Wie handgeschöpft

Manchmal kommt die Frage auf, ob Handarbeit oder Maschinenarbeit die besseren Produkte hervorbringt. Das ist gar nicht so trivial wie man glauben könnte – man muss ja überhaupt erst definieren, was unter „besser“ zu verstehen ist. Preis, Zuverlässigkeit, Haltbarkeit, Qualität sind naheliegende Kriterien. Das Spektrum zwischen Gleichförmigkeit und Einzigartigkeit. Sinneseindrücke und die Bedeutung, die man ihnen beimisst.

Der Blickwinkel ist für die Beurteilung auch noch wichtig – Hersteller werden „besser“ anders definieren als Händler, und die wieder anders als Käufer und Konsumenten. Es ist also nicht so einfach.

Jedenfalls wird das Prädikat handgemacht immer noch als eine Art Gütesiegel verwendet. Dass handgemachte Ware automatisch irgendwie besser sei als maschinengefertigte, ist da scheinbar selbstverständlich und muss gar nicht ausdrücklich erwähnt werden.

Jetzt hat ein Hersteller von Molkereiprodukten dem Thema einen hübschen neuen Dreh gegeben:

Deckfolie einer Packung Schichtkäse mit der Aufschrift: "Schichtkäse, wie handgeschöpft"

So, wie handgeschöpft also. Das gibt zu denken.

Erst einmal: Was soll wie handgeschöpft überhaupt bedeuten? Vielleicht heißt das einfach, dass man maschinengeschöpften Schichtkäse dieses Herstellers ohnehin nicht von handgeschöpftem unterscheiden kann und der maschinengeschöpfte Schichtkäse deshalb genauso aussieht, dieselbe Konsistenz hat und genauso gut ist wie handgeschöpfter? Dann würde ich als Hersteller nicht damit prahlen, sondern das vielleicht eher still übergehen und allgemein von Tradition und Qualität schreiben.

Oder es gibt einen merklichen Unterschied, und die haben extra in einen Schöpfapparat investiert, der den Prozess des Mit-der-Hand-Schöpfens maschinell nachbildet und den Schichtkäse so schöpft, dass er hinterher tatsächlich „wie handgeschöpft“ aussieht? Das würde mit dem Text auf der Verpackung zusammenpassen, aber irgendwie habe ich so meine Zweifel.

Und dann: Was bezwecken sie mit der Mitteilung? Wenn man Wert auf die Feststellung legt, das Produkt sei wie handgeschöpft, misst man der Handgeschöpftheit offensichtlich einigen Wert bei oder glaubt jedenfalls, dass die Kundschaft beim Schichtkäse auf Handgeschöpftheit Wert legt. Und wenn man schon Schichtkäse anbietet, der nicht wirklich echt handgeschöpft ist, dann doch immerhin welchen, der wenigstens im Prinzip so gut wie handgeschöpft ist.

Dann ginge es nicht primär um Qualität, Konsistenz oder andere messbare Eigenschaften des Produkts, sondern um die Beschwörung von Tradition und Authentizität. Handgeschöpft, wie damals, zur guten alten Zeit, in dem beliebten, arg weichgezeichneten Früher, in dem es angeblich noch ehrlich und geradheraus zuging und die Dinge noch das waren, was sie schienen. Alles vollkommen unverfälscht, eben authentisch.

Dabei hat es dieses Früher in dieser Form nie gegeben, und der wie handgeschöpft maschinengeschöpfte Schichtkäse ist ganz sicher nicht „wie früher“ hergestellt (was schon aus Haltbarkeits- und Hygienegründen ein Segen sein dürfte) und damit auch nicht – wie implizit vorgespiegelt – authentisch ist.

Authentisch ist eines dieser reichlich überstrapazierten Modewörter, die wegen inflationärer Verwendung praktisch bedeutungslos sind, ähnlich wie demokratisch und nachhaltig – damit wird sehr freigiebig alles und nichts bezeichnet, die genaue Bedeutung kann sich jeder selbst ausdenken. Oft ist gar nicht ohne weiteres ersichtlich, worin sich ein so bezeichneter Sachverhalt von einem nicht so bezeichneten Sachverhalt unterscheidet. In der Praxis sind diese Vokabeln damit oft bloß eine Mogelpackung mit hübscher Optik und wenig Inhalt.

Die implizierte Authentizität ist nur vorgespiegelt. Eine billige Werbemasche, die eigentlich unnötig sein sollte, wenn das Produkt in Qualität und Geschmack überzeugen kann.


12 Kommentare on “Wie handgeschöpft”

  1. Lo sagt:

    „Lieber Kunde,
    nach dem Kauf dieses Produktes
    fühlen Sie sich wi von Hand geschröpft.“

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  2. Stefan R. sagt:

    Bei Anfällen von Lebensmittel-Nostalgie („Früher als alles noch handwerklich…“) ist ein Blick in ein alte Kochbücher zu empfehlen, so bis ca. Kaisers Zeiten. Darin stehen ganze Kapitel darüber, wie man beim Einkaufen gepanschte/verunreinigte/gestreckte Lebensmittel identifiziert etc.

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  3. gnaddrig sagt:

    Ganz genau. Vor einer Weile habe ich irgendwo was über Lebensmittelsicherheit in Deutschland im späten 19. Jahrhundert gelesen, und das hätte ich auch lieber nicht gewusst. Finde den Artikel leider nicht mehr.

