Tütensuppe

Gerrit Jan Appel schreibt auf Wortgepüttscher unter dem Titel Verachtet, verehrt und unvergänglich ausnahmsweise nicht auf Platt über Musiker, die bestimmte ihrer eigenen Stücke gehasst haben. Manche haben diese verhassten Stücke dann aus Gründen doch noch auf Platte gesungen, oft nachlässig und hörbar lieblos. Gerrit mag diese Stücke oft lieber als die allzu glattpolierten Erzeugnisse unserer Tage:

Vermutlich klingen auch deswegen die Aufnahmen unter aktuellen Produktionsbedingungen in meinen Ohren so verdammt langweilig und seelenlos wie Tütensuppen.

Ein schönes Bild, finde ich – Tütensuppen schmecken ja oft auch gar nicht mal schlecht, und man muss nicht lange kochen, bevor man was zum Löffeln hat. Aber so richtig gut sind sie dann doch nicht, echtes Essen geht anders.

Früher gab es vielleicht öfter Aufnahmen mit Ecken und Kanten, vielleicht auch weil technisch noch nicht alles so ausgereift war und man nicht jede Macke ohne Probleme wegretuschieren konnte (mit der Betonung auf konnte, ich glaube, sie hätten meist schon wollen, ging aber noch nicht so gut – kaum vorstellbar, dass die Beatles ihr Zeug noch auf einer Vierspurmaschine eingespielt haben). Vielleicht auch, weil man abgesehen davon auch generell noch nicht ganz so gnadenlos alles bis sonstwohin optimiert hat. Da konnte dann eben auch mal wer den Widerwillen im Studio durchscheinen lassen. Dass heute wohl auch wegen überhöhter Ansprüche vieles ziemlich glatt und überperfekt klingt, stimmt schon.

Es gibt Musik, die mir tatsächlich zu glatt ist. Vieles der spanischen Metalband Tierra Santa etwa – alles nicht schlecht, viel richtig gemacht, wirkt aber trotzdem nach einer Weile irgendwie beliebig und unecht, ähnlich wie die Eagles übrigens auch in vielen Stücken. Ich könnte nicht einmal erklären, wieso mir das so vorkommt, aber es stört den Hörgenuss dann doch ein bisschen.

Ansonsten geht es mir meist umgekehrt – ich schätze die sauberen Arrangements und professionellen Aufnahmen im Vergleich zu dahingestümpertem Frühwerk. Dabei habe ich allerdings auch nicht unter (wirtschaftlichem oder karrieretechnischem) Zwang widerwillig eingespielte Stücke im Ohr, sondern gutes Material, an dem die Bands über die Jahre gewachsen sind.

Manchmal kann man den Werdegang von Musikern und ihrer Musik direkt beobachten, wenn dieselbe Band dasselbe Stück nämlich mehrmals aufgenommen hat. Die hier schon mehrmals erwähnte Schweizer Band Patent Ochsner mit Büne Huber als Texter und Lead-Vokalist zum Beispiel. Die sind in den frühen 90ern mit dem Album Schlachtplatte bekannt geworden. Die meisten Stücke darauf haben sie aber später nochmal aufgenommen.

Ich hatte sie sämtlich zuerst in den späteren Aufnahmen kennengelernt – besser arrangiert, professionell aufgenommen, dabei beileibe nicht glatt, sondern teilweise reichlich kauzig, also ganz bestimmt keine Tütensuppe. Als ich dann die alte Schlachtplatte hörte, war das fast ein Schock – die Arrangements wirkten auf mich teils zusammengestoppelt, teils unfertig, einfach nicht so gut „erzählt“. Wenn ich das als erstes gehört hätte, hätte ich die Band gleich zu den Akten gelegt und eine Menge wirklich großartiger Musik verpasst.

Und dann gibt es noch Runrig, deren erstes gälisches Album ganz nett ist, aber sterbenslangweilig. Später haben sie „musikalisch erzählen“ gelernt, mit Spannungsbögen und Dynamik und Blutdruck. Soviel heute zum Thema Früher war alles besser

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6 Kommentare on “Tütensuppe”

  1. Yadgar sagt:

    Ich kenne einen anderen Ausdruck für lau dahinplätschernde, überproduzierte Hochglanzmucke ohne Ecken und Kanten: Spülimusik!

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  2. gnaddrig sagt:

    Da muss ich irgendwie an Revolverheld denken.

