Umweltschutz und Katzen

Großes Thema mit einem ganz breiten Spektrum an Meinungen dazu. Es herrscht nicht einmal Einigkeit darüber, was „Umwelt“ eigentlich alles beinhaltet oder was genau man daran schützen will. Oder weshalb und mit welchen Ziel man das wollen sollte.

Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich James Rollins in Projekt Chimera (The 6th Extinction) sehr lesenswert und spannend (es ist kein Sachbuch).

Bewahren eines Status quo halte ich für sinnlos. Die mitteleuropäische Fauna und Flora etwa sind seit Jahrhunderten nicht mehr naturbelassen, der Mensch hat alle möglichen Pflanzen und Tiere eingeschleppt, die hiesige Natur durch Ackerbau, Jagd manipuliert und „verfälscht“, da ist nichts mehr „authentisch“. Welchen Stand sollte man also (wiederherstellen und) konservieren wollen – den von 2019? 1871? 1618? Und mit welcher Begründung?

Der Hirsch gehört eigentlich nicht nach Mitteleuropa, habe ich gehört, den habe man seinerzeit als jagdbares Wild zur Unterhaltung des Adels aus Fernenost importiert. Das aus Amerika eingeschleppte graue Eichhörnchen droht, das einheimische braune Eichhörnchen zu verdrängen, und schwarzgelbe Marienkäfer aus China den einheimischen schwarzgepunkteten roten Marienkäfer. Der giftige und für Menschen schon bei Berührung gefährliche Riesenbärenklau macht Feldraine und Uferbiotope kaputt, der japanische Staudenknöterich und das Indische Springkraut breiten sich aus und verdrängen alles andere (Quelle).

Der Wolf kommt mit beträchtlicher Unterstützung wieder zurück nach Deutschland in ein Ökosystem, das über 200 Jahre gut ohne ihn ausgekommen ist, und wirft hier einiges seit seiner Ausrottung im 18. Jahrhundert gewachsene durcheinander. Wie gefährlich er wirklich ist, kann ich nicht beurteilen, aber dass die Neuansiedlung nicht auf ungedämpfte Gegenliebe stößt, kann ich gut verstehen.

Irgendwelche Mücken, die Malaria übertragen, können dank Klimawandel in immer weiteren Teilen Mitteleuropas (wieder) Fuß fassen, usw. Die genannten Pflanzen sind praktisch nicht mehr einzudämmen. Soll man wirklich wertvolle Ressourcen auf absehbar vergebliche Versuche verwenden, solche Eindringlinge draußenzuhalten?

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Dann, wie sinnvoll ist es, bedrohte Arten zu schützen? Der Juchtenkäfer mag selten sein, aber zum Schutz einer der letzten Kolonien einen Bahnhofsneubau abblasen? (Von der Sinnhaftigkeit des betreffenden Bahnhofs reden wir vielleicht wann anders.) Wenn tatsächlich jeden Tag zwischen 3 und 130 Arten aussterben (also zwischen 1.200 und 47.450 Arten im Jahr), müsste die Tierwelt eigentlich ziemlich bald auf das reduziert sein, was man in Bilderbüchern für Vorschulkinder sieht. Es ist schwer, sich die Zahlen und Proportionen vorzustellen.

Ob es in einem Flecken an irgendeinem Ende der Welt nun 1927 oder 1926 Arten Käfer, Würmer oder Amphibien gibt, merkt normalerweise niemand, der Laie kann die sowieso nicht alle auseinanderhalten und das Leben geht ja weiter. Vermutlich fällt es erst wirklich auf, wenn in der Natur irgendwas für uns wichtiges nicht mehr funktioniert, weil die dazu nötigen Viecher weg sind und auch keine anderen, ähnlichen Arten mehr vorhanden sind, die einspringen können. Beim rätselhaften Bienensterben kann man sich auch als Fachfremder eine ungefähre Vorstellung von den Auswirkungen machen.

Den Regenwald, die sibirischen Ströme und sonstige größere Ökosysteme zu erhalten erscheint sinnvoll, da hängt imerhin das Weltklima dran. Wenn dazu auch der Schutz irgendwelcher Käfer, Schmetterlinge, Amphibien o.ä. nötig ist, bitteschön. Wie weit ins Detail der nötige Umweltschutz dann reichen muss, kann ich als Laie natürlich wieder nicht beurteilen. Da mögen dann manche überzogen erscheinende Maßnahmen durchaus sinnvoll sein. Dafür haben wir ja auch einschlägige Fachleute, dass nicht jeder Hinz und Kunz über Dinge entscheiden muss, von denen Hinz und Kunz nichts verstehen.

