Parallelen

Es gibt ja in vielen Sprachen Wortpaare, die gleich oder ähnlich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Manchmal handelt es sich um Varianten desselben Wortes, die verschiedene Bedeutungen entwickelt haben, manchmal um völlig unterschiedliche Wörter, die nur eben zufällig gleich klingen.

Das finde ich für sich schon witzig genug, aber es geht noch besser. Neulich sind mir nämlich zwei deutsche Wortpaare aus gleichklingenden Wörtern aufgefallen, deren russische Entsprechungen im Russischen auch gleich oder sehr ähnlich klingen.

Fangen wir mit einem doppelten Wortpaar der zweiten Sorte an – verschiedene Wörter, die gleich klingen:

Seite und Saite

Diese beiden klingen trotz geringfügig unterschiedlicher Schreibung gleich, haben aber etymologisch nichts miteinander zu tun. Im Russischen gibt es kurioserweise das Paar storoná (сторона – Seite) und struná (струна – Saite). Die klingen nicht ganz so gleich wie Seite und Saite, aber doch sehr ähnlich (kann man sich auf den verlinkten Wörterbucheinträgen anhören). Sie bedeuten dasselbe wie Seite und Saite und sie haben wie diese etymologisch nichts miteinander zu tun.

Nach diesem einfachen Beispiel geht es jetzt mit einem Wortpaar der ersten Sorte weiter – selbes Wort, aber in zwei Richtungen entwickelt:

Schloss und Schloss

Schloss (Schließvorrichtung) und Schloss (repräsentatives herrschaftliches Wohngebäude) heißen auf Russisch samók (замок – Schließvorrichtung) und sámok (замок – repräsentatives herrschaftliches Wohngebäude). Die Schreibweise ist identisch, aber wegen der unterschiedlichen Betonung weicht die Aussprache hörbar ab: sámok ungefähr wie [ˈzamək], samók wie [zɐˈmok], wobei die betonte Silbe deutlich länger klingt als die unbetonte. (Leider bieten Pons, Langenscheidt und Leo für beide samok-Varianten jeweils dieselbe Audiodatei mit der Betonung samók an.)

Im Deutschen sind Schloss und Schloss dasselbe Wort – die Bedeutung repräsentatives herrschaftliches Wohngebäude hat sich über den Zwischenschritt befestigtes, verschlossenes Gebäude, Festung aus dem althochdeutschen sloʒ (Schließvorrichtung) entwickelt, das seinerseits auf eine entsprechend alte Form des Verbs schließen zurückgeht.

Im Russischen ist das anders bzw. auf einem witzigen Umweg ähnlich. Das Wort samók (Verschließdingens) leitet sich von einem altrussischen Verb mit der Bedeutung zuschnüren, verschließen, verriegeln her (Schaposchnikow). Das Wort sámok (Prachtbau) ist über das Polnische aus dem Deutschen ins Russische gekommen und stellt eine „semantische Lehnübersetzung“ des althochdeutschen sloʒ dar (Schanskij).

Diese Lehnübersetzung muss zu einer Zeit stattgefunden haben, als das deutsche Wort gerade erst die Bedeutung Festung angenommen hatte, sonst hätte es keinen Grund gegeben, das polnische Wort für Schließvorrichtung als Lehnübersetzung zu verwenden. Man hat also dem damals schon mit der Bedeutung Schließvorrichtung vorhandenen polnischen Wort zamek die damals neue deutsche Bedeutung Festung hinzugefügt, und später hat es im Polnischen oder danach im Russischen (oder in beiden Sprachen unabhängig voneinander) dieselbe Entwicklung in Richtung repräsentatives herrschaftliches Wohngebäude mitgemacht wie das deutsche Schloss. Das finde ich irgendwie faszinierend.

Schloss ist übrigens mit dem lateinischen claudere und clusa verwandt und mit dem russischen kljutsch (ключь – Schlüssel). Ein Bezug zum Verschließen ist da also auch gegeben, nur ist man im Russischen über mehrere Umwege bei zwei fast gleichlautenden Wörtern angekommen, während man im Deutschen ein einziges Wort bedeutungsmäßig in zwei Richtungen aufgespalten hat, um am Ende das Wortpaar zu erhalten.

(Zum Glück gibt es alle diese russischen etymologischen Wörterbücher online. Mein gedrucktes etymologisches Wörterbuch von P. Ja. Tschernych führt das Stichwort замок leider nicht auf.)

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2 Kommentare on “Parallelen”

  1. Achim sagt:

    Dass Pons und Langenscheidt (die ja inzwischen irgendwie dasselbe sind, wie ich gelesen zu haben meine) da so eine Panne unterläuft, ist schon ein bisschen peinlich. Sogar ich (und meine Kenntnisse enden bei „Я не понимаю русский“) weiß, welche Bedeutung die Betonung im Russischen hat. Andererseits: „Nur wer nicht arbeitet, macht keine Fehler.“
    Die Entlehnungsgeschichte von зáмок ist ja spannend – so was verschlungenes! Ich bin manchmal auch fasziniert, welchen Wörtern man ihre Herkunft nicht ansieht – frz. [i]fauteuil[/i] z.B. kommt aus dem Fränkischen und heißt eigentlich „Klappstuhl“.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, so Fehler passieren. Das ist jetzt auch nicht so wahnsinnig gravierend. Ist mir auch nur aufgefallen, weil ich die unterschiedliche Aussprache zeigen wollte.

    Verschlungene Entlehnungsgeschichten finde ich immer faszinierend. Aber den Ursprung des Fau­teuils hätte ich nie im Fränkischen gesucht. Sachen gibts…

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