Homöopathie auf neuen Wegen

Eines der Grundprinzipien der Homöopathie ist die Potenzierung: Stoffe, die an gesunden Menschen bestimmte Symptome hervorrufen, werden nach bestimmtem Ritual verdünnt und geschüttelt und sollen dadurch in ihrer Wirkung verstärkt werden. Dadurch hofft man, sehr wirksame und dabei nebenwirkungsfreie Arzneimittel zu erhalten. Je mehr Verdünnungs- und Verschüttelungszyklen das Mittel dabei durchlaufen hat, desto wirksamer („potenter“) soll es nach homöopathischer Lehre sein.

Ein anderes Grundprinzip der Homöopathie ist das Ähnlichkeitsprinzip: Stoffe, die im Rahmen einer homöopathischen Arzneimittelprüfung bestimmte Symptome hervorrufen, sollen dann als homöopathische Mittel dann ebendiese Symptome lindern oder ganz kurieren. Ein Stoff, der Kopfschmerzen, Fieber oder Schläfrigkeit hervorruft, wird also in homöopathisch aufbereiteter Form gegen Kopfschmerzen, Fieber oder Schläfrigkeit verabreicht.

Wie man auf diesem Weg zu Medikamenten gegen Krebs, Magengeschwüre, Demenz oder Wespenstiche kommen will, bleibt dahingestellt – bisher ist bei solch einer Veranstaltung wohl noch nie eine der genannten Krankheiten, Verletzungen oder Zustände tatsächlich ausgelöst worden. Andererseits betrachtet und behandelt die Homöopathie ja nicht Krankheiten, sondern ausdrücklich nur Symptome, und die einzelnen im Zusammenhang mit den genannten Erkrankungen und Zuständen auftretenden Symptome dürften sich mit den Ursubstanzen homöopathischer Mittel durchaus hervorrufen lassen. Die konventionellen Medikamente braucht man dann gar nicht mehr.

Ursprünglich scheut die Homöopathie die evidenzbasierte Medizin und ihre Medikamente wie der Teufel das Weihwasser und will damit möglichst gar nichts zu tun haben. Das war jedenfalls Hahnemanns Linie, und die hat bis heute ihre Anhänger. Andererseits werden auch Homöopathen zugeben (müssen), dass diese „schulmedizinischen“ Medikamente doch eine gewisse Wirkung haben. Dass sie die haben, ist ja für jeden Wirkstoff in aufwändigen Studien festgestellt worden, sonst wäre das Zeug gar nicht erst zugelassen worden.

Ganz so heiß wird das heute aber meist doch nicht gegessen. Trotz allem Schimpfen über die „Schulmedizin“ sprechen sich viele Homöopathen auch immer wieder für einen komplementären Ansatz aus, in dem Homöopathie und evidenzbasierte Medizin wohlwollend zusammenarbeiten und sich ergänzen oder doch wenigstens ungestört nebeneinanderher existieren. Sie erkennen also durchaus an, dass die Homöopathie allein nicht alle medizinischen Probleme lösen kann und billigen der evidenzbasierten Medizin eine wenigstens unterstützende Rolle bei der Behandlung von Krankheiten und gesundheitlichen Problemen zu.

Und ganz egal, wie man als Homöopath zu den Medikamenten der evidenzbasierten Medizin steht, mit dem Standardspruch der Homöopathie begibt man sich auf dünnes Eis: Wer heilt hat recht. Denn auch wenn man kaum je mit Sicherheit sagen kann, wer oder was nun eine konkrete Heilung hervorgerufen hat – nur was nachweislich eine (unter vergleichbaren Umständen halbwegs zuverlässig wiederholbare) Wirkung hervorruft, hat überhaupt die Chance dazu. Was nachweislich keine Wirkung hat, kann nicht heilen, und da sehen homöopathische Mittel ziemlich schlecht aus.

Eigentlich schade, denn wenn an der homöopathischen Vorstellung von der Potenzierung etwas dran wäre, müsste das auch mit unhomöopathischen, nachweislich wirksamen Medikamenten funktionieren. Grundsätzlich kann ja jeder auf der Erde vorkommende Stoff als Ursubstanz für homöopathische Zubereitungen dienen, also auch pharmakologische Wirkstoffe. Es gibt ja auch homöopathische Mittel auf der Grundlage aller möglichen, auch menschengemachten Substanzen.

Man könnte also grundsätzlich auch Aspirin, Imodium oder Viagra homöopathisch potenzieren und käme dann mit viel weniger Wirkstoff aus. Bei Anwendbarkeit des Simileprinzips hätte man dann eine erheblich verstärkte und ins genaue Gegenteil gedrehte Wirkung des zugrundeliegenden Medikaments. Mit einem Tropfen Valium D30 würde man eine Woche lang hellwach bleiben, und das nach homöopathischer Lehre ganz ohne Nebenwirkungen.

Homöopathisch potenziertes Schlafmittel könnte sich so zur billigen und sicheren Partydroge mausern. Man könnte bedenkenlos feiern, und mit ein paar Globuli Vinum C24 oder Cervisia D30 könnte man sich nach dem Kneipenbesuch ziemlich zuverlässig wieder fahrtauglich machen. Falls man mal nicht mehr so genau weiß, was man alles getrunken hat, wird das Breitbandantialkoholikum Temetum generalis C60 empfohlen. Die leidige Diskussion, wer fährt und wieviel der trotzdem trinken darf, wäre dann endlich nicht mehr nötig.

Nur leider…

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3 Kommentare on “Homöopathie auf neuen Wegen”

  1. Achim sagt:

    Dein Ansatz mit Cervisia D30 ist so neu nicht. In geringerer Potenzierung gibt es das schon lange und heißt „Konterbier“ 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, schon. Aber das hat ja Nebenwirkungen!

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  3. Achim sagt:

    Das sagst du so, mit den Nebenwirkungen… Meine Erfahrungen deuten eher darauf hin, dass ich es nicht ausreichend potenziert habe. Mangels Heilung hatte ich unrecht und verwende das Medikament nicht mehr. (Mit zunehmendem Alter wird Vorbeugung auch interessanter…)

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