Kluge Köpfe, Kulturkontakte, klares Bild

Mir ist neulich ein Buch von Eugen Roth in die Finger gekommen: Ernst und heiter, erschienen 1961 im Deutschen Taschenbuch Verlag. Am Ende des Buches finden sich drei ganzseitige Werbeanzeigen. Das war eine Weile lang üblich, jedenfalls in Taschenbüchern mancher Verlage; ich erinnere mich an bescheuerte, halbgar an die jeweilige Textstelle im Buch anknüpfende Sparkassenwerbung in irgendwelchen Jugendbüchern der 70er und vielleicht auch noch 80er Jahre.

Hier empfehlen sich drei große deutsche Zeitungen dem kultivierten Publikum des anspruchsvollen dtv-Programms:

Zwei ganzseitige Werbeanzeigen in einem Taschenbuch: Erste Seite (links): Stilisiertes Bild eines Mannes, der in der Frankfurter Allgemeinen liest und hinter der Zeitung nicht zu sehen ist. Text der Anzeige (Blocksatz, zeitungstypische Spaltenbreite): Dahinter steckt immer ein kluger Kopf Warum? Wer die Frankfurter Allgemeine Zeitung liest, beweist, daß er kritisch denkt. Zur Kritik gehört Geist. Ja-sagen kann jeder. Wer Nein sagt, muß es besser wissen. Wie aber könnte man sich täglich besser und gründlicher informieren als durch eine gute Zeitung? Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland Zweite Seite (rechts): In zeittypischer künstlerischer Schriftart gesetzte Überschrift "Kontakt mit der Kultur" Text der Anzeige (Flattersatz, zeitungstypische Spaltenbreite): Lebendige Verbindung mit dem modernen Kunstschaffen und dem gesamten aktuellen Kulturgeschehen vermittelt das große Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Namhafte Kritiker referieren über alle wesentlichen Ereignisse der Musik, des Theaters, der Literatur, der bildenden Kunst und des Films. Weltweite Aufgeschlossenheit, völlige Unabhängigkeit und gewissenhafte Berichterstattung haben die Süddeutsche Zeitung zu der größten Tageszeitung Süddeutschlands werden lassen, deren Meinung täglihc von Rundfunk und Weltpresse zitiert wird. Wir senden Ihnen gerne die Süddeutsche Zeitung 3 Tage lang zur Probe. Bitte schreiben Sie an die Süddeutsche Zeitung München 3, Abt. VW 342, Postfach 300Ganzseitige Werbeanzeige in einem Taschenbuch: Aus Zeitungspapier ausgeschnittene nach links schreitende Figur einer Person (vom Oberkörper abwärts) im Mantel, mit Regenschirm in der Hand und der Wochenzeitung "Die Zeit" unter dem Arm. Text der Anzeige: Mit der Zeit gehen Diese führende deutsche Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Handel und Kultur vermittelt ein klares Bild vom wesentlichen Geschehen in der Welt. Jeden Donnerstag neu für 60 Pfennig bei Ihrem Buch- und Zeitungshändler. Auf der gegenüberliegenden Seite wird das damals noch sehr überschaubare Verlagsprogramm des dtv aufgelistet.

Die Anzeige der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist erstaunlich zeitlos. Gut, den Text mit seiner Mischung aus Schmeichelei (Wer die FAZ liest ist offensichtlich ein kluger Mensch) und Understatement (sie sagen ja nicht direkt, lest FAZ, sondern stellen ganz beiläufig in den Raum, dass ein kluger Kopf sich am besten „durch eine gute Zeitung“ informiert; welche das ist, kann der kluge Kopf ja selbst…) würde man heute in der Form wohl nicht mehr drucken, u.a. weil er für den heutigen Geschmack zu lang wäre. Die Grafik und der Slogan reichen eigentlich völlig aus, und genau den Teil hat die FAZ seitdem ja auch vielfach weiterverwendet.

Die Anzeige der Zeit ist zwar in Grafik und Stil ziemlich zeittypisch (Wortwitz unbeabsichtigt, aber gern in Kauf genommen), passt aber auch außerhalb der frühen 60er Jahre zu der Wochenzeitung mit ihrem gelegentlich etwas gespreizten Modernseinwollen und ihrer teils bemühten Bildungsbürgerei, vor allem im Feuilleton. Heute würde man das sicher anders präsentieren, aber ich erkenne die Zeitung in dieser Anzeige auf jeden Fall wieder.

Mit der Anzeige der Süddeutschen Zeitung kann ich mich dagegen nicht recht anfreunden. Der Text ist ungelenk, die Sätze sind überladen, und es klingt irgendwie, als hätte ein ehemaliger Wochenschau-Sprecher versucht, mit der Zeit zu gehen und weltoffene Kultiviertheit zu verströmen, während der Chef ihm über die Schulter schaut, ob auch wirklich alle vorgegebenen Stichwörter unterkommen.

