Schlürfen und nippen

Gelegentlich lese ich in Zeitungen Artikel, die von irgendwelchen bestimmten Milieus handeln oder wo solche Milieus zumindest gestreift werden. Als Journalist soll oder will man sich mit dem Objekt der Berichterstattung nicht gemein machen, sondern professionelle Distanz wahren. Außerdem will man – unterstelle ich – nach Möglichkeit als weltläufig, erfahren, abgeklärt gelten, schreibt deshalb oft schwungvoll, ein bisschen witzig, ein bisschen ironisch und jedenfalls über den Dingen stehend.

Im Rahmen solcher Berichterstattung wird gern beschrieben, was die Leute so tun. Und dabei kommt dann gelegentlich auch die Rede darauf, was für Getränke die beschriebenen Leute so zu sich nehmen und wie sie das tun. Die trinken dann nicht etwa das, was sie trinken, weit gefehlt. Sobald es auch nur ein winziges bisschen um Dinge wie Lebensart oder bessere Kreise geht, sind statt trinken dann andere Vokabeln dran.

Die Schönen, Reichen, Wichtigen und ihre Nachahmer und Bewunderer trinken nämlich keinen Kaffee, nein, sie „schlürfen Cappuccino“, gern auch „ganz entspannt“. Zur rechten Tageszeit oder Gelegenheit schlürfen sie auch Schampus, oder sie nippen am guten handgebrannten Gin oder an einem für normale Sterbliche nicht erschwinglichen Edel-Bourbon aus Kentucky (die Marke habe ich vergessen, und den betreffenden Artikel finde ich nicht mehr). Cocktails sind auch beliebt, wenn man an denen nicht niedlich nippen will, kann man sie auch schön schlürfen.

Bei diesen beiden Vokabeln schüttelt es mich immer, weil es manieriertes Gespreize ist, das nicht einmal besonders viel aussagt.

P.S.: Ein Geheimtip ist übrigens der Slogan Schlemmen, Schlummern, Schampus schlürfen, damit wird gelegentlich für, hm, gastronomische Erlebnisse geworben.

P.P.S.: Der hier erwähnte Gebrauch von schlürfen und nippen kommt übrigens aus demselben Werkzeugkasten wie die pfiffige Falschverwendung bestimmter Adjektive. Außerdem kommen wir hier in gefährliche Nähe zu ebenfalls mit humorig-journalistischem Touch geschriebenen Kochrezepten in Magazinen, im Feuilleton und manchen Kochbüchern. Schauderhaft.


8 Kommentare on “Schlürfen und nippen”

  1. Uschi sagt:

    Aber bei „Schampus schlürfen “ stört mich die Schreibweise für Champagner noch viel mehr als das Verb.

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  2. gnaddrig sagt:

    Wenn man’s schlürft, ist es Schampus, sonst Champagner…

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  3. Uschi sagt:

    Achso… 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Insiderwissen 😉

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  5. Aus dem Cappuccino wird dabei auch gerne ein „Cappu“ oder ein „Käffchen“ und genippt wird selten am Glas sondern am „Gläschen“, zumindest, wenn es Alkoholika enthält.

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  6. Yadgar sagt:

    @Tanja im Norden

    Darauf: Stößchen! (mit dem sachertortebekleckerten Yorkshire-Terrier in der Armbeuge, trutsch, trutsch…)

    Also, wenn irgendwo garantiert nicht bloß geschlürft, geschweige denn genippt (wie dekadent ist das denn?) wird, dann sind das Metal-Festivals… vor allem solche, auf denen Viking Metal, Pagan Metal oder Folk Metal gespielt wird – da ist dann nur noch SAUFEN (vorzugsweise Met) angesagt, genauer SAUFÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖN (*gröl* *dresch* *knüppel, Double-Bassdrum mit 300 bpm*), langhaarig, langbärtig und von Kopf bis Fuß eingeschlammt, so muss das sein!

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  7. gnaddrig sagt:

    Oh ja, und wenn darüber geschrieben wird, haben viele nicht das richtige Register greifbar und klingen dann so wie die Party-Unterhaltungs-Band, die beim Abi-Ball auf Publikumswunsch „irgendwelchen Metal“ spielen soll…

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