Doch kein Projekt

Neulich hatte ich ja ein bisschen geträumt. Leider war das wirklich nur eine Träumerei. Ob das in echt so funktionieren könnte, irgendwo zwischen Hippiekommune und Gartenzwergspießerparadies, selbst wenn es das Grundstück gäbe und die Leute dabei wären, weiß ich natürlich nicht. Ob ich die Gelegenheit wahrnehmen würde, wenn sie sich böte, weiß ich auch nicht. Kinderlos oder mit Kleinkindern eher. Oder später, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Jetzt, in der Zeit dazwischen, müssten sie ja mit uns ihr Umfeld verlassen, und das würde ich ihnen vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung mit sowas nicht einfach zumuten wollen.

Die anderen haben sicher ihre Gründe dafür, nicht so ein Projekt auf die Beine gestellt zu haben. Insofern ist es wirklich nur eine Utopie. Und um ehrlich zu sein, es war ja abzusehen, das Leben ist kein Werbeclip.

Deshalb sitzen alle diese wundervollen Leute in dieser oft doch eher bescheidenen Wirklichkeit fest, genau wie ich. Bei manchen läuft es besser, bei anderen schlechter. Ein paar sind in Karrierestrampeleien verfangen mit den Alternativen immer volles Rohr oder rausgedrängt werden. Überstunden ohne Ende, und die Kinder erkennen den eigenen Vater kaum noch, wenn er dann doch mal zuhause aufschlägt. Ein paar hängen in irgendwelchen Sackgassen fest. Es ist alles nicht so einfach.

Kaum wer hat mal einen halben Abend Zeit. Man muss mit den Leuten Termine ein Vierteljahr im Voraus machen, damit man die überhaupt mal zu sehen bekommt, und dann sagen sie am Tag vorher ab. Oder kommen eine Stunde spät und gehen dafür eine Stunde früher, weil noch was Wichtiges und Unvorhergesehenes dazwischengekommen ist. Die Leute, die ganz in der Nähe wohnen, sehe ich mittlerweile nicht häufiger als die am anderen Ende der Welt.

Immer ist alles wichtiger, als sich mit Freunden zu treffen. Der Steuerberater, die Kirche, der Sportverein, eine Deadline – egal was es ist, es hat Vorrang. Und hinterher sitzen alle allein in ihren Wohnzimmern, sprechen wochenlang mit kaum einem Menschen außerhalb des Büros und wundern sich, dass sie ausgebrannt sind und vereinsamen.

Klar ist man morgens scheißmüde, wenn man spontan die halbe Nacht mit ein paar Freunden und zuviel Rotwein verbringt. Stunden am Fluss sitzt, Steine ins Wasser wirft und Geschichten erzählt. Aber bei solchen Gelegenheiten kommen die besten Ideen, werden die erinnernswertesten Gespräche geführt. Erinnerungen fürs Alter schaffen, wie es so schön heißt.

Das tut man nicht in Schlips und Kragen im Theater oder in einer angesagten Tränke, sondern am improvisierten Grill bei kippligem Wetter und Mückenplage. Bei Feuerzangenbowle am offenen Feuer im tiefen Winter am Baggersee. Bei warmem Bier auf einer abgelegenen Burgruine im Elsass mit weitem Blick über bewaldete Hügel. In der zugigen Schutzhütte, in die man sich bei plötzlichem Wolkenbruch gerade noch gerettet hat. Bei der notgedrungenen Übernachtung im verreckten Auto am Rand einer Huckelpiste zwischen Nirgendwo und dem Ende der Welt, nach einer Tüte Kartoffelchips, einer Tafel Schokolade und einer halben Flasche Fanta zum Abendbrot.

Nicht dass diese Erlebnisse immer toll sind oder Spaß machen – man verklärt sie erst in der Erinnerung, oft genug über Gebühr. Manches, an das ich jetzt gern zurückdenke, war seinerzeit überhaupt nicht lustig. Aber es hebt sich von den „normalen“ Erlebnissen ab und ist deshalb etwas Besonderes und Erinnernswertes, gerade wenn man widrige Situationen durchgestanden hat.

