Homöopathie als Nanomedizin?

Kürzlich ist mir auf Twitter ein Link auf einen Text der französischen Homöopathen Florence Courtens, Jean-Louis Demangeat und Mourad Benabdallah unter dem Titel Could the Olfactory System Be a Target for Homeopathic Remedies as Nanomedicines? begegnet (Link zum Paper, gefunden via).

Die Frage klingt interessant: Könnten homöopathische Arzneimittel nanomedizinisch wirksam sein? Könnte das olfaktorische System Ziel für diese Mittel sein? Die Autoren – alle drei promovierte Mediziner – präsentieren einige Überlegungen, ob und wie das der Fall sein kann. Ich bin kein Mediziner und kein Naturwissenschaftler, womöglich kann ich das Paper also nicht in allen fachlichen Feinheiten erfassen. Aber ein paar grundsätzliche Gedanken mache ich mir trotzdem dazu.

In der Einleitung steht:

Homeopathic remedies (HRs) contain plant, animal, mineral, and metal products with specific odors such as flavonoids and terpenes in plant extracts, for example, (…)
(„Homöopathische Arzneimittel enthalten pflanzliche, tierische, mineralische oder metallische Substanzen mit spezifischen Geruchsstoffen wie Flavonoide oder Terpene in Pflanzenextrakten.“ Meine Übersetzung.)
(Ich übersetze die zitierten Passagen, damit niemand beim Lesen am Englischen scheitert. Da ich kaum Erfahrung mit medizinischen und wissenschaftlichen Texten habe, dürften die Übersetzungen nicht in allen Fällen dem in Fachkreisen üblichen Sprachgebrauch entsprechen, sollten den Inhalt aber trotz der eher oberflächlichen Recherche für den Zweck dieses Beitrags angemessen wiedergeben. Diese und alle anderen Passagen stammen aus dem eingangs verlinkten Artikel. Auf genauere Stellenangaben verzichte ich, da der Artikel nur wenige Seiten umfasst und durchsuchbar ist.)

Das stimmt so pauschal nicht. Viele gängige homöopathische Arzneimittel sind so hoch verdünnt, dass sie nur noch das zum Verdünnen verwendete Lösungsmittel (mit allen seinen unvermeidlichen zufällig dort hineingeratenen Verunreinigungen) enthalten oder – wenn das Mittel in Form von Globuli dargereicht wird – aus reinem Zucker (mit allen seinen unvermeidlichen zufällig dort hineingeratenen Verunreinigungen) bestehen.

Ab einer Verdünnung von 1:1.000.000 (auf homöopathisch: D6 oder C3) übersteigt die Menge der Verunreinigungen im Lösungsmittel die Menge der noch vorhandenen Urtinktur (Quelle). Bei 1:1.000.000.000.000.000.000.000.000 (D24/C12) enthalten nur etwa 50 % aller Lösungen überhaupt ein Molekül der Urtinktur, und beim Weiterverdünnen nimmt das rapide ab. Bei D26/C13 enthalten nur noch 0,5 % der Lösungen ein Molekül der Urtinktur, bei D28/C14 nur noch 0,005 %, und spätestens ab D30/C15 kann man mögliche Reste der Urtinktur völlig vernachlässigen.

Irgendwo zwischen D6/C3 und D24/C12 ist der Punkt, wo die Ursubstanz ungefähr auf dieselbe Konzentration verdünnt ist, in der die verschiedenen zufällig vorhandenen Verunreinigungen vorliegen. Ab dieser Verdünnung könnte man auch mit den besten Messverfahren nicht mehr unterscheiden, welche der ja jetzt nur noch zufällig oder jedenfalls ungesteuert vorhandenen Bestandteile der Verdünnung Ursubstanz sind und welche Bestandteile Verunreinigung. Rechnerisch und messtechnisch könnte ab diesem Punkt jede nachweisbare Verunreinigung die Ursubstanz sein. Die Verdünnung enthält selbst keine Information darüber, welches tatsächlich die Ursubstanz ist, und  beim Verdünnen und Verschütteln werden alle Inhaltsstoffe technisch gleichbehandelt.

