Zeitreise

Vor einer Weile bin ich zum erstenmal seit etwa 20 Jahren wieder in „meinem“ Dorf gewesen. Das Dorf, in dem ich die erste Hälfte meiner Kindheit verbracht habe. Seit unserem Wegzug am Ende meiner Grundschulzeit war das für mich immer ein Sehnsuchtsort gewesen, eine Art verlorenes Paradies. Ich hatte insgeheim die Hoffnung nie aufgegeben, irgendwann mal dahin zurückgehen und wieder „zu Hause“ wohnen zu können. Nicht unbedingt in dem alten Haus, aber in dem Dorf. Seit dem Umzug damals war Heimat für mich tatsächlich vorrangig etwas Verlorenes, ein Verlusterlebnis.

Natürlich war mir bewusst, dass die Zeit nicht stehenbleibt, dass ich mich verändere, dass das Dorf sich verändert. Wenn wir nicht weggezogen wären, wäre ich sicher irgendwann „rausgewachsen“, und das war mir schon als Teenager klar. Trotzdem, bis jetzt war ich von Besuchen dort immer wehmütig weggefahren, weil die Besuche mir jedesmal erneut und schmerzlich in Erinnerung gerufen hatten, dass ich dort nicht freiwillig weggegangen war, dass ich damals auf keinen Fall weggewollt hätte und dort zumindest für eine Weile in mancher Hinsicht glücklicher gewesen wäre und es besser gehabt hätte als am neuen Wohnort.

Der Umzug in die Stadt hat – obwohl großes Abenteuer mit neuer aufregender Umgebung und viel mehr Möglichkeiten – mein Leben ziemlich durchgerüttelt. Ich stand dem vor allem am Anfang sehr zwiespältig gegenüber. Andererseits hätte ich ohne diese Umwälzung Leute nie kennengelernt, die mir dann für lange Zeit wichtige Freunde waren und denen ich viel verdanke. Das will ich selbstverständlich nicht missen. Wie das alles ohne den Umzug geworden wäre – besser, schlechter, einfach nur anders – weiß ich natürlich nicht, man kann ja nicht eine alternative Realität nachträglich testen.

Bei dem Besuch neulich ist mir zum erstenmal deutlich geworden, dass das Dorf für mich wirklich nichts gewesen wäre. Ich wäre nach dem Abitur sowieso weggegangen, und ich könnte auch (anders als bis vor wenigen Jahren erträumt) nicht wirklich dorthin zurück. Ich würde nicht dorthingehören. Mit den wenigen Dortgebliebenen aus Grundschulzeiten verbindet mich nicht mehr viel. Es wäre mir dort zu eng – jeder weiß von jedem, was es zum Frühstück gibt, wann wer zuhause ist und was dort passiert. Wer nicht im Schützenverein oder bei der Feuerwehr mitmacht, gehört nicht richtig dazu. Meine Eltern hatten schon damals nicht dazugehört, und da ich selbst auch kein großer Vereinsmensch bin, hätte sich das wohl auf mich vererbt. Es hätte sich so oder so eine gewisse Fremdheit, ein Außenvorsein gezeigt oder entwickelt, und das hätte das eingangs erwähnte Herauswachsen aus dem Heimatort sicher beschleunigt oder verstärkt.

** * **

Das Dorf ist gar nicht so schön wie in meiner Erinnerung. Unser altes Haus viel kleiner, die Küche ist ein enges Loch, nicht der großzügige helle Raum, an den ich mich erinnere. Die Straße ist viel schmaler und wirkt jetzt fast erdrückend. Klar, die damals kahlen Gärten des einstigen Neubaugebiets sind lange vollgewuchert, die damals spiddeligen Bäume groß, stark und ausladend. Viele der ehemals offenen Stellplätze auf den Grundstücken sind jetzt mit Garagen oder Carports überbaut, das ist jetzt alles gut „eingewohnt“ und macht die Straße enger.

Vieles ist natürlich gleichgeblieben – an den Bordsteinen der Dorfstraße die Schlagspuren der Panzerketten von irgendwelchen Manövern. Verrottendes landwirtschaftliches Gerät in toten Winkeln hinter Scheunen und Ställen. Die Schaukästen von Parteien und Vereinen an der Bushaltestelle, der Friedhof, das Kriegerdenkmal. Tiefergelegte Kleinwagen mit Breitreifen und halblegalen Auspuffanlagen.

Anderes hat sich geändert – der eine Bauer hat verkauft, jetzt residiert da ein Esoterikverein. Die Freiwillige Feuerwehr hat nicht mehr nur einen uralten VW-Transporter als Gerätewagen, sondern ein echtes Löschfahrzeug. Der Dorfladen hat vor Jahren zugemacht, als der Kaufmann junior in Rente ging und keinen Nachfolger fand. Die Bushaltestelle hat jetzt einen gläsernen Unterstand. Ein Stück Wald, in dem wir viel gespielt haben, ist mit Reihenhäusern vollgebaut, die alte Sandgrube zugeschüttet.