Pauschalreisen (und vergleichbare Alltagsgestaltung) mögen niederschwelliger, sicherer und planbarer sein. Man bezahlt die hohe Erfolgswahrscheinlichkeit aber mit einem gewissen Risiko von Langeweile und Verwechselbarkeit. Unkonventionelle, aus Notlagen entstandene oder einfach drauflosimprovisierte Erlebnisse haben ein höheres Fehlschlagsrisiko, aber eben auch mehr Potenzial, richtig einzigartig und toll zu werden. Und manchmal können sogar grandiose Fehlschläge im Lauf der Zeit zu Legenden werden. Ich will meine jedenfalls nicht missen…


9 Kommentare on “Doch kein Projekt”

  1. Yadgar sagt:

    Ja, ich habe auch seit Jahren so einen Projekttraum: den ORGELPALAST. Ein Welt-Heimorgelmuseum, das sämtliche Modelle elektronischer Orgeln beherbergt, die seit der Hammond A von 1935 auf den Markt gekommen sind; mit angeschlossenem Konzert- und Musikschulbetrieb sowie einem musikwissenschaftlichen Forschungsinstitut, das sich ausschließlich der elektronischen Orgel sowie der auf ihr gespielten und für sie komponierten Musik widmet. Mehr dazu hier: http://www.assoziations-blaster.de/blast/Orgelpalast.1.html

    Aber dieser ORGELPALAST wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie gebaut werden – denn erstens ist, jedenfalls laut http://www.analogorgel.de, die Heimorgelkultur der 1970er und 1980er Jahre heute nur noch ein blasser Schatten ihrer selbst, ein Hobby für Rentner, mit dem schon meine Altersgenossen nicht mehr viel anfangen können, geschweige denn jüngere Leute… und zweitens ist das hier Deutschland, das Nörgel-, Motz-, Mecker- und Miesmacherland! Es ist sicherlich kein Zufall, dass keines der großen IT-Projekte der letzten 25 Jahre, ob das nun die Wikipedia ist, Linux oder POV-Ray, seinen Ursprung hierzulande hat… und dass auch sonst alle einigermaßen ambitionierten technologischen Vorhaben, ob das jetzt der Transrapid war oder der Cargolifter, mit Gebrüll in die Hose gegangen sind… der durchschnittliche BRD-Insasse kuschelt sich stattdessen lieber in eine heimelige Kitsch-Vergangenheit zurück, bachblütenparfümiert und immer mit Fahrradhelm…

    Ich werde besagten Assoziationsblaster-Text wohl auch auf Englisch veröffentlichen, vielleicht ist man ja anderwo weniger borniert…

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  2. Lieber gnaddrig,
    gib um Gottes Willen das Träumen nicht auf! Das Leben ist kein Werbeclip, zum Glück. Und die erinnernswerten Momente sind genau die, die Du beschreibst.
    Woran liegt es, dass wir diese Momente heute nur noch im Rückblick verklären, aber immer weniger bereit sind, uns auf solche Dinger einzulassen? Sind wir zu alt und zu sicherheitsbedürftig geworden? Nein! Oder vielleicht ein wenig, ok. Aber wenn wir wollen, sind wir durchaus in der Lage, solche gewagten Utopien weiter zu spinnen und eine günstige Situation dazu zu nutzen, es zu riskieren.
    Was ist denn, wenn bei Dir um die Ecke überraschend irgendwas angeboten wird, mit dem sich der Traum bauen lässt? Vielleicht nicht genau so, wie man es sich ausgedacht hat. Aber hey, nichts im Leben läuft genau nach Plan! Dann halt anders, aber es geht.
    Anstatt uns die tausend Argumente zusammen zu zimmern, warum irgendwas sowieso nicht geht, sollten wir uns auf die Sachen fokussieren, die möglich sind, und dann geht auch was.

    Du weißt, alle technischen Analysen ergeben, dass Hummeln nicht fliegen können.
    Alle sagen, dass irgendwas garantiert nicht geht. Und dann kommt einer und ,macht es einfach!

    Du sprichst mir mit vielem, was Du schreibst, echt aus der Seele – außer in der Sache mit dem „Das geht sowieso nicht, war nur so ne Spinnerei.“ Das stimmt so nicht.

