Essigwolkenzauber

Könnte man sinnvoll testen, ob verdunstender Essig eine Auswirkung auf die Wolken hat? Mal ganz abgesehen davon, dass es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass da was dran sein könnte.

Man könnte natürlich eine kleine Studie durchführen, in der man unter standardisierten Bedingungen Essig vor der Tür verdunsten lässt und beobachtet, was daraufhin mit den Wolken oben drüber passiert. Wir suchen uns passende kleine Teller. Wie groß die sein sollen, wissen wir nicht, und unser Essigfreund verrät es auch nicht. Egal, nehmen wir irgendwas, Untertassen. Wie viel Essig da rein soll, wissen wir auch nicht und unser Essigverdunster schweigt dazu ebenfalls. Nehmen wir ein Schapsglas als Portion, 20 cl. Wir kaufen eine ausreichende Menge irgendwelchen Essig.

Dann zu den Verdunstereien. Wir fangen mal mit einer Laufzeit von 30 Tagen an und machen vier Aufgüsse pro Tag: um 9, um 12, um 15 und um 18 Uhr, um tageszeitliche Verzerrungen auszuschließen. (Wer ganz eifrig ist, kann auch noch um 6 und um 21 Uhr aufgießen, dann wird es aussagekräftiger, aber für den Anfang wollte ich das nicht zu sehr aufblasen, auch bei vier täglichen Aufgüssen müsste ein etwa vorhandener Effekt sichtbar sein.) Um zu sehen, ob es wirklich der Essig ist, der da gegebenenfalls wirkt, machen wir nur die Hälfte der Aufgüsse mit Essig, die andere mit Wasser – es geht ja nicht um langfristige Veränderungen, sondern um kurzfristige Effekte. Dabei stellen wir durch ein geeignetes Losverfahren sicher, dass zu jeder Aufgusszeit (also 6, 9, 12 usw. Uhr) jeweils genau die Hälfte der Aufgüsse mit Essig und Wasser stattfinden.

Zur Dokumentation der etwaigen Wirkung besorgen wir eine Kamera, bauen die auf ein Stativ und richten sie nach oben in Richtung Himmel. Die Kamera wird möglichst nicht bewegt bzw. für jede Aufnahme wieder genau an dieselbe Stelle gestellt und mit denselben Einstellungen verwendet, d.h. keine automatische Belichtung, sondern festeingestellte Werte für Blende, Belichtungszeit, Brennweite und etwaige Filter.

Dann der Ablauf: Wir machen zu Beginn jedes Aufgussereignisses ein Foto vom Himmel. Dann holen wir ein Tellerchen, stellen es auf den vorgesehenen Platz vor der Tür, gießen die genormte Menge Flüssigkeit ein, starten die Stoppuhr. Nach einer Stunde machen wir ein zweites Foto vom Himmel.

Im Protokoll (dafür kann man ein gängiges, für viele Dinge zweckentfremdbares Tabellenkalkulationsprogramm verwenden) erfassen wir Datum und Uhrzeit jedes Aufgusses, evtl. Wetterdaten für den Ort vom Wetterdienst und die Dateinamen der beiden Fotos. Am Ende werden die Fotos paarweise (jeweils von direkt vor dem Aufguss und eine Stunde später) mit einer zufällig vergebenen alphanumerischen ID versehen. Im Protokoll wird für jedes Foto diese ID erfasst, sodass hinterher eindeutig zwischen den Zufalls-IDs und den Aufnahmeterminen zugeordnet werden kann.

Dann werden die so anonymisierten Fotos an vorher anzuwerbende Gutachter gegeben. Die Gutachter wissen nicht, an welchem Tag die jeweiligen Fotos entstanden sind, die Uhrzeit können sie u.U. an den Lichtverhältnissen und dem Sonnenstand ableiten. Sie sollen für jedes Fotopaar beurteilen, ob und ggf. welche Veränderungen am Wolkenbild sichtbar sind. Es wäre wohl sinnvoll, dazu einen Kriterienkatalog zu entwickeln, der dann abgearbeitet wird. Die Beurteilung kann in Form von Multiple-Choice-Fragen erfasst werden, dann ist das hinterher einfacher auszuwerten, v.a. wenn man sowieso alles in dem erwähnten Tabellenkalkulationsprogramm hat.

Wenn der Essig eine Wirkung hat, müssten sich die Ergebnisse der Aufgüsse mit Essig von denen ohne Essig einigermaßen deutlich unterscheiden, das insinuiert unser Essigfreund jedenfalls.

** * **

Leider wäre der ganze Aufwand bei aller Sorgfalt für die Katz, weil man erstens zu viele Dinge nicht weiß (und mangels zugrundeliegender Theorie zur Wirkung von verdunstendem Essig auf die Wolken auch keine sinnvollen Vermutungen darüber anstellen kann) und man zweitens auf zu viele möglicherweise wichtigen Faktoren keinen Einfluss hat:

  • Wie soll die Wirkung des Essigs bei welcher Ausgangslage aussehen? Überhaupt: Soll das Ergebnis überhaupt von der Ausgangswetterlage abhängen, oder soll immer dasselbe Ergebnis herauskommen, z.B. Wolkenlosigkeit? Sind Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Wind, Ozon usw. Faktoren, oder betrifft der Essig wirklich nur Wolken?
  • Wo kommt der behauptete Effekt zum Tragen bzw. wie groß ist der Himmelsbereich, in dem die behauptete Wirkung auftritt? Macht die Dosis einen Unterschied?
  • Macht es einen Unterschied, ob ich zwei Teller aufstelle mit je einer Portion Essig oder einen mit zwei Portionen Essig? Ist die Konzentration des Essigs wichtig? Gibt es Flüssigkeiten oder Aerosole, die bei gleichzeitiger Ausbringung gegenteilig wirken?
  • Wie groß muss der räumliche Abstand zum nächsten Essigverdunster sein, dass die Effekte sich nicht gegenseitig beeinflussen? (Man weiß ja nie, wo der nächste Chemtrailer oder Verschwörungs-Youtuber sein Unwesen treibt – wenn zwei Straßen weiter ein besonders engagierter Bürger literweise Essig versprüht, dürfte es unmöglich sein, meine essigfreien Aufgüsse in der Wirkung von den Essigaufgüssen zu unterscheiden. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft jemandem eine Flasche Essig herunterfällt und zerspringt, muss das auch in weitem Umkreis die Messergebnisse verfälschen usw., das kann man kaum alles wissen geschweige denn steuern oder unterbinden.)

Obwohl, wenn der Essig tatsächlich wirkt, könnte das die leidige Unzuverlässigkeit der Wettervorhersagen erklären – die Modelle können das Hantieren von Privatpersonen mit Essig nicht angemessen berücksichtigen, weil es dazu keine belastbaren Daten gibt, und das pauschale Einrechnen von privatem Essiggebrauch ist trotz aller denkbaren statistischen Kunstgriffe zwangsläufig ungenau. Also funktioniert das mit dem Essig tatsächlich, q.e.d., und das ganz ohne wissenschaftliche Studie!

Wo kann ich mich für den Nobelpreis anmelden (Meteorologie oder Esoterik, mir egal), oder schlägt mich jemand in Stockholm vor?

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16 Kommentare on “Essigwolkenzauber”

  1. Die Essig-Industrie wird Dir sicherlich die „Goldene Gurke“ verleihen!

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  2. gnaddrig sagt:

    Klasse, die nehme ich dann als Wünschelrute für die Suche nach einem Platz an der Sonne 😀

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  3. Mit Deiner Essig-Mutter?

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  4. gnaddrig sagt:

    Essig-Mutter?

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  5. Ja, Du kannst natürlich die Goldene Gurke ergattern und ab dann machst Du Deinen Essig selbst und machst Vergleichstests ob Home-made oder Outgesourced sich besser eignet. Hier noch ein paar geheime Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Essigmutter

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  6. gnaddrig sagt:

    Ah, war mir noch nicht bekannt, danke für die Erklärung.

    Natürlich werde ich die Mutter aller Essiggurken rutenwünschelnd spazierenführen und es wird Sonnenschein für immerdar…

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  7. Siehste, haste von mich noch wat gelernt.

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  8. Ich halte die Frage nach dem Abstand der Tellerchen für ganz wesentlich. Da musst Du eigentlich eine Vorstudie dazu machen, in der Du zwei, besser mehr, identische Tellerchen aufstellst und von Versuch zu Versuch den Abstand vergrößerst. Bei mehreren Tellerchen radial. Wenn sich der beobachtete Effekt nicht abschwächt, ist der Abstand noch zu klein. Und erst sobald eine Vergrößerung des Abstands keine Effektveränderung mehr bewirkt ist er groß genug.

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  9. gnaddrig sagt:

    Natürlich. Sicher sollte man auch Material, Materialstärke, Oberfläche und Farbe der Teller vergleichen.

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  10. Es müssen schon absolut identische Teller sein, um wenigsten eine Variable zu eliminieren. Dann steckt das alles in der (leider witterungsabhängigen) Verdunstungsrate. Den Teil kann man bestimmt gut vorher im Labor bestimmten, bevor der Feldversuch losgeht.

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  11. Ist bei der ganzen Essig-Verdunsterei auch die Salatmarinade in allen Haushalten mitgerechnet? Ich meine, da kommen um die Mittagszeit doch auch beachtliche Mengen zusammen!

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  12. gnaddrig sagt:

    Stimmt, das müsste auf jeden Fall berücksichtigt werden.

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  13. Pfeffermatz sagt:

    Mir fehlen Angaben über die Art des Essigs. Hier werden jegliche Essige über einen Kamm geschert, wobei es doch himmelsweite(!) Unterschiede zwischen einem Kräuteressig und einem Feigenbalsam gibt. Glaube ich, jedenfalls…

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  14. gnaddrig sagt:

    Hatte ich am Rand erwähnt, stimmt aber, wegen der himmelweiten Unterschiede muss man das in einer weiteren Vorstudie gesondert untersuchen, damit man am Ende weiß, was man tut.

    Feigenbalsam?

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  15. Pfeffermatz sagt:

    Ja, gibt es… Ich war mal in einem Essig / Öl / Alkohol – Laden, schon erstaunlich, was es alles gibt 🤪

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  16. gnaddrig sagt:

    Stimmt, da überholt die Realität jeden Veralberungsversuch. Weinessig aus bestimmten Rebsorten wäre noch was, da kann man den Salat dann passend zum gereichten Wein anmachen…

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In den Wald hineinrufen

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