Sauberhalten

In den Toiletten in vielen ICEs der Deutschen Bahn steht am unteren Rand des Spiegels folgender Text:

Die Mitreisenden möchten sich wohl fühlen. Sie auch? Bitte helfen Sie mit, dieses WC sauber zu halten.

Die Mitreisenden möchten sich wohl fühlen. Sie auch?
Bitte helfen Sie mit, dieses WC sauber zu halten.

Die Argumentation ist völlig einleuchtend, aber ich stolpere trotzdem über den Text. Auf die Frage, ob ich mich wohlfühlen will, mit der Aufforderung fortzufahren, dieses WC sauber zu halten ist ein bisschen unpassend – wenn ich das sauberhalte, fühle ich mich ja nicht wohl, sondern nur die Mitreisenden, die das Örtchen nach mir benutzen. (Nichts dagegen, es sei ihnen gegönnt!) Und wenn ich in einer Stunde nochmal hierher muss, hat vielleicht jemand anders trotz meiner Mitwirkung alles vollgesaut, sodass ich von meiner eigenen (für die Gelegenheit mal behaupteten) Mustergültigkeit nichts hätte.

Anders gesagt, die Sequenz ist gleichzeitig logisch und unlogisch. Logisch weil: Vom Allgemeinen (die Mitreisenden) zum Persönlichen (Sie auch) gehen, von da den Absprung in die Bitte um Mithilfe, weil man ja persönlich betroffen ist – leuchtet schon ein.

Unlogisch weil: Beim Einstieg mit „Die Mitreisenden möchten“ denke ich mir: Ja und? Sollen sie. Wer ist das überhaupt, die Mitreisenden – der Blödmann, dessen Ohrhörer aus vier Meter Entfernung noch lauter sind als meine, wenn ich sie offen auf dem Tisch vor mir liegen habe? Die zwei Turteltäubchen, die in ihrer Verliebtheit haarscharf an der Grenze zum öffentlichen Ärgernis entlangschrammen? Der Business-Typ, der stundenlang geschäftliche Telefonate ins Großraumabteil brüllt? Der Goth, dem die Patchouli-Flasche im Rucksack ausgelaufen sein muss? Die Fußballfans, die wegen stabil hohem Bierkonsum reihum die Toiletten blockieren (und dort in Sachen Sauberkeit weiß der Himmel was anstellen)? Oder fahrende Kleinkunstkollektive wie d’Inge vo Binge?

Da hat man mich als Normalegoisten schon abgehängt, und die Frage, ob ich mich wohlfühlen will, ist nur noch symbolisch. Und helfen Sie mit, dieses WC sauberzuhalten? Naja, ich mache es nicht noch dreckiger als es eh schon ist, bitte, gern geschehen. Aber „sauberhalten“ ist das eigentlich nicht.

Meiner Meinung nach sollte der Spruch umgedreht werden, weil das den Leser besser an die gewünschte Mithilfe heranführt:

Sie möchten sich wohlfühlen? [Ja, klar, wer will das nicht?]
Die Mitreisenden auch. [Logisch, kann ich nachvollziehen.]
Bitte helfen Sie mit, dieses WC sauber zu halten. [Hm, so gesehen, klar, gern geschehen.]

Auf diese Art appelliert man weniger an Eigennutz und Egoismus und dafür mehr an die Hilfsbereitschaft der Fahrgäste – viel sympathischer.

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5 Kommentare on “Sauberhalten”

  1. Ein einziger blöder Mitreisender torpediert den angeführten Hinweis schon. Ich fände einen Hinweis auf die Reinigungskräfte passender. Oder was Witziges wie im genialen Cartoon von FK Wächter, wie ein Mann das Schild: „Bitte, verlassen Sie das Badezimmer so, wie sie es vorzufinden wünschen“ zum Anlass nimmt, eine prächtige Dschungellandschaft an die Wand zu pinseln.

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  2. nömix sagt:

    Das Sauberhalten der WCs ist ja eigentlich Aufgabe des Reinigungspersonals. Und jetzt bittet die Deutsche Bahn ihre Fahrgäste, dabei mitzuhelfen? Kriegt man Gummihandschuhe & Schrubber dafür und auch ein Honorar, oder soll der erbetene Putzdienst freiwillig geleistet werden?

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  3. gnaddrig sagt:

    @ Jules van der Ley: Stimmt, es braucht wenig, um so eine Toilette in ein stinkendes Loch zu verwandeln, das niemand freiwillig benutzt.

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  4. gnaddrig sagt:

    @ Nömix: Die Bitte, beim Sauberhalten mitzuhelfen finde ich legitim. Ich verstehe den Text als Bitte, die Toilette nicht über Gebühr zu verschmutzen und sie nach Möglichkeit so sauber zu verlassen, wie man sie (hoffentlich) vorgefunden hat. Weitergehende Putzaufträge lese ich aus dem Text nicht heraus, und die wären natürlich wirklich Sache des Personals.

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  5. Martin Däniken sagt:

    Naja da hat ein Inder irgendwas Wort für Wort übergesetzt…
    Auf jeden Fall hat jemand dieses Meisterstück mächtig Kohle kassiert,aber nicht der Inder,oder!
    Die Bahn hats drauf..
    Achja da gabs doch den hart an der Einstein-Intelligenz-Grenz vorbei geschrammten Brutalst-genialen Pofalla 😉
    Da kommt wahrscheinlich was auf uns zu..kein Zug-ein Geistesblitz folgt dem Nächsten-
    ich freue mir nen loch innen Bauch.
    Falls einer von der Bahn mitliest,das war Sarkasmus pur.

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