    Da war die Rede davon, wie Krabben o.ä. eingedost wurden: Irgendwo auf dem Boden das Zeug auf einen großen Haufen gekippt, irgendwelches Pulver drübergestreut, alles in Dosen gelöffelt und zugelötet. Und was in der Fabrik vom Hallendach so alles in die Marmeladenkessel fiel, wollte auch niemand wissen. Oder was mit dem Schichtkäseschöpflöffel vorher geschöpft worden war…

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  4. Achim sagt:

    Ich war neulich mal beim Bäcker frühstücken, und zum Frühstück wurde „hausgemachte“ Marmelade gereicht. Erst im Nachhinein stellte sich mir die Frage, was das bei einer Bäckerei mit ca. 100 Verkaufsstellen eigentlich heißt… Wenn „hausgemacht“ bedeutet soll, dass jemand in der Küche steht und die Aprikosen von Hand entsteint, glaube ich denen kein Wort. Vielleicht machen sie ihre Marmelade aber tatsächlich selbst und kaufen sie nicht zu. Dann würde es stimmen – aber nicht in der Bedeutung, die hier evoziert werden soll.

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  5. Lo sagt:

    Na ja. Hausgemacht könnte auch bedeuten, dass die Ware nicht im Zelt hergestellt wurde.😂

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  6. nömix sagt:

    “Handgeschöpft wie in Wirklichkeit”

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  7. je, nun, ich wiederum sah neulich einen beitrag, in dem – zu recht! – beklagt wurde, dass die heutige lebensmittelproduktion nichts mehr zulässt, was nicht dem vereinbarten standard entspricht. zu kleine äpfel fallen ebenso durchs sieb wie nicht ebenmäßiger käse, obwohl genauso schmackhaft und nach den gleichen qualitätsstandards hergestellt. beides fliegt auf den müll.
    neuerdings werden diese produkte, zwar mit preisabschlägen, aber doch wenigstens in ausgewählten verkaufsstellen doch noch „an den mann“ gebracht.
    ist das nicht so viel besser?

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  8. gnaddrig sagt:

    Dass Landwirte nicht völlig perfekte Ware auf den Feldern verrotten lassen, weil sie nicht hübsch genug ist, halte ich für ein Märchen, oder die kolportierten Mengen für stark übertrieben (den Artikel, aus dem ich das habe, finde ich leider nicht mehr). Dazu dürfte die Marge der Hersteller zu niedrig sein, als dass sie es sich erlauben könnten, erhebliche Anteile ihrer Produktion einfach wegzuschmeißen. Soweit ich weiß, wird das wegen optischer Mängel nicht gut verkäufliche Zeug anderweitig verarbeitet. Apfelmus etwa wird sicher nicht aus perfekt gewachsenen Bilderbuchäpfeln gekocht, sondern eben aus verwachsenen, krummen, buckligen Äpfeln, die sonst niemand auch nur zweimal anschauen würde. Ähnlich wird es mit Marmelade, Kartoffelbrei, Instantsuppe usw. sein.

    Als Grund, fehlerhaft gewachsenes Obst oder Gemüse auch für solche Zwecke nicht zu verwenden kann ich mir höchstens Schwierigkeiten mit der maschinellen Verarbeitung vorstellen, wenn die Maße nicht gewissen Standardvorgaben entsprechen.

    Wo aber tatsächlich viel weggeworfen wird ist weiter hinten in der Lieferkette. Zunächst im Handel, wenn nämlich Obst und Gemüse anfängt welk zu werden und nicht mehr hübsch genug aussieht oder tatsächlich verdirbt. Das wird sich auch kaum ändern, solange es üblich ist, auch noch samstagabends bis drei Minuten vor Ladenschluss volle Regale zu haben und unbedingt auch alle Sorten leichtverderbliches Obst in voller Menge bereitzuhalten.

    Das größte Problem ist aber vermutlich das Zeug, das gekauft und dann nicht verbraucht wird. Zu viel eingekauft, irgendwas in den hinteren Ecken des Kühlschranks vergessen, und dann wandert es in den Müll. Das ist ein Organisations- und Disziplinproblem beim Verbraucher, und dagegen hilft die beste Produktionsmethode nicht.

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  9. Achim sagt:

    Habe auf die Schnelle diesen Link gefunden: https://www.zugutfuerdietonne.de/warum-werfen-wir-lebensmittel-weg/wie-viel-werfen-wir-weg/ Demnach schmeißen die Primärproduzenten (aka „Landwirte“) dreimal so viel weg wie der Groß- und Einzelhandel.
    Abergnaddrig hat recht, dass wir Endverbraucher das größte Problem sind: Wir sind für die Hälfte zuständig.

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  10. gnaddrig sagt:

    Kann gut sein. Und egal, wo zwischen Acker und Küche das meiste weggeworfen wird – es ist gut, was dagegen zu unternehmen.

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  11. Yadgar sagt:

    „Dann ginge es nicht primär um Qualität, Konsistenz oder andere messbare Eigenschaften des Produkts, sondern um die Beschwörung von Tradition und Authentizität.“

    „Aus Plastik?“

    „Nein, aus Afghanistan.“

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  12. Yadgar sagt:

    @Lo:
    „dass die Ware nicht im Zelt hergestellt wurde“

    Da fällt mir ein: Kvröt, den salzigen Schafs-Hartkäse nach Art der paschtunischen Nomaden von Gharjistan, würde ich durchaus mal probieren wollen… der ist mit Sicherheit zeltgemacht!

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