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  3. gnaddrig sagt:

    @ Yadgar: Das Orgelmuseum klingt nicht schlecht. Ich bin nun kein Fan der Hammond-Orgel (auch wenn der Sound in manchen Stellen unverzichtbar ist), aber so ein Heimorgeltempel hätte durchaus was. Aber wenn das in Deutschland nicht gebaut wird, liegt das nicht an deutscher Miesmacherei, sondern am Perfektionismus – es müsste die vollständigste Heimorgelsammlung der Welt sein, und die kriegt hier keiner zusammen, also lassen wir es gleich…

    @ Manfred Nachtsheim: Also, ein „geht sowieso nicht, war nur so’ne Spinnerei“ war eigentlich gar nicht gemeint. Aber träumerische Höhenflüge werden ja leider wirklich nur sehr selten wahr, da muss man realistisch sein. Da muss zu viel zusammenkommen, und das ist zwar nicht grundsätzlich unmöglich, aber eben auch nicht wirklich wahrscheinlich. Und man müsste im richtigen Moment den Absprung wagen, und davor schrecken viele dann doch zurück. Allermeistens gibt man sich ja mit viel weniger zufrieden als man sich so erträumt, und das kann immer noch schön genug sein. Aber das Träumen lasse ich deswegen noch lange nicht sein, das wäre ja noch schöner!

    Ob die schräg-interessanten Erlebnisse weniger werden? Vielleicht, die meisten werden mit dem Alter ja nicht unbedingt wilder, und manches probiert man nicht mehr aus, weil man – anders als vor Jahren – die möglichenFolgen nur zu gut absehen kann und das – wieder anders als früher – auch tut. Oder man sieht erst in ein paar Jahren, was man jetzt so an erinnerungswürdigen und verklärungstauglichen Erlebnissen absolviert.

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  4. Yadgar sagt:

    @gnaddrig:
    „Aber wenn das in Deutschland nicht gebaut wird, liegt das nicht an deutscher Miesmacherei, sondern am Perfektionismus – es müsste die vollständigste Heimorgelsammlung der Welt sein, und die kriegt hier keiner zusammen, also lassen wir es gleich…“

    Na ja, als Standorte für den ORGELPALAST habe ich ja auch Osaka oder Hamamatsu vorgeschlagen – und die Japaner, die kriegen das hin, verlass dich drauf! Japan ist übrigens zur Zeit so ziemlich das einzige Land auf der Welt, in dem die elektronische Orgel nach wie vor populär ist – ständig finden dort Konzerte und Wettbewerbe statt, und man sieht dort sogar vor allem junge Leute an den Tasten! Was ja auch kein Wunder ist – nirgendwo auf der Welt sind in den letzten 50 Jahren mehr elektronische Orgeln produziert worden als in Japan, und in meinen eBay-Monatsstatistiken (nur für Deutschland) ist Yamaha regelmäßig bei weitem die führende Marke (ich habe auch mal eine Yamaha Electone C-55N besessen, neige an sich aber mehr zu Matsushita-Technics, weil noch eine Idee innovativer und haltbarer… dafür ist mein Synthesizer ein Yamaha, nämlich ein SY-55!) Dumm ist nur, dass Japanisch nicht zu den Sprachen gehört, mit denen ich mich bis jetzt nennenswert beschäftigt habe…

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Wunderschöner Text. Ging mir nahe…

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  6. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂

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  7. kiddothekid sagt:

    Wir waren vorigen Sommer mit dem Bulli auf der Rückfahrt von Kroatien, haben uns derbe mit der Zeit verschätzt, den geplanten Zwischenstopp nicht erreicht und bei strömendem Regen vor einem gruseligen niederbayerischen Hof notgeparkt. Ale endlich alle hinten im Bus lagen und ich gerade halb eingenickt war, sprang der Mann plötzlich hektisch auf und begann das Gepäck zu durchwühlen. Mit einer Packung Tempo sprang er in den Regen – er dachte er bekäme Durchfall (was zum Glück nicht so war). Eine Nacht des Grauens, aber mittlerweile lachen wir uns wirklich darüber kaputt. So bizarr war das.

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  8. gnaddrig sagt:

    Genau an solche Sachen hatte ich gedacht 🙂

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  9. kiddothekid sagt:

    Das beste (schlimmste) während der ganzen Aktion war dann noch, als ich den Mann draußen fluchend im Gebüsch herumpoltern hörte, dass ich sofort dachte: Oh Gott, ich habe das gleiche gegessen wie der! Die Leberkässemmel an der Raststätte! Ich werde gleich die Nächste sein!

    Momente des Horrors im bayerischen Unterholz.

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In den Wald hineinrufen

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