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Andere Seite der Medaille: Der Mensch hat eine Reihe von Tierarten praktisch überall eingeschleppt, wo er hinkam, nicht erst seit Europäer sich überall als Kolonialherren niederließen. Seither krempeln diese eingeschleppten Arten dort die Ökosysteme um. Kaninchen, Hauskatze und Fuchs richten in Australien großen Schaden an. Allein auf das Konto der Hauskatze soll das Aussterben von zwei Dutzend Tierarten in den letzten Jahrzehnten gehen, weitere über 100 sollen gefährdet sein.

Die zuständige australische Behörde will von den geschätzt 10 Millionen verwilderten Hauskatzen in bestimmten Gegenden ungefähr 2 Millionen töten, um einheimische Tierarten zu schützen. Das ist aktiver Tierschutz, abgestimmt mit den wichtigsten australischen Naturschutzorganisationen. Prominente aus Europa und den USA melden sich lautstark zu Wort melden sich lautstark zu Wort, um den geplanten „Katzenmord“ anzuprangern und die Aktion schlechtzureden.

Mit der Ausrottung der eingeschleppten Ratten auf einer isolierten Insel im Südatlantik hatte von diesen „Tierschützern“ niemand Probleme. Aber das waren auch keine süßen Kätzchen. Ich meine, KÄTZCHEN! UMBRINGEN!! MILLIONEN!!!

Vielleicht hatte diese Ausrottung der eingeschleppten Ratte am Ende der Welt auch kein Tierschützer mitgekriegt, denn hierzulande gehen sie auch bei Aktionen gegen Ratten wohl aus Prinzip auf die Barrikaden, wie die Geschichte von der Rattenplage in Würzburg zeigt.

Die ganze Debatte ist so emotional überfrachtet, da scheint es vielfach überhaupt nicht mehr um Fakten und rational begründbare Ziele zu gehen, um seriöse Feststellung  des Unvermeidbaren, oder um sinnvolle Abwägungen zwischen Wünscheswertem und Machbarem, sondern nur noch um gefühlte Wahrheiten. Klar, wenn es um Kätzchen geht, hört der Spaß auf, egal, was die einschlägigen Fachleute für sinnvoll halten.

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6 Kommentare on “Umweltschutz und Katzen”

  1. smurfix sagt:

    Im Großen und Ganzen stimme ich dir zu. Nur: das heimische Ökosystem kommt eben nicht ohne Wölfe aus. Der Verbiss durch Rehe zieht einen Haufen Maßnahmen nach sich, die eigentlich kein Mensch braucht, und gegen Wildschweine kommen wir noch weniger an. In größeren Naturschutzgebieten, von denen wir nicht ohne Grund ein paar haben, gilt das noch verstärkt. Die Annahme, dass das Wiederansiedeln der Tiere unterm Strich weniger kostet als der Status Quo, ist nicht ganz abwegig.

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  2. gnaddrig sagt:

    Das kann schon sein, ich bin da ja auch kein Fachmann. Mir geht es v.a. darum, dass die meisten das nicht wissen und nur die sehr emotionalisierten Aussagen beteiligter Parteien sehen, und damit wird das zu einer gefühlsgetriebenen, alarmlastigen Angelegenheit.

    Einerseits: „Ohne den Wolf hängt das Ökosystem schief. Wolf muss, ist ganz superwichtig!“ Andererseits: „Wölfe reißen dauernd Schafe, sind schlau genug, auch aufwändige Schutzzäune zu überwinden, wann sind Kinder dran!?“ Die möglichen Gefahren, die wiederangesiedelte Wölfe mit sich bringen, genau wie die Probleme, die die Wolflosigkeit verursacht, kennt ja niemand, der nicht mit Forstwirtschaft zu tun hat. Und da kommt es dann zu dieser panik- und gefühlsgetriebenen Nichtdiskussion, die niemandem was bringt und u.U. teure Maßnahmen (aus Rücksicht auf die u.U. fehlgeleitete öffentliche Meinung) verursacht.