Den Schützenverein gibt es noch, den Dorfkrug nicht mehr. Dessen alter Backsteinbau ist abgerissen, jetzt steht da eine regionaltypisch rot verklinkerte aber trotzdem gesichtslose Wohnbatterie. Die Schule wurde saniert und hat dabei ihre Seele verloren – statt Terrazzo im Korridor und Dielen in den Klassenzimmern liegt da jetzt Kunststoffboden, statt Doppelfenstern mit Holzrahmen und Fensterkreuzen gibt es mehrfachverglaste Einscheibenfenster. Der vertraute Geruch nach Holzmöbeln, Bohnerwachs und Kreide ist weg, jetzt riecht es nach Plastik und Desinfektionsmittel. Bei meinem letzten Besuch hätte ich das Gebäude blind am Geruch erkannt, das ist jetzt vorbei.

Der Ort ist immer noch vor allem Schlafsilo für Pendler, nur wenige arbeiten tatsächlich direkt dort. Es ist um vielleicht ein Drittel gewachsen seit damals, wirkt hübsch zurechtgemacht und gleichzeitig fadenscheiniger als früher.

** * **

Dieses langsame Fremdwerden durch Veränderung hatte ich schon bei früheren Besuchen beobachtet, es hatte aber nie meinen geheimen Rückkehrwunsch beeinflusst. Jetzt hat die Entfremdung wohl irgendeine Schwelle überschritten, hinter die ich nicht zurück kann, und ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt zurück will. Wahrscheinlich hat mich die Zeit nach dem Umzug viel stärker geprägt, als mir das bis zu diesem Besuch bewusst war.

Es ist nicht mehr „mein“ Dorf, nur noch ein Dorf, das mit meinem eine gemeinsame Vorgeschichte hat. Die beiden haben sich aber vor ungefähr 40 Jahren getrennt. Meine beste Sandkastenfreundin wohnt noch im Dorf, sogar in demselben Haus. Sie fühlt sich dort offensichtlich wohl, aber ich würde es dort nicht lange aushalten. In die benachbarte Kreisstadt würde ich gern ziehen, wenn ich die Gelegenheit hätte. Die ist zwar auch nicht dieselbe wie früher, aber als  Grundschulkind bin ich da zu selten gewesen. Da sind meine Erinnerungen viel ungenauer und es hängt nicht so viel Kindheit dran. Und Stadt ist sowieso was anderes als Dorf, das wäre viel eher meine Welt.

Damit hat Heimat für mich immer noch ein Element von Verlust. Die von früher ist unwiederbringlich weg, nur eben anders als ich früher immer dachte, und nicht ganz so schlimm.

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Inspiriert von Flashback 1992 – Heimgekehrt nach 20 Jahren von Jules van der Ley. Den Anstoß zum Fertigschreiben und Veröffentlichen haben ein paar Kommentare zu Heimat. Heimat? von Lo bei Kohlenspott gegeben.

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5 Kommentare on “Zeitreise”

  1. Den Ort der Kindheit zu besuchen, habe ich ebenfalls als Entzauberung erlebt. Ähnlich ist es mit der Jugendliebe. Nach 40 Jahren traf ich meine Jugendliebe aus Amsterdam wieder. Ab da überlagerte das aktuelle Bild die schöne Erinnerung. Sie ist nicht mehr zu reparieren.

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  2. Yadgar sagt:

    Als lebenslänglicher Köln-Insasse habe ich dieses Verlustthema nicht, die Straße und das Haus, in dem ich meine ersten sechs Lebensjahre (1969-1975) verbrachte sind nur zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt, ich komme mindestens alle paar Monate dorthin, das Gleiche gilt für meine beiden späteren Wohnorte, lediglich die chronisch kakerlakenverseuchte Studentendeponie Hürth-Efferen (1991-1993) habe ich schon seit gut zehn Jahren nicht mehr betreten… aber vielleicht sorgt ja in Zukunft ein strammer Atomkrieg mit anschließender ethnischer Säuberung dafür, dass ich auf unbestimmte Zeit hier weg muss! Ich hoffe aber, dass man für Köln dann eine Bombe mit kurzperiodischen Zerfallsreihen verwendet, den zu einer unförmigen Trachytmasse zusammengeschmolzenen Dom würde ich mir schon hinterher mal ansehen wollen…

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  3. nömix sagt:

    »Die Erinnerung malt meist mit goldenem Pinsel.« sagt ein chinesisches Sprichwort.

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  4. Achim sagt:

    Ich bin in einer mittelgroßen (manche würden sagen: mittelkleinen) norddeutschen Stadt aufgewachsen. Seit meine Eltern nicht mehr leben und das Elternhaus verkauft ist, gibt es für mich keinen Grund mehr, dorthin zu fahren. Für mich gibt es dort niemanden mehr. Auch wenn die Sandkistenfreundin seit einigen Jahren wieder dort lebt 😉 Aber das Gefühl des Nicht-mehr-dazugehörens hat sich schon lange eingestellt gehabt. Und einen Rückkehrwunsch hatte ich nie. Dann eher die Stadt, in der ich während Studium und den ersten Jahren danach insgesamt 12 Jahre gelebt habe, wo der beste Freund und der kleine Bruder leben…

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  5. gnaddrig sagt:

    Meine etwas abrupte Verpflanzung damals hat wohl das allmähliche Rauswachsen verhindert und damit auch das Wurzelnschlagen anderswo erschwert. Aber anscheinend komme ich über Umwege doch an eine ähnliche Stelle.

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