Geschichte vom Räuber

Eine der Gutenachtgeschichten, die ich meinen Kindern früher improvisiert und in vielen Wiederholungen ausgesponnen habe, ist die Geschichte vom Räuber. Die will ich jetzt mal aufschreiben, solange ich sie noch weiß. Also.

Es gab da einen großen, dichten Wald. Durch diesen Wald führte eine Straße, wo immer wieder Reisende langkamen. Nicht weil sie so gern durch den Wald fuhren (zu der Zeit war das noch gefährlich), sondern weil der Weg um den Wald herum viel weiter war. Wenn man sich beeilte, schaffte man den Wald an einem Tag. Für den Weg am Wald vorbei brauchte man mindestens drei Tage. Darum fuhren, ritten oder liefen trotz Räubergefahr viele Reisende durch den Wald.

In dem Wald lebte ein Räuber. Der hatte eine geheime Hütte abseits der Straße. Die war in einem dichten Gebüsch versteckt, damit sie niemand finden konnte. Vom normalen Wald führte nur ein schmaler, gewundener Weg durch das Unterholz zur Hütte, der war aber kaum zu sehen, und dort kam sowieso niemand vorbei.

Zur Arbeit ging er jeden Tag an die Straße. Dort kletterte er auf einen Baum direkt an der Straße und setzte sich auf einen Ast, der über die Straße ragte. Wenn eine Kutsche kam, sprang er vom Ast auf den Kutschbock, hielt dem Kutscher und den Fahrgästen seine Pistole vor die Nasen und raubte sie aus. Dann erschreckte er die Pferde durch einen Pistolenschuss, und während die Pferde durchgingen, verschwand er ungesehen im Unterholz.

In der Gegend wussten natürlich alle, dass in dem Wald ein Räuber sein Unwesen trieb, aber niemand traute sich, etwas zu unternehmen. Man wusste ja nicht, mit wem man es zu tun hatte oder ob da vielleicht eine ganze Bande im Wald hockte. Die Leute von der einen Seite des Waldes sagten, die auf der anderen Seite sollten was tun. Die Leute auf der anderen Seite fanden, dass es genau andersherum sein sollte. Und weil der Räuber es nie allzuschlimm trieb (er ließ den Leuten immer genug zu essen und etwas Geld für die Weiterreise, und die Pferde nahm er ihnen auch nie weg), war es niemandem wichtig genug, wirklich etwas zu unternehmen. Es lief also ganz gut für den Räuber. Er wurde nicht wirklich reich, aber er kam gut durch und hatte es insgesamt einigermaßen behaglich.

Mit der Zeit fand er es aber ziemlich unbequem auf seinem Ast. Da musste er ja stundenlang sitzen und warten, bis wieder jemand kam. Der Ast war zwar dick, aber eben kein Sessel, nicht mal ein Stuhl. Und er kriegte Wind, Sonne, Regen, alles ab, und das war nicht so schön. Und anlehnen konnte er sich auch nirgends, nicht einmal richtig festhalten. Einmal war er beim Warten eingenickt und wäre fast vom Baum gefallen. Deshalb baute er sich irgendwann ein Baumhaus dorthin, ungefähr so groß wie einen Küchentisch. Einen Fußboden aus dicken Brettern, ein Dach, drei Wände. Nach der dritten Seite, wo die meisten Reisenden herkamen, ließ er das Baumhaus offen.

Da saß er dann unter seinem Dach auf einer kleinen Bank und wartete auf Reisende zum Ausrauben. Das war viel weniger unbequem als vorher, vor allem Sonne und Regen blieben ihm jetzt erspart. Aber es war mit der Zeit trotzdem noch recht unbequem – sein Dolch und seine Pistole, die er im Gürtel trug, drückten, wenn er so auf seiner niedrigen Bank saß. Darum schraubte er einen soliden Haken an die Wand, wo er dann Dolch und Pistole dranhängte. Wenn eine Kutsche kam, griff er beide, sprang wie früher auf den Kutschbock und hatte die Waffen dann gleich in der Hand – sonst hätte er sie im Sprung ziehen müssen, es war so also räubertechnisch noch besser.

Das ging eine Weile lang ziemlich gut. Aber einmal, als eine Kutsche kam, stolperte er beim Aufstehen, griff daneben und blieb mit dem Hosenträger an dem Haken hängen. Statt dass er auf dem Kutschbock landete, baumelte er direkt vor der Nase des Kutschers. Dolch und Pistole hingen oben am Haken und die Knöpfe des Hosenträgers gingen einfach nicht auf.

Nach dem ersten Schreck war der Kutscher vor allem verwundert über den auf und ab schaukelnden Waldschrat: Was bist denn Du für einer?

