Richtig lesen

Irgendwann vor meiner Einschulung habe ich angefangen, mich für Buchstaben und Zahlen zu interessieren, habe mir welche zeigen lassen und versucht, sie nachzumalen und anzuwenden. Als ich zur Schule kam, konnte ich trotzdem noch nicht lesen oder schreiben. Das offizielle Lesen- und Schreibenlernen in der 1. Klasse habe ich brav (aber, soweit ich mich erinnere, ohne viel Enthusiasmus) absolviert und die so erworbenen Fertigkeiten vor allem in der und für die Schule angewendet.

Irgendwann im Lauf der zweiten Klasse habe ich mein erstes „richtiges“ Buch gelesen, also kein in Schreibschrift gesetztes Buch für Leseanfänger, sondern ein normales Kinderbuch. Abenteuergeschichte, irgendwas mit Dschungel. Ich weiß noch, wie ich das Buch sah und dachte, wer weiß, ob sich das lohnt? Ich habe halb skeptisch zu lesen begonnen und war dann fast erstaunt, als plötzlich die letzte Seite vorbei war. Ab da las ich so ziemlich alles, was ich in die Finger kriegen konnte (davon bin ich mittlerweile wieder ab, aber damals hatte ich auch nicht Zugriff auf derart viel Text wie heute).

Aber lesen ist ja nichts, was man einfach so machen kann oder soll. Neben dem rein Technischen – also Buchstaben kennen, die daraus zusammengesetzten Wörter erkennen, die aus denen gebildeten Sätze verstehen – gehört nämlich noch mehr dazu: Zwischen den Zeilen lesen, Stilmittel und andere Kunstgriffe erkennen, so Sachen. Das ist eine hohe Kunst, die man bitteschön mit heiligem Ernst zu unternehmen hat, mit Demut im Herzen und wachem Geist.

Irgendwo ist mir während meiner Schulzeit eine Art Anleitung zum Lesen vorgekommen. Könnte in der Apothekenzeitschrift Medi & Zini gewesen sein, die wir damals immer gekriegt haben, oder in irgendwas Klugscheißerischem aus der Schule, egal. Der Text handelte davon, wie man „richtig“ liest. Weil: Einfach nur irgendwas irgendwie lesen reicht nicht, man muss das schon richtig machen, sach- und fachgerecht und handwerklich sauber.

Und wie liest man jetzt „richtig“? Es lief auf eine Mischung teils sinnvoller, teils spießig-untertanenhafter und bescheuerter Vorgaben hinaus. Ich kriege die Liste nicht mehr komplett zusammen, aber im Wesentlichen waren es wohl die folgenden Ratschläge:

  1. Keine Eselsohren in Bücher machen, weder als Lesezeichen noch zur Markierung wichtiger Stellen.
  2. Keine Unterstreichungen im Text oder Anmerkungen am Rand machen. Nicht mit Bleistift und schon gar nicht mit Füller oder Kuli.
  3. Keine Seiten aus dem Buch reißen.
  4. Büchern nicht den Rücken brechen – nicht zu weit aufklappen, nicht offen umgedreht hinlegen, sondern Lesezeichen verwenden.
  5. Immer nur ein Buch zur Zeit lesen, nicht mehrere gleichzeitig.
  6. Jedes Buch immer von der ersten bis zur letzten Seite lesen. Nicht den Schluss vorauslesen oder im Buch hin- und herspringen.
  7. Jedes Buch auch fertiglesen. Bücher nicht halbgelesen weglegen.

Nun, die Ratschläge 1 bis 3 sind zumindest für geliehene Bücher natürlich völlig richtig. Mit eigenen Büchern kann man machen, was man will, aber fehlende Seiten können Bücher schnell unbrauchbar machen.

Ich hatte anlässlich eines Krankenhausaufenthaltes (Mandelentzündung) im Vorschulalter ein Bildwörterbuch für Kinder geschenkt gekriegt. Damals, als in vielen Krankenhäusern noch Besuchszeiten üblich waren, sowas wie Montags, Mittwochs und Freitags von 15:30 bis 17 Uhr und am Wochenende etwas länger, oder so. Das Lexikon hatte mich über den Abschied von den Eltern und über die ungewohnte Einsamkeit in der fremden Umgebung hinweggetröstet, das war schon eine tolle Sache.