(Da der Flascheninhalt beim Verdünnen nicht „weiß“ und nicht „wissen“ kann, welcher der enthaltenen Stoffe die Ursubstanz ist; und da weiterhin praktisch jede denkbare Substanz auf der Erde grundsätzlich als homöopathische Ursubstanz in Frage kommt, werden alle diese Verunreinigungen bei jedem Verdünnungsschritt gleichermaßen „potenziert“, und das resultierende homöopathische Arzneimittel muss dann am Ende ein unkontrollierbares Potpourri der verschiedensten nicht im Detail bekannten Ursubstanzen in ebenfalls nicht genau bekannten Verdünnungen sein, also ein nach Hahnemanns Lehre unzulässiges komplexes Homöopathikum. Dieses „Paradox der selektiven Potenzierung“ ist eine der unheilbaren Widersprüchlichkeiten der Homöopathie.)

Nach derzeitigem Stand ist deshalb kein Verfahren bekannt, das verschiedene homöopathische Arzneimittel oberhalb von D24/C12 zuverlässig voneinander oder von dem verwendeten Lösungsmittel bzw. Rohglobuli desselben Herstellers unterscheiden kann. Mittel, die nicht unterscheidbar sind, können auch keine unterscheidbaren spezifischen Wirkungen haben, es bliebe nur noch ein unspezifischer Placeboeffekt als mögliche Wirkung übrig. An dieser Stelle möchte ich die Challenge der GWUP erwähnen, die für die zur Replikation befähigende Vorführung und wissenschaftliche Beschreibung eines Verfahrens zur Unterscheidung beliebiger Hochpotenzen ein Preisgeld von 50.000 Euro auslobt.

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Ab dem oben erwähnten Punkt irgendwo zwischen D6/C3 und D24/C12 ist jedenfalls nichts Unterscheidbares mehr enthalten, was den Geruchssinn ansprechen könnte. Wenn nun sowieso nichts Unterscheidbares mehr vorhanden ist, macht der folgende Passus aus dem Abstract schon keinen Sinn mehr:

Assuming that HRs are recognized by olfactory receptors, their information could be transmitted to numerous tissues through receptor–ligand interaction, or to the brain by either activating the axon potential of ONs and trigeminal nerves or, in their nanoparticulate form, by translocating through axons of these nerves. Moreover, the nanoparticulate form may activate the immune system at multiple levels, induce systemic various biological responses through the pituitary axis and inflammation factors, or modulate gene expression at the cellular level.
(„Unter der Annahme, dass homöopathische Arzneimittel von Geruchsrezeptoren erkannt werden, könnte ihr Informationsgehalt durch Rezeptor-Ligand-Wechselwirkungen an eine Reihe von Körpergeweben übertragen werden, oder an das Gehirn, entweder durch Aktivierung des Axon-Potenzials von Geruchs- und Trigeminalnerven oder, in ihrer nanopartikulären Form, durch Translokation durch die Axone dieser Nerven. Darüberhinaus könnte die nanopartikuläre Form das Immunsystem auf mehreren Ebenen aktivieren, verschiedene systemische biologische Reaktionen durch die hypophysäre Achse und Entzündungsfaktoren hervorrufen oder Genexpression auf Zellebene modulieren.“)

Wo nichts Spezifisches mehr vorhanden ist, sind verschiedene homöopathische Mittel nicht mehr unterscheidbar. Dann können auch keine wie immer gearteten Rezeptoren im Körper spezifisch angesprochen werden, und dann ist auch keine für das verabreichte Arzneimittel spezifische Reaktion des Körpers möglich, ganz egal wo das homöopathische Mittel im Körper landet.

Aber selbst wenn noch solche spezifischen olfaktorischen Reize vorhanden wären – auf welchem Weg die Aufnahme dieser Reize durch den Patienten irgendeine spezifische medizinische Wirkung zuwegebringen sollte, bleibt offen. Bisher ist weder eine Möglichkeit bekannt, eine wie auch immer geartete Heilinformation in homöopathischen Arzneimitteln zu codieren, noch gibt es Vorstellungen über einen plausiblen Weg, wie der Körper des Patienten diese Information dann auslesen und in medizinisch relevante Prozesse umsetzen könnte. Welche Schwierigkeiten eine solche Informationsübertragung überwinden müsste, hat Norbert Aust detailliert betrachtet: Homöopathie als Information – Wie? Worüber? Wozu?