Der Räuber war ziemlich verlegen: Also, ähm, ja, wissen Sie, ich bin ein Räuber. Mir ist da ein kleines Missgeschick passiert, darum hänge ich jetzt hier so blöd fest. Könnten Sie mich vielleicht, äh, oben losmachen?

Kutscher: So, ein Räuber? Und ich soll Dich losmachen?

Räuber: Ähm, ja, wenn’s keine Umstände macht. Das ist mir jetzt sehr unangenehm.

K: Das sollte es auch. Ok, aber keine krummen Touren, wenn ich Dich losmache, ok?

R: Nein, natürlich nicht, würde ich nie machen, ehrlich jetzt!

Der Kutscher stieg über das Dach der Kutsche in das Baumhaus, sammelte die Waffen des Räubers ein und schnitt den Hosenträger vom Haken. Der Räuber plumpste auf den Kutschbock, der Kutscher sprang hinterher und war ratlos: So, was machen wir denn jetzt mit Dir? Mitnehmen geht nicht, wir sind voll. Hierlassen ist auch nicht, dann raubst Du ja gleich die nächsten Reisenden aus. Hmm… sag mal, warum bist Du eigentlich Räuber? Du siehst eigentlich ganz nett aus, da ist Räuber doch sicher nicht der richtige Beruf?

R: Naja, eigentlich wollte ich auf der einen Seite des Waldes wohnen, aber da gab es nichts zu tun für mich, und die auf der anderen Seite wollten mich nicht, die haben mich verjagt. Und weil ich sonst nichts wusste, bin ich hier im Wald gelandet. Zuerst habe ich welchen was geklaut, wenn sie im Wald übernachten mussten, und dann habe ich nach und nach angefangen zu räubern.

K: Das ist ja nicht so toll, da muss es doch was anderes geben? … Sag mal, hast Du das Baumhaus da oben selbst gebaut?

R: Ja, sonst war es so ungemütlich und nasskalt da oben.

K: Also, das sieht ziemlich gut aus, vielleicht könntest Du da was draus machen. Nicht aus dem Baumhaus, sondern aus dem Know-How. Du könntest Tischler werden oder so, was meinst Du?

Sie unterhalten sich eine Weile, der Räuber ist erst skeptisch, aber der Kutscher redet ihm zu, es zu versuchen. Nicht gleich am Waldrand natürlich, wo sie ihn vielleicht erkennen würden, sondern weiter weg. Die Straße geht ja viel weiter in die Welt.

Der Räuber war nicht recht überzeugt, aber der Kutscher überredet ihn: Mach das, ich bin sicher Du kannst das. Erstens hast Du dann eine Chance, ein guter Tischler zu werden – ich glaube, Du kannst das wirklich – und zweitens muss ich Dich dann nicht in die Stadt mitnehmen und beim Magistrat abgeben. Was dort mit Dir passiert, kannst Du Dir vorstellen…

Er lässt sich überzeugen, geht seine Sachen packen und macht sich auf in die Welt. Der Kutscher beruhigt seine Fahrgäste („Ach nix, da hat nur wer nach dem Weg gefragt.“) und fährt weiter.

** * **

Der Räuber geht auf Schleichwegen aus dem Wald und findet ein paar Tagesmärsche weiter einen Tischler, der ihn als Lehrling nimmt. Als er ausgelernt hat, geht er auf Wanderschaft, wie es sich gehört, sieht einen großen Teil der Welt und macht alle möglichen verschiedenen Dinge – er baut Möbel und Wagen, arbeitet an einem Kirchendach mit, anderswo hilft er eine Brücke zu bauen.

Nach ein paar Jahren hat er ein bisschen Geld zusammengespart und keine Lust mehr, immer unterwegs zu sein. Mittlerweile, denkt er sich, haben die Leute um den Wald mich bestimmt vergessen. Vielleicht könnte ich ein paar Wochen in meiner alten Hütte Pause machen. Er wandert also in seinen alten Wald. Sein Räuberbaumhaus ist noch dort, allerdings haben sich dort eine Eule und ein paar Eichhörnchen eingenistet, und er braucht es jetzt ja sowieso nicht mehr. Am Wegrand neben seinem Baum ist jetzt eine lichte Stelle, da machen Reisende anscheinend oft Pause. Klar, wo jetzt kein Räuber im Wald ist, muss man nicht unbedingt an einem Tag durch, sondern kann sich eine Pause erlauben oder sogar übernachten. Man muss nur ein bisschen auf Wildschweine aufpassen.

