Freunde des Essigs

Neulich gesehen – ein kleiner Zettel, auf normalem Papier ausgedruckt, entlang eines gedruckten Rahmens von Hand ausgeschnitten und mit Tesafilm an einem Laternenpfahl befestigt:

Hallo mein Freund,

stell doch mal einen kleinen Teller
Essig vor Deine Haustür
(Balkon / Garten),
lass Ihn verdunsten und wundere
Dich, was nach ca. einer Stunde
mit den Wolken über deinen Kopf
passiert.

Gruß ein Freund des Sonnenlichts

(Typographie und Rechtschreibung habe ich unverändert aus dem Original übernommen.)

Bevor ich überhaupt anfange zu überlegen, ob ich Essig holen soll, frage ich mich, ab wann die Stunde zählt – ab Aufstellen des Essignapfs, oder ab dem Zeitpunkt wo der Essig vollständig verdunstet ist. Der Text gibt das nicht recht her. Vermutlich ersteres, weil Essig ja nicht so schnell verdunstet wie etwa Lösungsmittel oder reiner Alkohol. Gut, bei der Hitzewelle diesen Sommer vielleicht schon, aber normalerweise würde es schon eine ganze Weile dauern, bis das Zeug sich verflüchtigt hat, je nach Menge vermutlich ein paar Stunden, und solange geht doch niemand und schaut Essig beim Verdunsten zu.

Ebenfalls unklar ist, was mit einem kleinen Teller Essig gemeint ist – eine Untertasse oder ein Frühstücksteller, vielleicht ein Puppenteller? Und soll der randvoll mit Essig sein, oder nur eben der Boden bedeckt, oder soll da ein Schnapsglas voll Essig drauf, ein Esslöffel, ein Teelöffel, ein Tropfen? Wenn da irgendeine bestimmte Wirkung bewirkt werden soll, muss die Dosierung doch eine gewisse Bedeutung haben, und Abweichungen in der Dosierung könnten unter Umständen erhebliche Unterschiede zur Folge haben. Aber was soll’s, als Freund des Sonnenlichts muss man das wohl nicht so genau nehmen.

Dann stellen wir jetzt also ein Tellerchen mit etwas Essig vor die Tür und warten eine Stunde. Was soll da Erstaunliches mit den Wolken über unseren Köpfen passieren? Gut, manche Chemtrailer behaupten, dass man so Chemtrails auflösen oder wenigstens unschädlich machen kann, indem man hier unten Essig versprüht. Man setze mal irgendeine Suchmaschine auf chemtrail neutralisieren essig oder sowas an und blättere sich durche die Ergebnisliste, da weiß man dann nicht, ob man lachen oder weinen soll. Viele der Ergebnisse ähneln übrigens dem oben zitierten Text in Rechtschreibung und typographischem Geschmack, aber das nur am Rand.

Natürlich hat bisher noch niemand nachgewiesen, dass es so etwas wie Chemtrails überhaupt gibt oder woraus sie im Einzelnen bestehen (sollen). Eine zuverlässige Abgrenzung von harmlosen Kondensstreifen und echten Wolken ist bislang also gar nicht möglich. Aber wenn verdunstender (oder – siehe o.g. Suchergebnisse – mit technischer Nachhilfe turboverdampfender oder sonstwie ausgebrachter) Essig nun Chemtrails abräumen können soll, warum sollte er dann nicht auch auf normale, natürliche Wolken wirken können? Ist ein kleiner und naheliegender Schritt.

Die Wirksamkeit von sowas kann man vermutlich sowieso nicht testen, weil es zu viele unkontrollierbare Einflüsse gibt. Aber wir sind hier sowieso schon so tief im Sumpf des Irrsinns (oder so hoch in den Wolken der Alberei), da macht das auch keinen Unterschied mehr. Da ist es sicher auch egal, ob man naturtrüben, aromatischen Bio-Apfelessig aus der Region nimmt, samtigen Balsamico aus Italien oder aggressiven, farb-, geschmacks- und gesichtslosen Industrieessig von sonstwo.

Obwohl, da könnte man ganz einfach eine veritable Geheimwissenschaft draus machen – bestimmte Essigsorten für bestimmte Wetterlagen, Orte, Befindlichkeiten, Chemtrailtypen usw., und die benötigten Essige bietet man dann passenderweise gleich selbst im schnell eingerichteten Onlineshop an, zusammen mit allem sonstigen Zubehör für den essigbasierten Wolkenzauber.

Aber Freund des Sonnenlichts? Klar, mit dem Essig will er vermutlich das ganze böse Gewölk beseitigen, das ihm ständig das freundliche Sonnenlicht dämpft. Allerdings schafft es das Sonnenlicht ja auch bei bewölktem Himmel zu uns, sonst wäre es nur bei klarem Himmel hell und man könnte bei Hochnebel keinen Sonnenbrand kriegen. Und wenn man schon Essig braucht, um mit den Wolken etwas anzustellen, das das Sonnenlicht allein ganz offensichtlich nicht schafft – sollte man dann nicht eher als Freund des Essigs firmieren?

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5 Kommentare on “Freunde des Essigs”

  1. Yadgar sagt:

    Ja, ja, „mein Freund“ – das ist die typische Ranschmeiße von Religionsfanatikern aller Couleur, ist mir auch schon öfters auf christlichen Fundamentalisten-Seiten begegnet, „mein Freund, die Hölle ist leider real“ und ähnlicher Sermon…

    Fast genauso eklig ist das inflationäre „Hallo ihr Lieben“ von Leuten, die auf http://www.ebay-kleinanzeigen.de unter „Zu verschenken“ (!) inserieren, aber für ihre Glücksrad-Geldscheinklammern, halbkaputten Baumarkt-Damenräder oder Kackeldackel mit abgebrochenem Schwanz doch bitte drei Packungen Kinder-Riegel, ein Sixpack Warsteiner oder wenigstens „was für die Spardose“ haben wollen! Würg, reiher, kotz!

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  2. gnaddrig sagt:

    😀

    Eigentlich ist das die Ranschmeiße von allen, die was von einem wollen. Eine Vorstufe davon ist das Duzen bei Ikea.

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  3. […] Freunde des Essigs → […]

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  4. Der Freund hat vielleicht einfach schlechten Essig gekauft und sucht jetzt verzweifelt eine Verwendung für die Plörre.

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In den Wald hineinrufen

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