Als meine Schwester dann in ähnlichem Alter wegen Blinddarm ins Krankenhaus musste, kriegte sie natürlich das bewährte Trostlexikon mit, und eine etwas herrische Zimmernachbarin von ihr hat das dann in die Finger gekriegt und Bilder ausgeschnitten. Hinterher hat sich rausgestellt, dass sie zuhause praktisch keine Bücher hatte, sondern nur Kataloge als Bastelmaterial. Aber mein geliebtes Lexikon war hin. Sowas geht gar nicht, jedenfalls bei geliehenen Büchern.

Ob man bei eigenen Büchern mit Eselsohren arbeiten will und leben kann, muss man selbst entscheiden. Ich mag es nicht, geht aber auch niemanden etwas an und hat auch mit dem „richtigen“ Lesen wenig zu tun. (Vermutlich war mit „richtig lesen“ auch „richtiger Umgang mit Büchern“ mitgemeint und vielleicht sogar ausdrücklich erwähnt, das kann ich aber jetzt nicht mehr feststellen.)

Anstreichungen und Notizen gehören für mich fast zwingend dazu. Nicht jedes Buch, das ich besitze, hat sowas, aber viele. Nicht nur Fachbücher übrigens, wo beim Durcharbeiten Anmerkungen, Verweise usw. kaum vermeidbar sind, sondern auch Belletristisches. Muss einfach, finde ich. Schon um hinterher zeigen zu können, dass ich diesen Tippfehler und jenen grammatischen Lapsus gesehen hatte.

Ratschlag 4 gehört mit 1-3 zusammen und ist für geliehene Bücher grundsätzlich richtig, aber angesichts der Bauweise und buchbinderischen Qualität vieler Taschenbücher kaum machbar. Wenn man ganze Zeilen lesen will, muss man manche Bücher soweit aufklappen, dass der Rücken dann schon Knicke kriegt.

Ratschlag 5 ist purer Unsinn. Wie viele Bücher ich gleichzeitig lese, hängt von einer Reihe Dinge ab. Eins könnte auf dem Klo liegen, eines habe ich im Rucksack und lese es im Zug. Ein drittes könnte auf dem Balkon liegen, und im Sommer setze ich mich abends hin und lese da ein bisschen drin. Ich habe Bücher im Schrank, die ich seit langem immer mal ein bisschen lese. Das liegt nicht daran, dass das Buch besonders schwer zu lesen wäre (ist es nicht), sondern dass ich nicht immer in der Stimmung bin oder mich so konzentrieren mag, wie es für so ein Buch nötig ist.

Davon, dass ich mechanisch ein paar Seiten Text zeilenweise mit den Augen abtaste, habe ich nichts. Ich will das ja nicht einfach irgendwie gelesen haben, sondern es verstehen, aufnehmen, den Inhalt für mich „verwertbar“ machen. Und wenn ich müde, genervt oder einfach nur faul bin, lese ich eben eher Terry Pratchett oder irgendwelche Thriller oder (zum 1001. Mal) Asterix oder Lucky Luke oder Gaston oder Mafalda oder Calvin & Hobbes.

Und so könnte ich an allen genannten Orten sogar mehrere Bücher gleichzeitig „laufen“ haben – eines für jede wichtige Stimmungs- oder Wachheitslage. Und überhaupt, wenn ich es nicht schaffe, die verschiedenen Bücher auseinanderzuhalten und vom Lesen am Ende wenig als einen amorphen Geschichtenbrei im Kopf habe, ist das immer noch mein Problem. Oder nicht Problem – man kann sowas ja auch mögen wenn man will, und wer wäre berufen, das zu be- oder verurteilen? Der Welt, dem Bildungsbürgertum, der deutschen Literatur oder dem Guten Geist des Richtigen Lesens geht dadurch nichts verloren oder kaputt.

Ich habe auch schon Bücher an einem Urlaubsort (bei Bekannten, die wir eine Weile lang jedes Jahr für ein paar Tage besucht haben) wegen Abreise mittendrin weglegen müssen und im Jahr darauf weitergelesen und bin ohne große Probleme wieder „reingekommen“. Kann alles gehen.

Ratschlag 6 rechtfertigt eigentlich gar keinen Kommentar. Sowas ignoriert man nicht einmal. Wer warum welches Buch liest und auf welche Weise, das ist völlige Privatsache. Manche mögen die Spannung und arbeiten sich wirklich strikt von vorn nach hinten durch. Andere mögen die Spannung gerade nicht, lesen den Schluss und verfolgen dann gespannt den Weg dorthin. Noch andere springen tatsächlich im Buch hin und her und bauen sich aus den gelesenen Einblicken langsam die Geschichte zusammen. Könnte ich nicht, ist aber Geschmackssache, und ich kenne Leute, die das mit großem Genuss und Gewinn tun. Warum sollte das weniger sinnvoll oder richtig sein als stures „Vorwärtslesen“?

