Geschichte

Im Geschichtsunterricht habe ich vieles gelernt. Insgesamt drei engagierte Geschichtslehrer haben mir im Gymnasium eine Menge beigebracht. In den unteren Klassen viel Grundlagenwissen – Orte, Daten, Zahlen zum Auswendiglernen. Gründung Roms, Karl der Große, Westfälischer Friede, Reichssicherungshauptschluss und so. Später dann mehr Zusammenhänge und Hintergründe, z.B. zur NS-Diktatur und zum 2. Weltkrieg. Wie es dazu kommen konnte, wie das überhaupt möglich wurde und wieso es nicht verhindert wurde.

Eine der eindrücklichsten Lektionen zu dieser Zeit stammt aber aus dem Musikunterricht. Mein Musikgrundkurs in der Oberstufe war sehr klein, nur eine handvoll Leute, die fast alle beträchtliche musikalische Vorbildung mitbrachten. Deshalb konnten wir dort Dinge anders angehen als das in einer größeren und weniger interessierten Gruppe möglich gewesen wäre.

In einem Halbjahr ging es um Musik in der Politik, und da in Geschichte gleichzeitig das 3. Reich dran war, haben wir uns natürlich auch in Musik die 20er und 30er Jahre angeschaut. Parallelen zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Kampfliedern beleuchtet, so Sachen.

Auf die Frage, wieso das alles so wichtig sei, hat uns der (nach heutigem Sprachgebrauch „linksgrünversiffte“) Musiklehrer im Gleichschritt marschierend das Horst-Wessel-Lied singen lassen. Wir hatten damals als einziger Kurs an dem Tag Nachmittagsunterricht, der Gebäudeflügel mit dem Musiksaal war ansonsten leer, die Fenster dicht geschlossen, und wir marschierten mit Lied durch den Saal. Schon für uns mickrige fünf, sechs Figuren in Turnschuhen war es offensichtlich, wie berauschend sowas sein kann.

Später habe ich beim Bund noch Nachhilfe in dieser Sache gekriegt – der wuchtige Marschtritt einer Kompanie in Kampfstiefeln auf Asphalt hat was Hypnotisierendes. Das mit passendem Liedgut kombiniert kann erhebliche Sogwirkung entfalten.

Das alles dann noch gekonnt inszeniert mit Fackeln, historischen Kulissen oder großen Stadien; eingebunden in dauernden Propagandabeschuss aus allen verfügbaren Medien; begleitet von interessanten Aktivitäten (damals z.B. erweitertes Pfadfindertum für die Jugend) und Vorteilen für Teilnehmer – unwiderstehlich. Dazu noch der autoritäre Law-and-Order-Appeal in einer chaotischen und von vielen als beängstigend empfundenen Zeit – kein Wunder liefen mehr und mehr Leute der vermeintlich einfachen Lösung der komplexen Probleme Deutschlands nach.

Heute würde man vermutlich andere Mittel der Massenhypnotisierung nutzen, für militärische Aufmärsche hat die Öffentlichkeit anscheinend wenig übrig. Aber ich bin sicher, einschlägig interessierte Kreise basteln an entsprechenden Konzepten für eine Art Weimar 2.0. Stil und Tonfall der Braunhemden von damals hört man ja in letzter Zeit wieder vermehrt in der Öffentlichkeit.


5 Kommentare on “Geschichte”

  1. aurorula a. sagt:

    Die größte Sogwirkung von allem hatte aber eins: die Nationalsozialisten wollten die Welt retten, sie waren die Zukunft der Menschheit (zumindest sahen sie sich so) – und wer sich ihnen anschloss, wurde nicht einfach nur Teil einer Massenbewegung; sondern Teil der Bewegung derer, die „es richtig machten“, nicht mehr einer der Unwissenden die dumpfinstinktiv alles mit sich machen lassen, sondern ein Macher der proaktiv etwas für die Zukunftsfähigkeit tat; einer der Weltretter und Weltrevolutionäre ohne die die Zukunft der Menschheit ein Griff ins Klo würde. Einer der „Guten“. Elitär.
    Es gab einen echten Grund nicht nur für das nationale, sondern auch für das sozialistische im Namen (deswegen habe ich Nazi hier nicht wie üblich abgekürzt), die haben eine ganze Menge Marx gleichgeschaltet; und beides hatte seine jeweils eigene Sogwirkung auf unterschiedliche Leute. Das eine auf die Instinkte, ja – aber das andere auf den Verstand: wenn es nicht nur allgemein darum geht ob „der“ Zweck „die“ Mittel heiligt, sondern ob dieser bestimmte Zweck dieses bestimmte Mittel rechtfertigt, beißen eine ganze Menge Leute an weil sie sich gut dabei vorkommen. Einer der Gründe 1933 „Juden ins Gas!“ zu rufen war eben derselbe wie er es 2014 war.
    Die Nazis waren extrem rechts (rechts-von-Mussolini-rechts) und extrem links (links-von-Stalin-links) gleichzeitig – die haben alles gleichgeschaltet und in ihre Ideologie integriert, Hauptsache, es war inhärent autoritär und sie konnten es dazu nehmen um zu belegen daß sie besser wussten was „gut“ für alle anderen war als die anderen das selber wussten; und daß man sich ihnen wegen dieses besseren Wissens doch anschließen sollte in ihrer Weltrettung, weil sie die Experten für die bessere Zukunft waren.