Seine Hütte steht auch noch. Die hat niemand gefunden, weil sie so gut im Unterholz versteckt war. Er macht ein bisschen sauber, sucht Brennholz, holt Wasser und richtet sich wieder ein, bevor es dunkel wird. Vorn an der Straße hört er eine Kutsche. Kurz bevor sie an der Lichtung angekommen ist, knackst es, und der Kutscher flucht laut und hingebungsvoll. Die Stimme kenne ich doch, denkt sich der Räuber und geht an die Straße.

Und tatsächlich, da steht sein alter Freund, der Kutscher, und schimpft wie ein Rohrspatz, weil seine Kutsche jetzt nur drei Räder und einen Strauß Brennholz hat.

R: Moin Kutscher! Brauchste Hilfe?

K: Ja hei, der Räuber. Was machst Du denn hier?

R: Och, ich bin ja jetzt Tischler, bin viel rumgezogen, aber nach ein paar Jahren hatte ich keinen Nerv mehr auf Wanderschaft. Bin vorhin erst hier angekommen. Wollte ein bisschen Urlaub machen und mir überlegen, was ich weiter mache. Und Du?

K: Siehst ja, gleiche Geschichte wie immer. Nur ist die Straße völlig ausgefahren, weil hier viel mehr Leute durchkommen, seit nicht mehr geräubert wird. Und weil die Straße so mies ist, hat’s mir jetzt das Rad zerlegt. Keine Ahnung, wie ich das flicken soll.

R: Och, da kann ich vielleicht was machen. Bin ja nicht umsonst Tischler geworden, mit Erfahrung im Möbel- und Wagenbau. Da werde ich Deine Karre auch wieder flott kriegen.

Die Fahrgäste steigen aus, bauen ein Lagerfeuer. Der Kutscher kocht was (mit viel Knoblauch, wie der Hotzenplotz). Der Räuber macht sich an die Reparatur des Rades. Später unterhalten sie sich. Der Kutscher meint, er hat eigentlich auch keinen Nerv mehr auf die ewige Fahrerei. Ständig motzen die Fahrgäste oder wollen ganz woanders hin oder doch nicht, dann kommt immer zuviel Post und Ladung, und für die Pferde ist zuwenig Futter undsoweiter. Eigentlich würde er sich gern irgendwo niederlassen.

R: Sachma, hier machen doch jetzt viele Pause, oder? Das wäre doch die ideale Stelle für ein Gasthaus, oder? Direkt an der Straße. Wasser gibts im Bach da hinten, man könnte auch einen Brunnen graben. Brennholz liefert der Wald, kann man sogar verkohlen wenn man will. Kochen kannst Du ja. Ich bau das Haus und nebendran eine Werkstatt, dann können die Leute hier absteigen, essen, übernachten, kaputte Kutschen repariert kriegen. Vielleicht finden wir noch einen Schmied, der kann dann verlorene Hufeisen ersetzen.

K: Also, Schmied brauchen wir nicht. Das mache ich, ich war nämlich Hufschmied, bevor ich auf den Kutschbock gestiegen bin.

R: Na bestens, wie sieht’s also aus, machste mit?

Sie einigen sich, machen einen Plan: Sie schmeißen ihre Ersparnisse zusammen. Der Kutscher macht seine Fuhre zuende, dann kommt er zurück und bringt das nötige Material mit – Glas für die Fenster, Geschirr, Kochtöpfe und so für das Gasthaus, jedenfalls genug für den Anfang.

Gesagt getan. Am nächsten Morgen fährt der Kutscher ab, und der Räuber beginnt, Holz für die Häuser zuzurichten. Nach ein paar Wochen kommt der Kutscher zurück und sie bauen erst das Gasthaus, dann die Werkstatt, und auf der anderen Seite die Schmiede.

Es spricht sich schnell herum, dass man jetzt im Wald gepflegt essen und übernachten kann, Kutschen repariert kriegt und dass außerdem die Straße an den schlimmsten Stellen geflickt wird. Mehr Leute fahren jetzt durch den Wald, weil der Umweg sich nicht mehr lohnt. Räuber und Kutscher haben alle Hände voll zu tun, wahrscheinlich steht an der Stelle jetzt eine Stadt, und wenn sie nicht gestorben sind…

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2 Kommentare on “Geschichte vom Räuber”

  1. Achim sagt:

    Sehr schön. Nur kommt irgendwann ein Doofmeier auf die Idee, die Straße anständig zu flicken. Dann kann man schneller fahren, braucht keine Pause mehr und es geht auch nix mehr an den Kutschen kaputt. In ein paar Jahren schauen die beiden also blöd aus der Wäsche. (Außerdem ist der Wald weg, wegen Holzkohle für Schmiede und Gasthaus.)
    Ich weiß, Spaßbremse…

    Gefällt 1 Person

  2. gnaddrig sagt:

    Sowieso…

    Liken


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