An diesen Hürden wird die mögliche Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel als olfaktorische Nanomedizin zwangsläufig scheitern. Die ganzen schönen Überlegungen zu den möglicherweise involvierten Sinnesorganen und Systemen im Körper sind damit von vornherein hinfällig, denn wo nichts Wahrnehmbares ankommt, kann keine Wahrnehmung stattfinden. Allenfalls für die niedrigeren Verdünnungen könnte die Übertragung olfaktorischer Reize überhaupt relevant sein, sonst wäre hier schon Schluss mit den Überlegungen.

** ***

Das Traurige ist: Homöopathen „wissen“ genau und felsenfest, dass die Homöopathie wirkt, das erleben sie ja wieder und wieder in ihren Praxen. Und wenn die Wissenschaft in den vergangenen 200 Jahren in Hunderten von Studien gezeigt hat, dass Homöopathie nicht besser wirkt als Placebo, „muss“ es ja doch irgendwo einen noch nicht erkannten Weg geben, die erlebte Wirksamkeit nachzuweisen und zu erklären. Deshalb greifen sie alle nur denkbaren Ideen auf in der Hoffnung, einen Beleg für eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie zu finden oder einen Hinweis auf einen irgendwie plausiblen Wirkmechanismus.

Manche dieser Ideen mögen für sich betrachtet zunächst nicht einmal ganz abwegig erscheinen, sie passen sich aber dann doch in keinen realistischen Zusammenhang ein, wie eben diese olfaktorische Nanomedizin. Das hat manchmal etwas beinahe Verzweifeltes – sie wissen ja selbst, dass es keine plausible Erklärung gibt:

Up to now, nobody is able to explain the way homeopathy operates and this medicine acting at infinitesimal dose became a subject of distrust and sarcasm. In contrast, nanomedicine is expanding rapidly in both allopathic and homeopathic fields. Recently, several groups have highlighted the presence of nanoparticles (NPs) in highly diluted HRs.
(„Bisher kann niemand erkären, wie Homöopathie funktioniert, und diese durch winzigkleine Dosen wirkende Medizin ist Gegenstand von Misstrauen und Sarkasmus geworden. Im Gegensatz dazu verbreitet sich die Nanomedizin rapide sowohl in allopathischen als auch in homöopathischen Feldern. In letzter Zeit haben mehrere Gruppen auf das Vorhandensein von Nanopartikeln in hochverdünnten homöopathischen Arzneien hingewiesen.“)

Man kann also nicht erklären, wie die Homöopathie funktioniert. Dass die bisher durchgeführten Studien in der Gesamtschau keine Wirksamkeit für die Homöopathie belegen konnten, ignoriert man geflissentlich und wirft sich stattdessen auf die gerade entstehende Nanomedizin als vermeintlich rettenden Strohhalm, der die Homöopathie vor dem Absaufen retten soll. Leider schlägt man auch dabei wieder alle Plausibilität in den Wind.

Bombyx pheromone can be detected at exposure levels of about 200 molecules per cm,³ [sic!] equivalent to a homeopathic dilution between C8 and C9.
(„Das Seidenspinner-Pheromon kann bei Expositionshöhen von ungefähr 200 Molekülen pro cm³ festgestellt werden, das entspricht einer homöopathischen Verdünnung zwischen C8 und C9.“)

Human sense of smell can detect extremely low concentrations of odorants, as low as 10-18 g/L, equivalent to a C9 homeopathic dilution. EEG can show specific changes after inhalation of odorants.
(„Der menschliche Geruchssinn kann extrem niedrige Konzentrationen von Geruchsstoffen erkennen, bis zu 10-18 g/L, was einer homöopathischen Verdünnung von C9 entspricht. Das EEG kann nach der Inhalation von Geruchsstoffen spezifische Veränderungen zeigen.“)

Da sind wir im Bereich von C9, also in einem Verdünnungsbereich, wo die Ursubstanz möglicherweise noch den größten Einzelposten der in der Dilution enthaltenen Stoffe ausmachen (auch wenn die Verunreinigungen insgesamt ja ab C3 schon genausoviel Masse in der Dilution haben wie die Ursubstanz). Dass das olfaktorische System des Patienten die Ursubstanz aus dem Gemisch bei dieser Verdünnung noch herausriechen kann, ist zumindest denkbar.

