Bibliotheksbekanntschaft

Als ich im Grundschulalter anfing, Bücher zu lesen, bin ich ziemlich bald auf die Jugendbücher meiner Eltern gestoßen und habe die der Reihe verschlungen. Mit vollen Segeln durch die Ozeane von Nikolai Tschukowski. Klar zur Wende von Ludwig Turek. Kon-Tiki von Thor Heyerdahl. Die Lederstrumpf-Bücher. Robinson Crusoe. Sigismund Rüstig…

Abgesehen vom spannenden Inhalt faszinierte mich, dass diese Bücher schon anderen Leuten vor mir gehört hatten. Eines der Bücher hatte sogar mein Großvater schon von „geerbt“, und von dessen Eltern wusste ich rein gar nichts. Das war sozusagen mein erster Blick in eine für mich ferne Vergangenheit.

Seitdem faszinieren mich alte Bücher, ganz unabhängig von ihrem Inhalt. Ich mag gebrauchte Bücher, am besten mit Widmungen oder Exlibris, je älter und von je weiter weg desto besser. Ich habe auf meiner ersten Englandreise in einem Second-Hand-Buchladen in Bexhill-on-Sea mal einen von drei Bänden eines im frühen 19. Jahrhundert gedruckten Romans gekauft, eine in winzigen Lettern gedruckte King-James-Bibel und einen Band Tacitus auf Latein, beide ähnlich alt. Alle drei vollständig, aber sehr abgenutzt und darum spottbillig. In allen dreien stehen Widmungen, aber außer den Namen und Jahreszahlen weiß ich nichts. Ich habe keine Ahnung, was das für Leute waren, wo die gelebt haben, was sie gemacht haben.

Bis heute frage ich mich manchmal, wer da wem welches Buch geschenkt hat und warum gerade dieses, wo die Bücher seitdem so waren und wer sie alles schon gelesen hat. Diese Bücher hätten sicher die eine oder andere Geschichte zu erzählen (ähnlich wie das Stück Bernstein in diesem Buch). Genauso interessant wäre es zu wissen, wo die Bücher hingeraten, wenn ich sie weitergebe.

Auf BookCrossing kann man manchmal die Stationen von Büchern nachverfolgen. Wenn man sich die Mühe machen will, kann man eigene weiterzugebende Bücher dort erfassen, die eindeutige ID und einen Hinweis auf die BookCrossing-Webseite reinschreiben oder -kleben, und beim „Freilassen“ des Buches einen entsprechenden Vermerk auf bookcrossing.com schreiben. Wenn man sich Mitgliederprofile dort anschaut, sieht man, dass bei einem Teil der Bücher wenigstens eine Rückmeldung kommt. Manche der Bücher dort haben mit der Zeit lange Wege (wie dieses) oder viele erfasste Stationen (wie dieses) hinter sich. Andere (ziemlich viele, v.a. wenn sie nicht gezielt weitergegeben, sondern „wild“ irgendwo abgelegt werden) verschwinden spurlos in der weiten Welt (wie dieses).

Manchmal gibt es aber auch ganz in der Nähe Interessantes. Als Pendler lese ich unterwegs viel, im Schnitt knapp eine Stunde pro Arbeitstag. Einen Teil meines Lesestoffs besorge ich mir aus offenen Bücherschränken am Ort und in der Firma. Da stelle ich im Gegenzug auch die Bücher ab, die ich mir gelegentlich – wenn ich sonst nichts Lesbares dabei habe – am Bahnhof kaufe. Den Rest hole ich mir aus der Stadtbibliothek.

Dort gibt es jemanden, der offensichtlich einen ähnlichen Lesegeschmack hat wie ich, oder dessen Geschmack mit meinem zumindest großflächig überlappt. Seit ein paar Jahren finde ich in erstaunlich vielen „meiner“ Bücher Ausleihquittungen von einem, der immer nur ein Buch ausleiht, die Quittung als Lesezeichen nimmt und den Zettel bei Rückgabe im Buch lässt. Keine Ahnung, wer das ist, wie alt er ist, was er so macht. Er hat einen angelsächsischen Namen, mehr weiß ich nicht. Vielleicht sind wir uns sogar schon begegnet, wer weiß…


5 Kommentare on “Bibliotheksbekanntschaft”

  1. Lakritze sagt:

    Oh –! Noch ein Freund alter Bücher mit Lebenszeichen. Gepreßte Blümchen, Postkarten, einmal ein Umschlag von einer Zahlungsstelle. (Für so was gibt es natürlich Webseiten.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar. Lebenszeichen und Benutzungsspuren machen Bücher erst lebendig. Den puren Text kann man auch in neu Gedrucktem haben, aber ein bisschen Patina tut dem ganz gut, damit es nicht so steril ist.

    Dieses Wörterbuch habe ich Anfang der 90er gebraucht auf dem Bücherbasar einer Kirchengemeinde in der Nachbarschaft für eins fuffzich oder so gekauft, und da ist ein Bogen Papier mit dem sauber getippten Amöneburger Lied drin. Könnte ich mal einscannen.

    Schöne Webseite übrigens, vielen Dank für den Link!

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  3. Lakritze sagt:

    Noch gepflegt wird die hier: Found in Books.
    Ich kenne zwar die Amöneburg, nicht aber das Lied. Also, ja, bitte einscannen, schon aus Bildungsgründen!

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  4. Achim sagt:

    Ich bin in einer Zeit und in einem Bundesland zur Schule gegangen, wo Schulbücher von der Schule angeschafft und an die Schüler für das jeweilige Schuljahr ausgeliehen wurden. Da waren vorne Stempel drin, in die man sich jeweils eintragen sollte. (Was zumindest bis ca. 8./9. Klasse ebenso kontrolliert wurde wie das Einschlagen der Bücher.)
    Besonders fasziniert war ich immer, wenn „mein“ Buch auch schon durch die Hände meiner älteren Geschwister gegangen war 😉

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  5. […] Neulich habe ich die King-James-Bibel erwähnt, die ich vor Ewigkeiten in England gekauft hatte. Die ist 1855 gedruckt und ein bemerkenswertes Buch, weil sie so klein ist: Nur etwa 9,5 mal 13,5 mal 2,5 cm. […]

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