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  3. Yadgar sagt:

    Mir fällt dazu hauptsächlich zeitgenössisches Easy Listening aus Japan ein… sowas läuft gerne in Sushi-Bars, da passt es dann allerdings auch! Als Steigerung wünscht man sich diese Musik dort von einem (natürlich japanischen) Alleinunterhalter auf einer großen elektronischen Konzertorgel von Yamaha (z. B. die Electone FX-20 von 1985, drei Manuale, Vollpedal und Motorfader) gespielt, das Ganze auf einem sich drehenden Podest, während ringsum die Sushiportionen per Fließband vorbeigleiten… eine Ausnahme lasse ich nur für Sushi-Bars in Düsseldorf gelten: da MUSS es einfach Kraftwerk sein, wobei ich vor allem zum 1981er Album „Computerwelt“ neige…

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  4. Achim sagt:

    Ich dachte spontan an „Fahrstuhlmusik“, aber das ist eine noch schlimmere Kategorie (engl. „muzak“). Die soll und will gar keine Musik sein.

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  5. Vielen Dank für diese spannende Antwort auf meinen Text.

    Es gibt übrigens noch einen anderen Grund, warum ich die Musik „von einst“ gegenüber der heutigen um so vieles lebendiger finde:

    Man bedenke einfach die damalige Aufnahmetechnik – jedes Lied musste beim kleinsten Fehler wieder ganz von vorne aufgenommen werden statt wie heute aus dem diversen vorliegenden Material einfach was zusammenzuschneiden. Und das galt für das ganze Team – Sänger, Produzenten, Tontechniker und natürlich das manchmal bis zu 30 Personen starke Orchester.

    Die haben mit i. d. R. gemeinsam und gleichzeitig Musik gemacht – nicht der eine montags im einen, der andere donnerstags im anderen Studio, und irgendwann wurden – mal bewusst ketzerisch ausdedrückt – nur die vom Paketboten vorbeigebrachten Bänder bzw. die aus dem Postfach abgerufenen eMails mit den entsprechenden mp3 heruntergeladen und von einem Tontechniker zusammen gemischt.

    Dazu der Einfallsreichtum, die Experimentierfreude: The Honeycombs haben „Have I The Right“ einfach in der Privatwohnung ihres Produzenten aufgenommen. Als Dusty Springfield ihren # 1-Hit „You don’t have to say you love me“ eingesungen hat, war ihr die Akkustik im Studio zu schlecht. Als sie zufällig hörte, dass jemand vom Studiopersonal darüber sprach, wie toll der Klang im Treppenhaus des Gebäudes sei, ließ sie ihr Mikro kurzerhand DORT aufstellen.

    Ich glaube, das ist der größte Reiz, den die Musik der 50er und 60er für mich hat, ganz gleich, ob Schlager, Flower Power, R & B, Soul, Motown, C & W und, und, und: Es war pures Handwerk, vor dem ich echten Respekt habe.

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  6. gnaddrig sagt:

    Ja, da ist was dran. Es war wohl einfach noch nicht alles so stromlinienförmig und vereinförmigt, im Guten wie im Schlechten. Da ist dann auch mehr Gelegenheit für Originelles.

    Bei den alten Sachen war schon rein technisch bedingt der Abstand zwischen Live-Einspielung und Studioaufnahme geringer als heute. Wenn man nur vier Spuren hat und u.U. zwei Instrumente auf einer Spur aufnehmen muss, muss man im Vorfeld schon viele Grundsatzentscheidungen treffen und Dinge entsprechend einrichten und aussteuern, die man heute praktisch beliebig im Nachhinein hin- und herschieben und umbauen kann.

    Dafür kann heute fast jeder mit Musikern aus aller Welt zusammenarbeiten. Es gibt Plattformen, da kann man die Aufnahme einer Spur hochladen, wer anders spielt ganz woanders eine zweite Spur dazu ein, noch wer anders eine dritte, je nachdem, und am Ende kann man das dann abmischen und hat eine Aufnahme, die man allein oder mit den vor Ort greifbaren Musikern so nicht machbar gewesen wäre. Macht ein Bekannter von mir, und das hat auch was.

    Jedenfalls ist es faszinierend, welche technischen Entwicklungen dann welche Unterschiede zur Folge haben, und wie technische Verbesserungen manchmal zu (je nach Sichtweise) schlechteren Ergebnissen führen können.

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