At low dilution, below C2–C4, HRs in a still molecular nature would act locally on cellular or intracellular receptors, whereas at high dilution, in a nanoparticulate form, they would cross cell membranes and physiological barriers as mucous membranes, lungs, blood–brain barrier (BBB), or would directly reach the brain through a neural pathway.
(„In niedrigen Verdünnungen unter C2-C4 wirken homöopathische Mittel noch in molekularer Form lokal auf zelluläre oder intrazelluläre Rezeptoren. In hoher Verdünnung überwinden sie in einer nanupartikulären Form Zellmembranen und physiologische Barrieren wie Schleimhäute, Lungen, die Blut-Hirn-Schranke oder erreichen das Gehirn direkt über Nervenbahnen.“)

Wenn in Verdünnungen im Bereich von C2 bis C4 noch Moleküle der Ursubstanz vorliegen, in höheren Verdünnungen aber nicht mehr (s.o.), dann kann es in diesen höheren Verdünnungen natürlich auch keine Ursbustanz in nanopartikulärer Form geben. Nanopartikel bestehen ja auch aus Molekülen oder – je nachdem – einzelnen Atomen oder Ionen. Wenn die Ursubstanz vollständig hinausverdünnt ist, sind von ihr auch keine Nanopartikel mehr vorhanden, die dann irgendeine Wirkung entfalten könnten.

Es fehlt jede Vorstellung, wieso die Ursubstanz in den Verdünnungen unter C2 bis C4 „in molekularer Form“ vorliegen soll, über C4 dann aber „in nanopartikulärer Form“. Wie kommt der Unterschied zustande, findet bei der Verdünnung von C4 zu C5 ein Umbau von normaler molekularer Form in Nanopartikel statt, eine Art homöopathischer Transsubstantiation? Wie und warum? Und hat jemand diese Nanopartikel für irgendeine Ursubstanz bei Verdünnungen über C4 mal nachgewiesen?

Homeopathy as Nanomedicine
HRs may take two forms depending on dilution levels. Low dilutions, below C2–C4, could still contain molecules in ponderable and subponderal [sic!] amounts and bind specific targets as conventional remedies do, whereas high dilutions could contain the active ingredient in nanoparticulate forms that contain silica and nanobubbles, produced by shaking the remedy during the specific dynamization procedure of manufacturing.
(„Homöopathie als Nanomedizin
Homöopathische Arzneimittel können in Abhängigkeit von der Verdünnung zwei Formen haben. Niedrige Verdünnungen unter C2-C4 können noch Moleküle in wägbaren oder [unterhalb der Messbarkeitsgrenze befindlichen?] Mengen enthalten und spezifische Ziele binden, wie es auch konventionelle Arzneimittel tun, während hohe Dilutionen das aktive Ingredient in nanopartikulären Formen enthalten können, die Kieselsäure und Nanobubbles enthalten, welche durch das Schütteln des Mittels bei der spezifischen Dynamisierungsprozedur der Herstellung produziert werden.“)

Dass in höheren Verdünnungen keine Ursubstanz mehr vorhanden ist und die hier herbeispekulierten Nanopartikel allerhöchstens bis C8 oder C9 riechbar sein können und spätestens ab C15 gar nicht mehr in der Lösung vorhanden sind, hatten wir ja oben schon gesehen. Insofern hilft dieser Ansatz nicht, die „eigentliche“ Homöopathie mit den von Hahnemann so geschätzten Hochpotenzen zu erklären.

Weil sonst nicht mehr viel zu sagen bleibt, binden die Autoren den Sack mit einem ziemlich spekulativen Fazit zu:

Conclusion
The olfactory system is the main gateway to reach the brain and the immune system, and ORs are widespread on all organic tissues; thus, the olfactory system could constitute a suitable explanation for central, local, and immune action of HRs. Moreover, clinical effects are observed for HRs administered through inhalation, and HRs exhibit similar properties as OMs. The complex reality of homeopathy may be explained by the specific manufacturing process of dilution/dynamization, which generates different structural properties of the remedy according to the level of dilution, especially nanoparticulate forms at high dilution. The present speculations only constitute a clue that raises many questions and prompts to further investigations, such as (1) tracking homeopathic NPs through the nerves and into the brain by animal studies, (2) studying EEG responses to various dilutions of a definite HR, (3) identifying immune responses from the NALT, or (4) directly studying the action of HRs on ORs from different tissues by
in vitro studies.
(„Fazit
Das olfaktorische System ist der Hauptzugang zu Gehirn und Immunsystem, und Geruchsrezeptoren sind in allen organischen Geweben verbreitet; das olfaktorische System kann also eine angemessene Erklärung für die zentrale, lokale und Immunwirkung homöopathischer Arzneimittel darstellen. Zudem werden bei der Inhalation von Homöopathika klinische Effekte beobachtet. Homöopathika haben ähnliche Eigenschaften wie Geruchsmoleküle. Die komplexe Realität der Homöopathie könnte durch den spezifischen Herstellungsprozess der Verdünnung/Potenzierung erklärt werden, die je nach Verdünnungsebene unterschiedliche strukturelle Eigenschaften der Arznei hervorruft, besonders Nanopartikel in höheren Verdünnungen. Die gegenwärtigen Spekulationen liefern nur einen Hinweis, der viele Fragen aufwirft und weitere Nachforschungen nahelegt, z.B. (1) das Nachverfolgen homöopathischer Nanopartikel durch die Nerven und ins Gehirn in Tierversuchen, (2) die Untersuchung von EEG-Reaktionen auf verschiedene Verdünnungen eines bestimmten Homöopathikums, (3) die Identifikation von Immunreaktionen des NALT oder (4) direkte Untersuchung der Wirkung homöopathischer Mittel auf olfaktorische Rezeptoren aus verschiedenen Geweben in vitro.“ )

Anders gesagt: Man hat keinen Schimmer, ob oder wie das funktionieren kann, spekuliert ein bisschen und will unbedingt weitersuchen, denn irgendwas muss da ja irgendwie wirken, das „weiß“ man immerhin sicher. Dabei kann wegen der erwähnten „Riechbarkeitsgrenze“ im Bereich von C8 oder C9 am Ende sowieso keine Erklärung der ganzen Homöopathie stehen, man müsste für Verdünnungen oberhalb von C9 einen anderen Übertragungsweg und Wirkmechanismus finden als für die hier angedachte reichlich unplausible olfaktorische oder nanomedizinische Wirkung von Verdünnungen unterhalb von C9.

Mir kommt das Ganze ziemlich aussichtslos vor. Es dürfte sich kaum lohnen, hier noch mehr Zeit und Geld zu investieren als die Erforschung der Homöopathie bisher sowieso schon verschlungen hat. Da gäbe es – gern auch im Bereich der Nanomedizin – lohnenswertere Forschungsgegenstände.

 

_______

Eine Übersicht über systematische Reviews der bisher durchgeführten Studien zur Homöopathie gibt es in der Homöopedia: Systematische Reviews zur Homöopathie – Übersicht

 

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15 Kommentare on “Homöopathie als Nanomedizin?”

  1. Es scheint mir wirklich vielversprechender, den Placebo-Effekt genauer zu untersuchen. Obwohl ich nicht an Homöopathie glaube, hat sie mir einmal deutlich geholfen. Ich erzählte der Ärztin damals noch den Witz, wie Homöopathen eine Hühnersuppe machen:
    „Sie stellen einen Topf Wasser in die Sonne und scheuchen ein Huhn vorbei, und zwar so, dass der Schatten des Huhns auf das Wasser fällt. Aber sie müssen das Huhn schnell vorbeitreiben, damit die Suppe nicht zu kräftig wird.“

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  2. gnaddrig sagt:

    Gegen die gezielte Nutzung des Placebo-Effekts ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Das machen Eltern ja ständig mit kleinen bis mittleren Wehwehchen ihrer Kinder. Allerdings braucht es dafür nicht das Hokuspokus mit „psychoanalytischer“ Ananmese und langwieriger Repertorisierung, und auch das Verdünnen irgendwelcher Substanzen ins Unendliche kann man sich sparen. Damit verkauft man den Leuten nämlich esoterischen Unfug als echte Medizin, und das regt mich auf.

