Blech

Vor Jahren habe ich mal einem Bekannten beim Umzug geholfen. Wir sind mit einem Lieferwagen voller Möbel und Kartons auf der Autobahn unterwegs, als ein Reifen unerwartet ziemlich schnell plattgeht. Also ab auf den Standstreifen zum Reifenwechsel. Eigentlich, denn es stellt sich heraus, dass unser Wagenheber nicht funktioniert. Irgendein wichtiges Teil fehlt. Der Wagen ist nicht mehr ganz frisch, den hatte ein Freund von einem anderen Bekannten organisiert, also ein klarer Fall von selbst Schuld. Jedenfalls kein Reifenwechsel ohne Wagenheber und wir im Ausland mit einem reichlich beladenen Sprinter an der Autobahn gestrandet.

Wir stehen ratlos rum, weil wir es mit dem Reifen keine fünf Kilometer zur nächsten Ausfahrt schaffen, und von da noch wer weiß wie weit zur nächsten Werkstatt schon gar nicht. (Wir hatten ziemlich lange gebraucht, den Standstreifen zu erreichen: Mit 110 auf der mittleren von drei urlaubsanfangsvollen Fahrspuren, als der Kasten anfängt zu rappeln wie blöd. Der Fahrer geht vom Gas, schaltet die Warnblinker ein und versucht, sich nach rechts zu drängeln. Wegen der vielen Lkw braucht er dazu eine ganze Weile. Als wir endlich zum Stehen kommen, schlägt der Reifen schon unschöne Falten. Noch ein paar hundert Meter, dann hätte er sich zerlegt. Das Gummi ist vollends hinüber.)

Ein paar nette Leute von weit weg – Rumänen, glaube ich mich zu erinnern – mit einem R4 halten an und bieten uns ihren Wagenheber an. Der besteht im Wesentlichen aus ein paar dünnen zusammengenieteten Profilblechen, einer spiddeligen Schraube und einer winzigen Kurbel. Unser Lieferwagen ist ja ziemlich voll und wiegt schon leer bestimmt dreimal so viel wie der R4, aber die bestehen darauf, es zu versuchen.

Also Wagenheber angesetzt und gekurbelt. Der Lieferwagen bewegt sich keinen Zentimeter, dafür biegen sich die Bleche des Wagenhebers auseinander. Uns ist das ziemlich unangenehm, aber die R4ler nehmen das gelassen. Naja, beim R4 kann man zur Not auch zu dritt die betroffene Ecke hochheben, während der vierte den Reifen wechselt, da ist der Wagenheber nicht ganz so wichtig, muss man nur eher so pro forma wegen TÜV und StVO dabeihaben. Die machen sich also frohgemut auf die Weiterreise, wir bleiben genauso ratlos zurück.

Zum Glück hält als nächstes ein Kleinbus mit Wohnwagen – eine Familie aus Bayern auf Urlaubsfahrt. Vattern schüttelt angesichts unseres etwas angenagten Lieferwagens den Kopf, macht seine kühlschrankgroße Werkzeugtruhe auf, produziert einen vermutlich lkw-tauglichen Wagenheber und bockt unsere Karre auf. Bevor wir noch den Mund wieder zuklappen, hat der wackere Mann die Radmuttern gelöst und montiert jetzt in Nullkommanix das Reserverad, vielen Dank, gute Fahrt, Wiedersehen.

Mit seinem Werkzeugbestand hätte der, wie es aussieht, aus dem Stand einen vergammelten Oldtimer komplett restaurieren können, ein Ferienhaus ausbauen oder Mark Watneys Mars-Rückkehr-Modul weltraumrendezvoustauglich herrichten. Etwas übertrieben für einen Familienurlaub vielleicht, aber uns kam’s damals zupass.

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4 Kommentare on “Blech”

  1. Yadgar sagt:

    Also, ich schleppe auf Radtouren auch immer einen halben Rucksack voll Werkzeug mit. Gelegentlich konnte ich damit auch schon Pannenhilfe leisten! Und das mit meinen dreieinhalb linken Händen…

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, aber sicher keine Bohrmaschine, Stichsäge, Winkelschleifer, Drehbank usw., oder?

    (Ich weiß nicht mehr, was der da in seiner Truhe hatte, ist schon länger her. Aber der Kasten war bis oben voll mit Werkzeug.)

    Pannenhilfe ist natürlich immer gut und kann viel Spaß machen. Ich neige auch dazu, eher zuviel mitzunehmen. Aber in Maßen…

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  3. Yadgar sagt:

    …Echolot, Gaschromatograph, Geigerzähler, Filmdosimeter, Lasertheodolit, Polhöhenwiege, Oszilloskop, Rastertunnelelektronenmikroskop und ein komplettes 3D-Druckstudio mit Internetanbindung! Merke: echte Fahrradglobetrotterhelden werden immer von einem Heldenwagen begleitet, dessen Größe und Inhalt proportional zur Heroizität des Fahrradglobetrottings ist… gemanagt wird der Heldenwagen selbstverständlich von einer hübschen Marketenderin (bzw. in meinem Fall von einem langhaarigen schnauzbärtigen Marketender)!

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  4. […] solche Bärenkräfte habe, sondern weil sie aus eher dünnem Blech zusammengenietet ist, wie der Wagenheber von dem R4 neulich, aber was will man für vier Euro für so’ne Gelegenheitsspritze auch Tolles erwarten, ist ja […]

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