Radau machen. Obwohl mir da letztes Wochenende wieder einige Exemplare in Rudeln in der S-Bahn begegneten, die mal wieder wirklich jedes oh-tempora-oh-mores-Klischee voll ausgeschöpft haben. Vielleicht behalten die das einfach bis ins Rentenalter bei.

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  4. Achim sagt:

    Ja, Rentner auf Reisen… Ich habe mich vor Jahren mal mit so einer Truppe richtig angelegt, weil der Lärm das Lesen unmöglich machte. Auf die Vorhaltung, ich solle doch zu Hause bleiben, wenn ich ein Buch lesen wolle, habe ich gegengefragt, warum sie denn nicht zu Hause blieben, wenn sie saufen und schlechte Witze erzählen wollten. Das hat die Stimmung natürlich nicht verbessert. „Darf man nicht mal mal mehr fröhlich sein?“ Zum Glück mischten sich einige weitere Reisende ein, denen der Lärmpegel ebenfalls auf den Geist gegangen ist, und dann der couragierte Schaffner, der auf sein Hausrecht und die gegenseitige Rücksichtnahme hingewiesen hat.
    Aber das ist keine Altersfrage. Ich bin alt genug, um beim Pflegen meiner damaligen Wochenendbeziehung das zweifelhafte Vergnügen mit Y-Reisen gehabt zu haben.
    Man wundert sich nur immer wieder, wie viele Menschen gar nicht merken, wie laut sie eigentlich sind.

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  5. gnaddrig sagt:

    Ja, das ist es: Viele merken offensichtlich gar nicht, was für einen Lärm sie da machen. Ich wundere mich immer, wie mühelos es schaffen, so lange solchen Radau zu verbreiten, das grenzt ja manchmal an sportliche Leistung…

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  6. Paterfelis sagt:

    Mir sind schon die Sorte Leute suspekt, die im Rahmen eines normalen Gespräches einen ganzen Großraumwagen zuhören lassen können. Manche können einfach nicht leise. Schlimm.

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  7. Yadgar sagt:

    Also, in afghanischen Zügen wird nicht gesoffen…

    …Moment, auf der einzigen Bahnstrecke des Landes, Hairatan-Mazar-e Sharif, verkehren nur Güterzüge! Der Alkoholkonsum von Stück- und Schüttgut hält sich doch ziemlich in Grenzen…

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  8. Stefan R. sagt:

    Woran erinnert mich das noch gleich? Ach ja, hieran.

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  9. […] Wer ist das überhaupt, die Mitreisenden – fahrende Kleinkunstkollektive wie d’Inge vo Binge? […]

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