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  3. Yadgar sagt:

    Also, meine beiden Brutalsatire-Alter Egos, der Neoliberale Ellenbogenkrieger und der Nazitroll mit Jagdschein, fänden es nicht so schlecht, wenn die Bevölkerung Deutschlands durch Fressfeinde wie den Wolf rassisch und charakterlich veredelt würde – wenn Wolfsrudel z. B. in „soziale Brennpunktviertel“ einfallen und sich hier mal einen Murat oder eine Aische, dort mal einen Kevin oder eine Schackeline vom Spielplatz holen, ist das sicherlich ein Gewinn für den STANDORT DEUTSCHLAND! Allein was durch von Wölfen gerissene Unterschichtkinder an Hartz-IV-Kosten gespart wird… schon aus bevölkerungshygienischen Gründen sollte sich jede verantwortungsbewusste Großstadtverwaltung um die Ansiedlung von Wölfen an ihrer Peripherie bemühen! Auch mit arbeitsunfähigen Alten, Drogenabhängigen, chronisch Kranken und Behinderten würden Wölfe kurzen Prozess machen und so nach vielen Jahrzehnten naturvergessener linksgrüngutmenschlicher Dekadenz und Verweichlichung den deutschen Volkskörper wieder zur Weltherrschaftstauglichkeit emporstählen! WOLF HEIL!!!

    Nein, ernsthaft: über kurz oder lang werden wir gar nicht anders können, als die Natur umfassend an unsere Bedürfnisse als Menschen anzupassen, den Planeten zu einem „Menschenraumschiff“ umzubauen. Bei bald 10… 12… 14 Milliarden Menschen, die alle nicht nur so gerade eben am Rande des Hungertodes vegetieren, sondern menschenwürdig leben wollen, werden wir uns den Erhalt ursprünglicher Wildnis nicht mehr leisten können, nirgendwo auf der Welt.

    Wir werden systematisch erforschen müssen, wieviele und welche Arten von Lebewesen unabdingbar sind, damit Menschen ihre Ernährung sichern können sowie körperlich und seelisch gesund bleiben – und nach diesen Maßgaben dann abgeschlossene künstliche Ökosysteme schaffen, gestützt durch Nano- und Gentechnologie, umfassend elektronisch überwacht. Anfangen werden wir damit wohl in Orbitalhabitaten außerhalb der Erde sowie auf den nach und nach von uns besiedelten terrestrischen Planeten, Monden und Asteroiden im Sonnensystem, später dann auch auf der Erde selbst, bis der ganze Planet ein großer menschenfreundlicher Park mit kontrolliertem Wetter und gebändigter Plattentektonik geworden ist.

    Wölfe wird es dort nicht mehr geben müssen… und Luchse hoffentlich als domestizierte Kulturform, gerne auch mittels Bioelektronik zu menschenähnlicher Intelligenz aufgerüstet!

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  4. Achim sagt:

    Oh da gibt es jetzt mehreres zu sagen…

    1. Katzen. Ein Freund fragte mich mal, warum ich nicht „auf Twitter“ sei. Antwort: 1. Sowieso. 2. Erst wenn es dort einen funktionierenden Katzen-Content-Filter gibt. Er selber versaut nämlich anderen die Timeline mit dem Zeug, eigenem und regetweetetem. Alan Weisman geht in „Die Welt ohne uns“ unter anderem auf Katzen ein. Die Grundannahme des Buches ist sozusagen die grüne Wolke, mit dem Unterschied, dass die Menschen nicht versteinern, sondern einfach weg sind. Er ist der Ansicht, dass die nordamerikanische Katzenpopulation jetzt schon den dortigen Singvogelbestand an die Grenze des Zusammenbruchs gebracht hat. Wenn dann mangels Mensch das Dosenfutter wegfällt, muss die süße Meute sich anders ernähren, und das war’s dann mit den Piepmätzen.

    2. Wölfe: Wildverbiss – da gehe ich mit. Aber dass wir Schafzüchtern die Schäden durch Wölfe erstatten, nur damit die Wölfe sich irgendwann mal bequemen, die viel schwieriger zu jagenden Rehe zu dezimieren, scheint mir auch nicht durchdacht. Von nennenswertem Rückgang von Schalwild in Gegenden, wo sich Wölfe wieder ansiedeln, habe ich jedenfalls noch nichts gelesen. Wölfe und Wildschweine: Deren Vermehrung ist nicht durch das Aussterben der Wölfe induziert (welcher Wolf, der seine fünf Sinne halbwegs beieinander hat, legt sich – selbst im Rudel – mit einer Wildschweinrotte an?), sondern durch den reichgedeckten Tisch in den Städten. In Berlin gibt es menschliche Pappnasen, die die Wildschweine im Grunewald auch noch füttern, und den Förstern, die ihnen das verbieten wollen, Gewalt androhen.

    3. Insgesamt hat gnaddrig natürlich recht: „Natur“ gibt es kaum noch auf dem Globus.

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  5. gnaddrig sagt:

    Die Australier machen übrigens Ernst mit dem Katzentöten: Australia Is Deadly Serious About Killing Millions of Cats.

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