Bahnfahrt mit Godot

Ich warte auf meinen Zug. Auf dem Bahnsteig sitzen zwei und reden. Der eine ein stämmiger Mann vielleicht Ende 50. Bedächtige Bewegungen, unauffällige Kleidung, kurze graue Haare, unauffälliger Bariton. Der andere deutlich jünger, vielleicht Mitte 40. Dünn, eher ungepflegte Erscheinung, nervöser Auftritt, weinerlicher Tenor.

Sie unterhalten sich über Fahrkartenkontrollen, Zugverbindungen und Fahrpläne, wer welchen Zug fährt, welche technischen und menschlichen Herausforderungen die dabei zu meistern haben. Der Tenor redet am meisten, der Bariton hört mehr zu.

Der Zug kommt, heute fast leer, die Pendlergemeinde steigt ein. Die beiden landen in der Sitzgruppe neben meiner. Erstmal müssen sie ihre Rucksäcke verstauen, interessanterweise nicht dort, wo sie sitzen, sondern im Gepäcknetz in einem anderen Viererabteil. Der Tenor investiert viel Überlegung in die Unterbringung und erläutert dem Bariton seine Gedankengänge ausgiebig, einschließlich Hinweisen, welche Missgeschicke bei solchen Gelegenheiten vorgekommen seien. Der eine habe seinen Rucksack verloren, einem anderen sei der Rucksack gestohlen worden. Der eine habe seine Sachen zum Glück wiedergekriegt, der andere leider nicht. Man müsse aber sowieso ein Auge drauf werfen.

Mittlerweile fahren wir und die beiden kommen langsam zum Zweck ihrer Fahrt – der Tenor weist den Bariton in die Durchführung der beliebten Fahrgastbefragungen ein. Er gibt sich merklich viel Mühe, alles möglichst gut zu erklären. Erstmal machen sie einen Probelauf mit dem Fahrgast, der ihnen am nächsten sitzt. Bariton geht den Fragebogen durch, verhaspelt sich, kennt die vom Fahrgast vorgezeigte Fahrkarte nicht und kann sie dementsprechend nicht richtig auf dem Fragebogen erfassen.

Er kämpft sich tapfer durch den Rest des Fragebogens, dann machen sie Manöverkritik. Dabei verbeißen sie sich ziemlich sofort in die Fahrkartenfrage. Es gibt ja nun Einzelfahrkarten und Zeitkarten, beide von der Bahn und von Verkehrsverbünden. Dauerkarten von Verkehrsverbünden gibt es manchmal auch als Jobtickets, dann oft unter anderem Namen. Manchmal vertreibt die Bahn Jobtickets, die mehrere Verkehrsverbünde übergreifen. Sind das jetzt DB-Karten oder gehören die unter Verkehrsverbund erfasst? Ein weites Feld, ein schwieriges Thema, fast unendlich viele Permutationen. Der befragte Fahrgast teilt hilfsbereiterweise ein paar Informationen zu den Vertriebsmodalitäten seiner speziellen Karte mit, woraufhin die beiden prompt in eine weitere zähe Diskussionsrunde gehen.

Der Tenor spricht dabei mit der Überzeugung des Fachmanns, ganz der erfahrene Durchblicker. Bei ein paar Sachen, die ich zufällig selbst weiß, liegt er mehrfach deutlich daneben, aber egal – er kontrolliert ja keine Fahrkarten, sondern macht statistische Erhebungen.

Sie versuchen dann, noch einen Fahrgast zu befragen, der muss aber am nächsten Halt aussteigen, über die Frage nach Zusteigebahnhof und Ziel kommen sie nicht hinaus. Der Mann steigt aus, und die beiden widmen sich wieder der Fahrkartenfrage.

Als es nach zehn Minuten noch keine Anzeichen gibt, dass sie mit ihrer Diskussion zu irgendeinem Schluss kommen, mache ich mir Musik in die Ohren, weil mir der weinerliche Tonfall des Tenors mittlerweile auf die Nerven geht. Einen weiteren Fahrgast haben sie nicht mehr befragt, bis ich am Endbahnhof aussteige. Das Zusammenpacken der Befragungsutensilien, das Einsammeln ihrer Rucksäcke und das Aussteigen geht übrigens ebenso umständlich vonstatten wie das Verstauen beim Einstieg. Schlussendlich schaffen sie es aber aus dem Zug, und ich höre den Tenor noch hinter mir dozieren, als ich schon den Bahnsteig verlasse.

Das ganze könnte man ohne Weiteres als Theaterstück aufführen, ein bisschen wie Samuel Becketts Warten auf Godot…

P.S.: Wochen später habe ich die beiden nochmal im Zug gesehen, da lief das schon viel routinierter. Selbst bin ich der Befragung aber entgangen.

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