Und Ratschlag 7? Völlig verpeilt. Mir passiert es selten, dass ich ein Buch nicht zuendelese, schon weil ich fast immer wissen will, wie es ausgeht. Und ich habe auch schon Bücher gehabt, wo die ersten 50 oder 80 Seiten zähe Quälerei waren und es kurz vor dem Aufgeben plötzlich Fahrt aufnahm und dann doch ziemlich gut wurde, z.B. Portrait of a Spy von Daniel Silva, wo mir etwas für mich wirklich Lesenswertes (einschließlich einer Handvoll weiterer Bücher desselben Autors) entgangen wäre, wenn ich nach 30 Seiten aufgegeben hätte.

Aber es gibt Bücher, die sind einfach verschwendete Lebenszeit, und die darf man getrost weglegen. Man kriegt ja keine Karma-Fleißpunkte dafür, dass man es fertigliest, obwohl es einem nicht gefällt. Und ob es einem gefällt, merkt man ja nicht immer vorher, Klappentexte sind ja nicht wirklich ehrlich, und man liest ja nicht immer ein paar Rezensionen vorweg. Soweit man zum eigenen Vergnügen liest, ist Leiden freiwillig. Man muss sich nicht durch etwas durchquälen, wenn man nicht muss. Auch bei der Auswahl der Lektüre muss man sich keinen unnötigen Stress machen (lassen).

Meine Ratschläge für richtiges Lesen sind einfacher:

  1. Lies, was, wann, wo, wie, wie viel, wie lange du willst/kannst/darfst.

Es gäbe noch einen Ratschlag 2: Behandele geliehene Bücher pfleglich; mach mit deinen eigenen Büchern, was du willst. Aber das hat mit „richtigem Lesen“ nichts zu tun, sondern gehört in die Sparte Benimm.

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7 Kommentare on “Richtig lesen”

  1. Stefan R. sagt:

    Das mit den geliehenen Büchern muss unbedingt auch für Bibliotheksxemplare gelten, wie schon Tucholsky wusste („Wenn einer und er entleiht ein Buch von einer Bibliothek, sagen wir den Marx: Was will er dann lesen? Dann will er den Marx lesen. Wen aber will er mitnichten lesen? Den Herrn Posauke will er mitnichten lesen. Was aber hat der Herr Posauke getan? Der Herr Posauke hat das Buch vollgemalt. Pfui!“)
    Ansonsten gebe ich vollumfänglich recht. Ich bin auch einer dieser Quer- und Mehrfachleser und habe auf diese Anleitungen zum angeblich ‚richtigen‘ Lesen mal so gar nix gegeben.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, Bibliotheksbücher sind ja auch geliehen.

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  3. Achim sagt:

    Das mit den Anmerkungen auch in Belletristik denke ich immer wieder mal, wenn der Autor einen wunderbaren Satz raushaut und ich keinen Bleistift zur Hand habe… Da ich beim Lesen fast nie einen Bleistift zur Hand habe, streiche ich also nix an. Und bedauere das.
    Ich denke auch immer wieder mal, dass ich nach dem Fertiglesen eines Buchs mir ein paar Sätze dazu aufschreiben wollen würde. Mach ich aber nicht, weil das nächste Buch ruft.

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  4. gnaddrig sagt:

    Solche Anstreichungen mache ich gerne, und meistens habe ich einen Bleistift.

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  5. Lakritze sagt:

    Die Entgegnung auf 7: alles gut und schön – wer will schon Lebenszeit verschwenden –, aber was, wenn man eine angefangene Geschichte partout nicht vergessen kann? (Dafür gelesene Bücher umso besser.)
    Ein schönes Plädoyer fürs Papierbuch, auch.

    Gefällt 1 Person

  6. gnaddrig sagt:

    Ganz einfach: Dann liest man es eben fertig, aber nicht weil irgendein bildungsbürgerlicher Türsteher das verlangt, sondern aus eigenem Antrieb.

    Und ja, so nützlich Computer und E-Bücher auch sind, auf Papier Gedrucktes hat einfach was.

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  7. […] ich im Grundschulalter anfing, Bücher zu lesen, bin ich ziemlich bald auf die Jugendbücher meiner Eltern gestoßen und habe die der Reihe […]

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