Und man hat ja durchaus einiges zu bieten: Bei der Süddeutschen schreibt nicht irgendwer das große Feuilleton voll, sondern namhafte Kritiker referieren über… Dabei bleibt man übrigens nicht bei dem hergebrachten Kulturbegriff stehen, sondern schließt ganz fortschrittlich den Film mit ein. Man berichtet auch nicht nach Lust und Laune, sondern gewissenhaft, in völliger Unabhängigkeit und weltweiter Aufgeschlossenheit. Und die Meinung des Blattes wird täglich von Rundfunk und Weltpresse zitiert. Wenn das keine Gründe sind, diese Zeitung zu lesen.

Ich fände es interessant, mit den Urhebern dieser Anzeigen zu sprechen und zu sehen, was die vorher und nacher in der Sparte so produziert haben.

Werbeanzeigen

6 Kommentare on “Kluge Köpfe, Kulturkontakte, klares Bild”

  1. Yadgar sagt:

    „ich erinnere mich an bescheuerte, halbgar an die jeweilige Textstelle im Buch anknüpfende Sparkassenwerbung in irgendwelchen Jugendbüchern der 70er und vielleicht auch noch 80er Jahre.“

    Nicht nur in Jugendbüchern – auch in der von mir seinerzeit mit heißem Kopf verschlungenen rororo-Reihe „Anders reisen“ sprang einen regelmäßig um die Buchmitte herum, eingeleitet mit der Zeile „Früher, als man anders reiste…“ eine schon drucktechnisch bedingt (Farbdruck ist bei Taschenbüchern ja nicht…) völlig verschnarchte ganzseitige Werbeanzeige für Pfandbriefe und Kommunalobligationen an… abtörnend, sowas! Da schwelgt man in fernwehberauschten Hippieträumen vom großen wilden Leben in Amsterdam und Christiania – und dann drängelt sich so ein flachgesichtiger Schlipsomat rein und erzählt einem was von G-E-L-D! Was ein echter gürtellangmähniger Alternativglobetrotterfreak ist, der hat bestenfalls Hohn und Spott für solchen kleinbürgerlichen Neurosenkrampf wie etwa die Sorge um die Finanzierbarkeit des Reisens übrig… dachte ich jedenfalls damals, in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

    Die Reihe „Anders reisen“ wurde irgendwann Anfang der 1990er eingestellt, was ja auch kein Wunder ist, da seither zunehmend alle Welt glaubt, „anders“ zu reisen und es gerade deshalb faktisch niemand mehr tut… da hat die Einleitung der Werbeanzeige rückblickend schon geradezu prophetische Qualität!

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  2. gnaddrig sagt:

    Genau die Sorte Werbung hatte ich gemeint. In den Kinderbüchern ging es damals eher um Sparbücher oder so, aber das Prinzip war dasselbe. Habe leider kein Beispiel mehr, aber irgendwann finde ich in einem der öffentlichen Bücherschränke in der Gegend sicher mal ein Buch mit sowas.

    (Neulich habe ich da den ersten Band der Geheimagent-Lennet-Serie gefunden und wieder gern gelesen. War aber werbefrei.)

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  3. Alle TB der Rowohlts-Rotations-Romane (rororo) hatten bis mindestens in die 1970-er Jahre diese dummdreist sich an den Text ranwanzende Werbung. Ich habe sie immer rausgerissen.

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  4. Achim sagt:

    Stimmt, „Pfandbriefe und Kommunalobligationen“. Die beiden Wörter kannte ich lange, bevor ich ihre Bedeutung erlernte. Gibt es diese Form von Geldanlage eigentlich noch?

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  5. gnaddrig sagt:

    @ Jules van der Ley: Ah, rororo war das. Ich hatte zuerst an Schneider-Buch gedacht, aber das Exemplar, das ich greifbar habe, ist werbefrei.

    @ Achim: Stimmt, „Pfandbrief und Kommunalobligation“, konnte ich eben in einem 1990 erschienenen rororo-Taschenbuch nachsehen. Da ich als Kind nicht wusste, was das ist, sind die beiden Begriffe vermutlich völlig an mir vorbeigegangen und ich konnte mich nur noch an „bei allen Banken und Sparkassen“ erinnern.

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  6. Achim sagt:

    Das war immer in Taschenbüchern. Ich erinnere mich an eine – nun ja – „elegante“ Anmoderation über das Tucho-Zitat „Macht unsere Bücher billiger“, von da aus der Hinweis, dass man sein Erspartes ja in den genannten Wertpapieren anlegen und von den üppigen Zinsen sich dann preisgünstige Taschenbücher en masse kaufen könne. Was Zinsen sind, musst du deinen Kindern inzwischen wohl genauso erklären wie Wählscheibentelefone.

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