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  3. Wie so vieles in der Homöopathie, sind diese „neuen“ Ideen der französischen Forscher kalter Kaffee. Schon 1931 bezog sich Wapler zur Erklärung der Homöopathie auf das olfaktorische System (Wapler, H., Die Eingliederung der Homöopathie in die Gesamtmedizin. Allg. Homöop. Zeitung, 1931): „Der in der Homöopathie verwandte Stoff Moschus kann noch in der 12. und 13. Potenz gerochen werden.“
    Prokop u. Prokop (1957) wiesen darauf hin, dass dies schon damals kein neuer Gedanke war – erledigten das „olfaktorische Argument“ allerdings dann sofort mit dem Hinweis, was das denn wohl für eine Wirksamkeit oder gar einen Wirksamkeitsmechanismus der Homöopathie aussage? „Auch Küchendüfte und Kamillen oder auch Zigarettenrauch werden in dieser Potenz noch wahrgenommen – nie aber wird es jemand einfallen, mit Stoffverdünnungen solcher Art Kranke behandeln zu wollen.“ Warum? Weil der olfaktorische Vorgang etwas Spezielles ist (der übrigens einen psychologisch-neurologischen „Lernvorgang“ mit einbezieht) und nichts mit einer physiologischen „Wirkung“ auf den Organismus zu tun hat, wie er bei einer zellulären Rezeption von Wirkstoffen erreicht werden soll. Das Dosis-Wirkungs-Prinzip wird nicht außer Kraft gesetzt. Würden olfaktorische Reize im beschriebenen Sinne wirksam sein, würde man sich ja als Gesunder einem Dauerfeuer von ungewollten homöopathischen Arzneimittelprüfungen ausgesetzt sehen und als Kranker würde man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit über kurz oder land schon den „richtigen“ Wirkstoff in die Nase kriegen… Was für ein Blödsinn. Typisch Homöopathieforschung: Ein Detail herauspicken, das nicht einmal dann, wenn es ein schlüssiges Bild abgäbe, zum Beweis der Homöopathie taugen würde…

    Und Vorsicht mit dem Placebo-Effekt (der ja nur einer unter einer Reihe von sogenannten Kontexteffekten ist): Wir haben eine weit fortgeschrittene Placebo-Forschung, längst! Übrigens ist der weltweit führende Placebo-Forscher jemand, der ursprünglich mal als weltweiter Oberguru der TCM galt und irgendwann merkte, dass er auf der falschen Spur war und sich fragte, wieso er da hingeraten ist (Ted Kaptchuk). Es gibt keinen Grund, an einer Therapieform mit Riesenbrimborium und hohem Aufwand (auch finanziellem) als solcher festzuhalten, nur wegen des Placeboeffekts! Dann könnten wir auch Grillrunden und Kuchenessen als „Therapie“ feiern. Zwei Probleme gibt es: Das eine ist, dass es nicht möglich ist, den Placeboeffekt „gezielt“ einzusetzen und das andere, dass es nach überwiegender Ansicht dem ärztlichen Ethos zuwiderläuft, ohne „informed consent“ den Patienten nur auf Placebo hin zu behandeln. Zudem: Placebo „heilt“ nicht, kann sogar mal dazu führen, dass sich objektiv verschlechternde Krankheitswerte von einer subjektiv gefühlten Besserung verschleiert werden. Fatal. Außerdem schlägt der Placebo- schnell in einen Nocebo-Effekt um. Krasses Beispiel dazu ist immer wieder, wenn ein Patient dahinterkommt, dass ein Arzt in wissentlich mit Placebo behandelt, aber ihm dies verschwiegen hat. Bei diesem Patienten wird jede Therapie lebenslang vom Nocebo-Effekt belastet sein! (Letzteres ist übrigens einer der starken Gründe, weshalb man eine reine Placebo-Behandlung ethisch ablehnen muss.)

    Um es kurz zu machen: Homöopathie ist Maximalbullshit und bleibt Maximalbullshit. Ob mit oder ohne Placebo, ob olfaktorisch oder durch „geistige Arzneikraft“.

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  4. gnaddrig sagt:

    Naja, „gezielte Nutzung“ in dem Sinn wie bei Kindern: Kind stößt sich, kriegt gepustet, vielleicht ein (eigentlich nicht nötiges) Trostpflaster. Placebo pur, gezielt eingesetzt. Natürlich nicht wenn echte Medizin nötig ist. Dann gibt es den Placebo-Effekt so oder so meistens kostenlos dazu.