    (Fußnote: in diesem Zusammenhang siehe auch Brechts Gedicht „Hinter der Trommel her“ 🙂 )

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Und das Muster ist heute wieder zu beobachten. Es gibt zwar (noch?) nicht die eine Partei, die eine greifbare umfassende mitreißende Bewegung, aber populistische, rechtslastige bis rechtsextreme, nationalistische bis nationalchauvinistische Strömungen sind weltweit im Kommen. Die arbeiten strategisch zusammen – auf z.B. deutschnationaler Ebene ziehen AfD, Identitäre, Pegida, eine Reihe Publizisten und Vordenker und manche Geldgeber im Hintergrund an einem Strang. Dabei gibt es enge Verbindungen zu einem ganz ähnlichen Komplex in Österreich mit der FPÖ an der Spitze.

    Ziele sind anscheinend 1. die drastische Verschiebung des Overton-Fensters in Richtung nationalchauvionistischer Barbarei und 2. die Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wie sie im Grundgesetz festgeschrieben ist. Anders lassen sich viele Äußerungen und Verhaltensweisen von Vertretern dieser Parteien kaum deuten, und das sind ganz deutliche Parallelen zu Weimar.

    International gibt es in vielen Ländern vergleichbare Bewegungen, und sie verstehen sich blendend. Man kann vermuten, dass oftmal dieselben Geldgeber und strategischen Denker mitmischen. Es gibt ja reichlich internationale Kontakte dieser Nationalisten, die sich eine Welt der autarken Vaterländer wünschen, jedes möglichst mit einer ethnisch homogenen Bevölkerung möglichst ohne „fremdvölkische Elemente“, mit einer authoritären Regierung und einer dem „gesunden Volksempfinden“ verpflichteten Justiz und Exekutive (nur nennen sie das heute anders).

    Die Ziele dieser Bewegungen sind sehr ähnlich, darum verstehen sie sich auch so gut und bilden wohl de facto eine Art Rechte Internationale. Darum versucht Bannon jetzt, hier eine länderübergreifende Sammlungsbewegung zu bauen. Darum fließen Gelder aus unbekannten Quellen in Wahkämpfe rechtspopulistischer Parteien wie der AfD.

    Die treten weltweit an, die Prinzipien der freiheitlichen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit sturmreif zu schießen und dann in einem günstigen Moment abzuräumen. Deshalb beteiligen sich diese parteien und Gruppierungen an allem, was „das System“ destabilisiert, die Bevölkerung spaltet. Deshalb bauen sie systematisch Sündenböcke auf, zuallererst „die Altparteien“ und „das System“, dazu derzeit v.a. Geflüchtete. In Italien will man als Testballon Sinti und Roma registrieren und lässt aus dem Mittelmeer gerettete Geflüchtete nicht an Land, wie die Restwelt damals die aus Europa geflohenen Juden.

    Die Muster, die gesellschaftlichen Prozesse und Dynamiken sind ähnlich, und ich finde diese Entwicklungen sehr beängstigend. Es scheint mir, dass wir sehenden Auges auf eine Wiederholung der Geschichte zutreiben. Die einen fiebern dem offensichtlich entgegen, die anderen wollen das unbedingt verhindern und wissen nicht, wie sie das tun sollen oder wo die Grenzen zu ziehen sind, und die Wiederholenwoller sind sehr gut darin, Grenzen Stück für Stück zu verschieben, immer einen Schritt drüber, schnell zurück, dann anderswo einen Schritt drüber, wieder zurück, und so weiter, bis die ursprünglichen Grenzen und roten Linien lange in Vergessenheit geraten sind.

    So diskutieren wir heute darüber, ob man Menschen aus dem Mittelmeer retten soll oder ob man sie nicht lieber absaufen lassen soll (was auf offener Straße unverhohlen gefordert wird!). Und das scheint mir erst der Anfang zu sein. So einfach werden wir diesen Spuk nicht los, fürchte ich. Von selber wird sich das jedenfalls nicht geben.

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  3. Yadgar sagt:

    Horrrrrrrst-Wessel-Lied?

    Heute würde es sich wahrscheinlich so anhören:

    Gehirn bei Fuß! Und kräftig Angst gesoffen!
    Irrsinn marschiert und wir marschieren mit!
    Der Ruck nach Rechts lässt den däutschen Ungeist hoffen:
    Gutmenschenfron, bald sind wir sie hier endlich quitt!

    Wer anders ist, der soll bei uns nicht wohnen,
    wo Frau noch Frau und däutscher Mann noch Mann!
    Es stier’n auf Blau und Rot umnachtet schon Millionen,
    der Tag für Massenwahn und Diktatur bricht an!

    Du, däutscher Mann, du magst dem Zeitgeist trotzen,
    vorm Monitor, da lebst du deine Wut
    auf Schuldkult, Klimawahn und auf die Genderfotzen,
    das Böse ist für dich das neue Gut!

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  4. Yadgar sagt:

    @Aurorula A.
    „Einer der Gründe 1933 „Juden ins Gas!““

    1933 rief wohl niemand „Juden ins Gas“ – das war zwar in „Mein Kampf“ schon vorgedacht („nur einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräische Volksverderber unter Giftgas halten sollen, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen“) – aber gelesen hatte das Machwerk bis dahin doch kaum jemand…

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  5. […] ausgesprochen unschönes Gesamtbild, das an verflossene und bislang für unwiederholbar gehaltene Abschnitte der deutschen Geschichte […]

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In den Wald hineinrufen

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