Immer mehr

Früher™ hat man sich mit dem Rasiermesser rasiert oder rasieren lassen. Das ging ungefähr 25.000 Jahre so, anfangs mit Steinklingen oder geschärften Muscheln, später mit Metallklingen. Dann hat jemand im 19. Jahrhundert den Rasierhobel erfunden, der dann in der von J. C. Gillette verbesserten Version in vielen Weltgegenden jahrzehntelang das Rasierzeug der Wahl war.

Als nächstes kam irgendwann im 20. Jahrhundert der Systemrasierer dazu, der die Vorteile des Hobels um eine noch einfachere Bedienung ergänzt. Systemrasierer gibt es als Wegwerfgeräte, etwa von einem bekannten Feuerzeug- und Kugelschreiberhersteller, und als Qualitätsapparate mit wiederverwendbarem Griff und austauschbaren Rasierköpfen von den einschlägigen Rasierzubehörmarken.

Anfang der 1970er Jahre hatte jemand die geniale Idee, dass zwei Klingen doch doppelt so gut rasieren müssten wie eine. Man fing also an, Systemrasierer mit zwei Klingen zu bauen, für eine sanftere und zugleich gründlichere Rasur. Nach ein paar Weiterentwicklungen wie einzeln und federnd gelagerten Klingen, Schwingköpfen, Gleitstreifen u.ä. hatte jemand bei einem anderen Hersteller Ende der 1990er Jahre die geniale Idee, dass drei Klingen nochmal um die Hälfte besser rasieren müssten als zwei. Bis zur nächsten genialen Idee (vier Klingen) dauerte es dann nur fünf Jahre.

Seither hat sich die Innovationskraft der Branche anderweitig ausgetobt, man ist vor über zehn Jahren bei sechs Klingen stehengeblieben. Naja, eigentlich bei sieben, denn manche dieser Vielklingengeräte haben eine weitere Klinge auf der Rückseite, mit der man schwer zugängliche Stellen besser erreichen soll.

Aber klar, irgendwann werden die Dinger zu sperrig, und ein 28-Klingen-Rasierer wäre sicher nicht mehr sinnvoll benutzbar, ähnlich wie dieses etwas absurde Schweizer Taschenmesser mit allem.

** * **

Die Geschichte wiederholt sich nicht, habe ich mal gelesen, aber sie schreibt von sich selbst ab. Das aktuelle Selbstplagiat ist das Handy. Dass Handys Kameras haben, ist ja schon lange so. Seit es Smartphones gibt, haben die eine Kamera, und seit ungefähr 2010 sind zwei Kameras Standard – – eine Hauptkamera mit möglichst vielen Megapixeln und eine auf der Bildschirmseite angebrachte, meist nicht ganz so hoch auflösende Kamera für Videotelefonie (macht das überhaupt jemals wer?) und Selfies.

Dann fingen welche an, zwei Hauptkameras zu verbauen, deren Bilder dann sinnreich zusammengerechnet werden, um am Ende ein besseres Bildergebnis zu liefern. Die beiden Kameras haben dann oft unterschiedliche Auflösungen, oder eine fotografiert in Farbe, die andere in Schwarzweiß, oder es werden aus den doppelten Fotos rechnerisch fantastische Auflösungen abgeleitet.

Jetzt habe ich kürzlich Werbung für ein Smartphone mit vier Kameras gesehen. Da frage ich mich schon, ob das immer so weitergehen soll. Vielleicht werden nächstens fünf oder sechs Kameras pro Smartphonbe verbaut, irgendwann dann acht oder elf. Zwei Frontkameras für 3D-Videotelefonie. Mehrere Hauptkameras für hochauflösende 3D-Aufnahmen, wo man Fokussierung der Aufnahmen nachträglich verschieben (also von der Nasenspitze der fotografierten Person auf die Augen oder umgekehrt) können wird.

Vielleicht wird man irgendwann ganze Kinofilme oder Profi-Diashows mit dem Handy produzieren können. Oder natürlich, die Tendenz zu immer mehr Kameras geht jetzt schon zuende und sie fangen stattdessen an, mehr Displays zu verbauen. Handys mit Front- und Rückseitendisplay gibt es ja schon, aber an den Seiten ist sicher noch Platz. Auch Beamer fehlen dem Standardhandy noch.

Dass jemand ein Smartphone (oder wenigstens eine Art externen Bluetooth-Telefonhörer für ein Smartphone) in einen Systemrasierer einbaut oder einen Systemrasierer in ein Smartphone halte ich für unwahrscheinlich. In den 70er Jahren hat ein gewisser Leroy Brown aus Chicago übrigens mit einem Rasierer im Schuh experimentiert, die Kombination hat sich aber nicht durchgesetzt. Das wird mit den wesentlich empfindlicheren Smartphones als Plattform nicht besser sein. Allenfalls könnte eine stark verkleinerte laserbasierte Version meiner alten Haarschneidemaschine zum Einsatz kommen…

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7 Kommentare on “Immer mehr”

  1. Stefan R. sagt:

    Vor allem mal ist das Rasierer-Unwesen ein Mordsgeschäftsmodell, bei denen Kunden Folgekosten in Form von teuren Ersatzklingen aufgebrummt werden. Und auch als Bartträger muss man inzwischen höllisch aufpassen. So sollte man bei diesen neuen System-Bartschneidern dringend vorher recherchieren, was Ersatzklingen kosten. Bei diesem Modell etwa schlagen zwei davon mal eben mit 25 Euronen zu Buche…

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  2. cimddwc sagt:

    Bring back, bring back, bring back that Leroy Brown
    (Queen, 1974)

    Ein Handy von Honor mit zwei Triple-Kameras wurde übrigens kürzlich vorgestellt, und ein Nokia-Modell mit 5fach-Hauptkamera gerüchtet sich auch wieder durch die Gegend…

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  3. gnaddrig sagt:

    @ Stefan: Wahnsinn. Ich fand schon Rasierköpfe für drei oder vier Euro das Stück ziemlich grenzwertig, aber das…

    @ cimddwc: Klasse, ich bin so gut, dass ich nicht mal groß recherchieren muss um solche Sachen richtig hinzukriegen 😀

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  4. Yadgar sagt:

    Rasierer… wer braucht denn Rasierer? Oder Bart-, gar Haarschneider? Ich verstehe das nicht, wie man(n) sich so amputieren kann…

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  5. gnaddrig sagt:

    Kann man so sehen. Ich mag aber nunmal keine Haare im Gesicht…

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  6. Stefan R. sagt:

    Wobei ich noch privilegiert bin, da ich dank eher schwächeren Bartwuchses eine Woche ohne Trimmen klarkomme, ohne auszusehen wie Rasputin. Da hält eine Klinge dann etwa ein halbes Jahr. Wer täglich mit der Gurke an sich rumstylt, muss eine Klinge pro Monat einkalkulieren.

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  7. Yadgar sagt:

    Nun gut, da mein Bart nicht immer symmetrisch wächst (und die Spitzen jenseits der 20 cm dünn und fusselig werden) muss ich ein- bis zweimal im Jahr nachschneiden… aber als Kunde für die hippen Barbershops mit den blau-weiß-roten Drehspiralen neben der Tür komme ich trotzdem schwerlich in Frage – auch wenn mir dadurch der eine oder andere zweifellos hübsche Anblick luxusgeölter Hipster-Talibärte entgeht!

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