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  5. Norbert Aust sagt:

    Die Sache mit der Wahrnehmung durch welchen Sinn auch immer hat noch einen kleinen Haken: Die Fähigkeit, einen Stoff noch in niedrigsten Konzentrationen wahrnehmen zu können ist für die Homöopathie die falsche Analogie. Schließlich dürften praktisch alle denkbaren Stoffe in unserer Nahrung und allem, was wir trinken vorhanden sein. Die meisten davon sicher unterhalb der Nachweisgrenze, aber im Vergleich zum Material aus der Urtinktur in beträchtlichen Mengen. Man stelle sich Natrium chloratum (Speisesalz) D6 vor, was ja in der Homöopathie als sehr wirksames Mittel gilt – und von dem man mehrere Gramm pro Tag zu sich nimmt. Kann man dann unterscheiden ob man 5 g Salz oder 5 g plus ein paar Nanogramm Salz zu sich genommen hat? Messtechnisch gesehen ist nicht der unterste Wert des Messbereichs entscheidend sondern die Auflösung im mittleren Messbereich.

    Plastisch: Den Schein einer brennenden Kerze sieht man in der Nacht auf vielleicht 50 m Entfernung oder mehr, in strahlendem Sonnenlicht jedoch gar nicht.

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  6. gnaddrig sagt:

    Wenn man sich’s überlegt ist der Ansatz mit der olfaktorischen Nanomedizin kein Schritt auf eine Erklärung der Homöopathie zu, sondern er hängt die Latte für eine sinnvolle Erklärung der Homöopathie höher als sie ohnehin schon ist:

    Die Homöopathie will eine arzneiliche Therapieform sein, deren Mittel spezifisch wirken. Dass sie das nicht ist, zeigt der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Thema. Aber lassen wir das kurz beiseite und nehmen an, es gebe eine spezifische Wirksamkeit homöopathischer Behandlung für mindestens eine Erkrankung. (Das bedeutet: Mindestens diese eine Erkrankung kann zuverlässig mit homöopathischen Mitteln erfolgreich behandelt werden; dabei kommt die ganze Bandbreite homöopathischer Mittel zum Einsatz. Je nach Anamnese werden Dilutionen oder Globuli in allen denkbaren Verdünnungen eingesetzt, platt gesagt: Alles von D1 bis C∞.)

    Dann wäre es immer noch interessant, wie diese Wirkung zustandekommt. Die Schriften Hahnemanns basieren ja auf einem längst widerlegten Weltbild, viele seiner Grundannahmen widersprechen wissenschaftlich gut gesichertem Wissen (Gleiches mit Gleichem, Potenzierung durch extreme Verdünnung, Arzneimittelprüfungen).

    Aber wenn es die von uns für diese Betrachtung angenommene Wirksamkeit gäbe, müsste es ja einen Wirkmechanismus geben. Dieser Wirkmechanismus würde erklären, wie die verschiedenen denkbaren Darreichungsformen und Verdünnungsstufen mit ihrer jeweiligen medizinischen Wirkung zusammenhängen. Er würde erklären, wie die Bestimmung des richtigen homöopathischen Mittels funktioniert. Wenn man diesen Wirkmechanismus verstanden hat, kann man damit regelbasiert und präzise das richtige Mittel bestimmen und müsste nicht mit den ungeordneten Erfahrungen früherer Homöopathen arbeiten.

    Dass solch ein Wirkmechanismus tatsächlich existiert und gefunden werden kann, ist sehr unwahrscheinlich, aber wer weiß, es soll ja mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt…

    Wenn nun aber der hier vorgeschlagene olfaktorisch-nanomedizinische Wirkmechanismus exisitiert, kann der ja nur eine Wirksamkeit bis zu Verdünnungen von C8 oder C9 erklären. Oberhalb dieser Verdünnung ist in den Mitteln nichts Riechbares mehr vorhanden, da muss es dann einen anderen Wirkmechanismus geben. Dann hätten wir zwei voneinander abgegrenzte Homöopathien, die beide methodisch gleich angewendet werden, aber auf jfundamental unterschiedlichen Wirkmechanismen beruhen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das so ist und dass beide Wirkmechanismen auch gefunden werden können, ist nochmal erheblich niedriger als die Existenz des oben angenommenen einen übergreifenden Wirkmechanismus.

    Und dann haben wir noch den aktuellen Stand der Homöopathieforschung, nach dem keinerlei spezifische Wirksamkeit für irgendeine Erkrankung, medizinisch behandelbare Kondition oder Symptomatik gefunden wurde und nur eine unspezifische Placebowirkung vorhanden ist. Ohne belegbare Wirkung ist aber die Suche nach einem Wirkmechanismus sinnlos. Man sollte in diese Forschung kein Geld mehr versenken, es gibt genug Dinge, die zu erforschen weit mehr Aussicht auf brauchbare Ergebnisse hat.

