Lücken

Ich finde es irritierend, wenn ich Wörter nicht kenne. Nicht irgendwelche ausgefallenen Sonderlocken, sondern eher normale Wörter, Alltagskram. Klar kann man nicht alle Wörter einer Sprache kennen, nicht einmal der eigenen Muttersprache, sogar abseits von Fachsprachlichem. Aber trotzdem, es wurmt.

Hier das, ahem, Tagebuch einer lexikalischen Irritation, mit nützlichen Anmerkungen versehen:

Gestern: Vorhin habe ich mir den Finger an dem Ding verletzt, das Türen zuhält. Aber wie heißt das? Die Klinke ist es nicht, das ist ja der Griff, mit dem man die Tür öffnet oder schließt. Es ist dieser an einer Seite angeschrägte Riegel, der die Tür zuhält und der im Türblatt verschwindet, wenn man die Klinke herunterdrückt oder die Tür zufallen lässt. Wie heißt das blöde Ding? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich es eigentlich weiß und nur grad nicht auf das Wort komme, oder ob ich das Wort jemals gewusst habe.

Morgen werde ich recherchieren. Dann wird mir das Wort begegnen, und ich werde wissen, ob ich es eigentlich schon kenne oder nicht. Im ersten Fall werde ich irgendwas zwischen baff und muff sein. Baff, weil ich nicht wusste, dass ich es schon kannte, und muff, weil ich es schon kannte, aber nicht mehr drauf kam. Im zweiten Fall werde ich zufrieden und muff sein. Zufrieden, weil ich es nicht vergessen hatte und weil ich jetzt ein neues Wort kenne, und muff, weil ich es eigentlich schon früher hätte kennen können/sollen/wollen.

Heute: Das Ding, das ich meine, heißt Schlossfalle. Ich hatte das Wort schon gehört, wusste aber nicht, was es bedeutet. Soweit ich mich erinnern kann ist mir nie aufgefallen wäre, dass ich das Wort gehört hatte, aber seine Bedeutung nicht kannte. Grumpf. Jetzt muss ich nur eine Gelegenheit finden, das Wort Schlossfalle beiläufig in eine Unterhaltung einzuflechten, so als Wortschatzriese, der ich bin…

P.S.: Den Umfang des eigenen Wortschatzes solide zu messen ist nicht unproblematisch. Es gibt aber eine einfache, aber zeitaufwändige Methode, wenigstens die ungefähre Größe des eigenen aktiven und passiven allgemeinsprachlichen Wortschatzes schätzungsweise zu ermitteln.

Man nehme ein möglichst umfassendes allgemeinsprachliches Wörterbuch der betreffenden Sprache, in unserem Fall z.B. den Duden, und wähle nach dem Zufallsprinzip eine vorher festgelegte Zahl von Seiten aus, die halbwegs gleichmäßig über das ganze Wörterbuch verteilt sein sollten. Je genauer man es wissen will, desto mehr Seiten nehme man, unter 10 lohnt es sich nicht, nach oben wird es durch den Aufwand begrenzt, den zu treiben man bereit ist. 20 oder 50 sind noch machbar, 100 ist schon arg ehrgeizig, das ist was für lange Regenwochenenden.

Dann lese man die Einträge der ausgewählten Seiten und führe eine Strichliste mit vier Spalten: 1. Kenne ich gar nicht, 2. Schonmal gehört/gelesen, weiß aber nicht was es bedeutet, 3. Weiß, was es bedeutet, benutze es aber selbst nicht, und 4. Kenne ich und benutze es selbst auch.

Die Zahl der Striche in den einzelnen Spalten rechnet man dann von der Zahl der untersuchten Seiten auf die Gesamtzahl der Seiten im Wörterbuch hoch. Dann hat man eine Näherung des eigenen Wortschatzes für die vier Sparten.

Die Striche in der 3. Spalte spiegeln den passiven Wortschatz wider, die der 4. Spalte den aktiven. Spalte 2 bildet einen Vorstufe zum passiven Wortschatz ab, und Spalte 1 sind die unerforschten Weiten des Wortbestandes der jeweiligen Sprache. Das ist normalerweise ein sehr großer Posten, und deswegen blättere ich so gern in Wörterbüchern – da gibt es immer unerwartete, witzige oder manchmal auch nützliche Wörter zu entdecken.

 


4 Kommentare on “Lücken”

  1. gnaddrig sagt:

    Stimmt genau.

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  2. Achim sagt:

    Wortschatzvermessung klingt interessant, muss ich mal machen.

    „Dings“ hingegen ist ein Phänomen, das man nicht mehr los wird. Ich bin seit einigen Jahren leicht verstört, weil ich ein Nachlassen des Namensgedächtnisses beobachte. Und zwar an mir selbst 😦 Dagegen verblassen die üblichen Wortfindungsprobleme, die sind sozial nämlich weniger gravierend…

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  3. gnaddrig sagt:

    Klar, wie sehr etwas bestimmtes stört oder auffällt hängt auch vom Kontext ab, wie bei dem berühmten Mittel gegen Zahnschmerzen: Kräftig auf die Zunge beißen…

    Die Wortschatzschätzmethode habe ich, glaube ich, bei David Crystal gelesen, finde die Stelle jetzt aber nicht wieder. Ich habe das auch vor Jahren mal gemacht, kann mich aber nicht an das Ergebnis erinnern. Es jetzt zu wiederholen bin ich gerade zu faul.

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