Wesentlich

Hochglanz und Glitzerfassaden mögen ja ganz hübsch sein, aber eigentlich muss nicht immer alles ganz neu und makellos sein. Gebrauchsspuren sind kein Mangel, und wenn ein Buch, ein Gerät, ein Möbelstück ein bisschen abgewetzt oder angekratzt aussieht oder irgendwo geflickt ist, funktioniert es meistens immer noch. (Die Kunst ist vermutlich, sich mit Dingen zu umgeben, die abgeschabt, angedotzt und ältlich charmanter wirken als neu. Mit Dingen, die Patina ansetzen statt Gammel, die Charakter entwickeln statt Sperrmüll zu werden. Das ist übrigens längst nicht nur eine Frage des Geldes, das gibt es auch bei Manufaktum nicht automatisch.)

Es muss also nicht immer überall alles nagelneu sein. Ein in die Tage gekommener Friseurstuhl, ein ältlicher Rasenmäher oder eine elektrische Schreibmaschine aus den 70ern müssen noch lange nicht auf den Müll, solange sie funktionieren und jemand Verwendung dafür hat. Und bei Leuten, die versuchen, immer mit dem allerneuesten High-End-Equipment zu beeindrucken, bin ich fast immer misstrauisch, ob die nicht nur das Fehlen von was anderem Wichtigen kaschieren wollen. Gut abgehangene Ausstattung mit Kratzern, Beulen und Patina ist also grundsätzlich kein Problem.

Aber die sehr verbreitete Neigung zu Hochglanzfassaden und dem immer allerneuesten technischen Equipment (manche Leute sollen sich alle paar Jahre komplett neue Küchen kaufen, Heimkinos usw., obwohl die, hm, alten Geräte noch einwandfrei sind, hat mir ein Installateur neulich erzählt) haben einen Gewöhnungseffekt. Die Fassade drängt sich dann in den Vordergrund, sie erscheint wichtiger als die Substanz, und in der Folge runzelt man gelegentlich doch ganz unwillkürlich die Stirn, wenn mal was nicht ganz hochglanzperfekt ist. Ein Beispiel:

Neulich fällt mir an einem späten Freitagnachmittag unterwegs eine ziemlich große, ziemlich alte und sowieso schon zur baldigen Ersetzung vorgemerkte Füllung aus einem Zahn. Eine größere Angelegenheit, die ich nicht übers Wochenende offenlassen mag, bis mein Zahnarzt zuhause wieder erreichbar ist. Ich mache also einen Notdienst habenden Zahnarzt am Ort ausfindig, frage mich zu der Adresse durch und stelle mich dort vor.

Die Sprechstundenhilfe ist nett und aufmerksam. Und sehr beschäftigt – sie muss dem Doktor beim Verarzten helfen, den Papierkram auf dem Laufenden halten und das Telefon bedienen. Ich sitze allein im Wartezimmer, während jemand anderes behandelt wird.

Das Mobiliar an der Rezeption schon schick, aber an der Schubladenfront sind zwei Griffe abgebrochen, anscheinend schon länger. An der Wand hängt eine Uhr, deren Sekundenzeiger abgefallen ist und jetzt unter der 6 hinter der Glasabdeckung liegt. Ein Fensterflügel im Wartezimmer wird mit Panzerband geschlossen gehalten, und der als Garderobe dienende freistehende Kleiderständer steht schief. Nicht umkippgefährdet, aber deutlich nicht senkrecht. Ein etwas verblasster Kunstdruck hängt etwas schief in einem rahmenlosen Bilderhalter mit einer abgestoßenen Ecke.

Die Decke im Korridor ist mit Gipsplatten abgehängt, aber die Platten sind unsauber gesägt und bilden eine zackige Kante ein paar Fingerbreit von den Wänden. Eine Abschlussleiste hat offenbar niemand für nötig gehalten.

Später dann im Behandlungsraum – das zahnärztliche Gerät sieht soweit ok aus, der Stuhl ist modern genug. Ich bin da kein Fachmann, aber der sieht nicht anders aus als der bei meinem Zahnarzt auch, und der hat erst vor ein paar Jahren alles neu gemacht. Das Waschbecken, das Tablett mit dem Besteck, alles blitzsauber und ok. Nur die Glasabdeckung der etwas altmodischen OP-Leuchte ist gesprungen und sitzt schief im Gehäuse.

An der mit Rauhfaser tapezierten Decke hängen Neonröhren in zwei langen Doppelreihen. An einem der Rahmen ist die durchsichtige Abdeckung nicht richtig befestigt und hängt am einen Ende etwas runter. Ein anderes Modul hängt insgesamt schief. Ein paar der Blechlamellen an der Jalousie, mit der das direkte Licht der Abendsonne draußen gehalten wird, sind geknickt und etwas knitterig wieder geradegebogen, und das ganze Ding hängt kaum merklich schief.

Das saubere, an sich sachlich eingerichtete und ansonsten gepflegt wirkende Behandlungszimmer erhält dadurch eine ganz leicht postapokalyptische Anmutung, ich fühle mich an irgendwas zwischen Wall-E und Mad Max erinnert, auch wenn das natürlich weit übertrieben ist.

Bei der Behandlung bleibt dann alles im erwartbaren Rahmen. Der Zahnarzt arbeitet routiniert und zügig, aber ohne zu hetzen. Die eigentlich überlastete Zahnarzthelferin bleibt ruhig und freundlich, rennt zwar während meiner Behandlung mehrmals ans Telefon bzw. zur Tür, ist aber trotzdem immer zur richtigen Zeit mit dem richtigen Gerät unaufgeregt zur Stelle, während der Arzt meinen Zahn kittet. Da passt alles zusammen, es wirkt entspannt und gut eingespielt, insgesamt sehr angenehm. Ich gehe am Ende mit einem guten Gefühl aus der Praxis. Mehr Chrom und Glitzer hätte nichts Wesentliches beigetragen.


One Comment on “Wesentlich”

  1. Yadgar sagt:

    Dazu gibt es für mich nur folgendes zu sagen:

    Hammond B3. Commodore 64. Mein Hercules-Fahrrad von 1962. Citroën 2CV. Novachord. Technics SX-G5. „Luchs“-Messbecher. Dual-Vinylplattenspieler mit allen vier Geschwindigkeiten. Atari 1040 STFM. Canon PowerShot S40. 9-Nadel-Drucker. Yamaha K-220 Tapedeck. Vor zwölf Jahren zuletzt beim Friseur gewesen zu sein. Nach Afghanistan trampen.

    Gefällt 1 Person


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