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  7. gnaddrig sagt:

    @ Norbert Aust: Den Kommentar habe ich eben erst im Spam-Ordner entdeckt. Keine Ahnung, wie er dorthingeraten ist. Egal, hier ist er jetzt.

    Es stimmt – wie man’s auch dreht und wendet, dieser „olfaktorische Ansatz“ macht keinen Sinn. Je genauer man hinschaut, desto weniger.

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  8. Achim sagt:

    Hab ich den hier https://xkcd.com/1526/ der geneigten gnaddrig-Lesergemeinde schon mal gezeigt? Fiel mir gerade wieder ein…

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  9. gnaddrig sagt:

    Ich glaube nicht, passt aber sehr schön 🙂

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  10. Achim sagt:

    @ gnaddrig 17.7.: Mir ist noch was zur Puste-und-Pflaster-Behandlung bei Kindern eingefallen. Das ist IMHO kein Placebo. Einerseits sind das symbolische Handlungen („dein Aua ist nicht eingebildet, sondern echt, und verdient, dass man sich kümmert“), zum anderen helfen sie tatsächlich (Pusten erzeugt einen kühlenden Luftstrom und damit eine wenn auch leichte Schmerzlinderung, Pflaster schützt die Wunde gegen unangenehme Berührungen und erleichtert es, sie beim Weiterspielen zu vergessen). Placebo ist in meinen AUgen etwas anderes.
    Abgesehen davon habe ich als Kind den Geruch und die Textur von Pflaster geliebt, das hat sich abgeschwächt bis heute gehalten. Wenn dann noch Ichtholan drauf kam, war’s perfekt 🙂

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  11. gnaddrig sagt:

    Hmja, mag was dran sein. Keine Ahnung, wie der Placeboeffekt nun wirklich abzugrenzen ist. Aber so oder so – man behandelt kleinere Wehwehchen eben nicht mit dem berüchtigten Chemiehammer und auch nicht mit Globuli oder sonstwas, sondern mit Symbolhandlungen.

    Das Pusten hat wohl eine kurzfristig schmerzlindernde Wirkung, aber die verfliegt schnell wieder. Wichtiger dürfte da das Ernstehmen sein, die Zuwendung, der Trost, und das sehe ich dann schon als Auslöser einer Placebowirkung, die – je nach Empfänglichkeit des Kindes – über den Moment des Pustens hinausgeht.

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  12. Achim sagt:

    Bin auf das hier gestoßen, hab es aber noch nicht gelesen: https://www.nytimes.com/2018/11/07/magazine/placebo-effect-medicine.html

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  13. gnaddrig sagt:

    Sehr interessant, hat aber nichts mit Nanopartikeln in Zuckerpillen zu tun, sondern mit der Erforschung biochemischer Prozesse, die im Zusammenhang mit dem Placeboeffekt auftreten.

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  14. Achim sagt:

    Klar hat das nichts mit dem ursprünglichen Beitrag zu tun, aber wir waren in der Diskussion ja ohnehin zu Placebo abgeschweift… Und einen passenderen Ort habe ich nicht gefunden 😉

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  15. gnaddrig sagt:

    Och, das passt schon ganz gut. Ich wollte das gar nicht als vermeintliches Off-Topic kritisieren, sondern eher den Artikel einordnen. Die Ergebnisse von Hall und Kaptchuk deuten ja sehr stark darauf hin, dass wirklich egal ist, was im Placebo drin ist. Oder, je nach Umständen, ob man überhaupt ein „stoffliches“ Placebo gibt, wenn die mehr oder weniger ritualisierte Interaktion zwischen Behandler und Patient das eigentliche Placebo ist bzw. die Placeboeffekte im Körper auslöst.

    Was ich nicht verstehe ist Kaptchuks Unbehagen in Sachen Wissenschaftlichkeit. Er scheint Placebo als eine Art Mysterium einer möglichst gründlichen wissenschaftlichen Durchdringung vorzuziehen. Dabei fände ich es durchaus sinnvoll, wenn z.B. das Verhalten von Ärzten auf den jeweiligen Patiententyp abgestimmt werden kann und irgendwelche Prädispositionen bezüglich der Empfänglichkeit für Placebo berücksichtigen kann. Das würde die Nutzung von Placeboeffekten doch nur verbessern. Egal, so oder so ein sehr interessantes Thema.

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