Deko

In letzter Zeit habe ich mir immer häufiger die Frage gestellt, ob Straßenbahnfahrpläne nicht eher Deko als Information sind. Ähnliches gilt für die elektronischen Anzeigetafeln an den Haltestellen, wo die Zeit bis zur nächsten Abfahrt angezeigt wird, angeblich in Echtzeit. In Wirklichkeit ist die dort mitgeteilte Information häufig ziemlich ungenau und wackelig. (Dass diese eigentlich dynamischen Tafeln manchmal aus verschiedenen Gründen vorübergehend nur starr die Fahrplandaten anzeigen, denen der tatsächliche Fahrbetrieb dann nicht immer so ganz genau folgt, fällt zwar dann auf, hat aber seine Gründe und wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Aber jetzt zum eigentlichen Elend. Typisches Beispiel an einer Haltestelle, von der ich öfters abfahre. Laut Fahrplan fahren die Bahnen „meiner“ Linie wochentagsüber um xx:02, xx:12, xx:22 usw. Ich komme um 15:10 an die Haltestelle. Laut Anzeigetafel geht die nächste Tram in 5 Minuten. Das passt schonmal nicht zum Fahrplan.

Um 15:13 steht da immer noch 5 Minuten. Dann springt die Anzeige auf 4 und kurz darauf auf 3 Minuten und bleibt dann eine ganze Weile auf 3 Minuten. Um 15:16 geht es auf 2, um 15:17 auf 1 Minute. Um 15:21 kommt die Bahn dann. Die nächste steht zu diesem Zeitpunkg übrigens mit 7 Minuten auf der Tafel – 6 Minuten nach der nächsten oder 4 Minuten vor der übernächsten Abfahrt. Wozu also der Fahrplan? Und angesichts der langen Zeiten mit unveränderter Minutenzahl – wozu die dynamische Abfahrttafel?

Das könnte es jetzt sein – doofe Sache gefunden, kurz ins Internet gemeckert, Welt schlecht, alle zufrieden. Aber es ist natürlich doch wieder etwas komplizierter.

** * **

Zunächst einmal haben die Verkehrsbetriebe natürlich ein System, das zu jedem Zeitpunkt genau weiß, welcher Zug oder Bus sich wo befindet. Heute wird das sicher meist mit GPS gemacht, aber zumindest die Straßenbahnen haben auch Messpunkte mit Überfahrschaltern, sodass kein Zug irgendwohinfahren kann, ohne dass die Zentrale das mitkriegt. Sie wissen also, wo die Züge sind, und das – hatte ich ursprünglich gedacht – sollte sich problemlos in recht genaue Angaben für die Anzeigetafeln umrechnen lassen.

Aber die angezeigte Zeit bis zur Abfahrt der nächsten Bahn beruht auf Erfahrungswerten. Tram 1 ist eben aus Haltestelle 1 abgefahren, dann kommen noch die Haltestellen 2 und 3, dann ist sie bei mir an Haltestelle 4. Auf dem Weg sind noch drei Ampelkreuzungen. Jetzt wird für die Berechnung der angezeigten Zeit sicher die fahrplanmäßige Zeitspanne für die Strecke von Haltestelle 1 nach 4 zugrundegelegt. Aber wie jeder weiß, ist die eben nur ein ungefährer Durchschnittswert, sagen wir 5 Minuten. Wenn man 1.000 Fahrten auf der Strecke misst, kommt man auf diesen Wert. (Tages- und stoßzeitbedingte Schwankungen lassen wir der Einfachheit halber mal beiseite, so genau muss es jetzt nicht sein.)

Dass es ein Durchschnittswert ist, heißt aber auch, dass es mal schneller gehen kann, wenn niemand ein- oder aussteigt, alle Ampeln grün sind usw. Und es heißt auch, dass es länger dauern kann, ohne dass die Fahrer oder das System was dafürkönnen, und ohne dass sie es vorher wissen können.

Angenommen, Tram 1 ist eben aus Haltestelle 1 abgefahren. Es ist Berufsverkehr, und an der ersten Kreuzung haben sich ein paar Schlaumeier bei gelb eben noch quer in die Kreuzung gemogelt, obwohl voraus bis zur nächsten Ampel alles voll steht. Die Tram kann also nicht über die Kreuzung und steht erstmal eine Ampelphase lang vor dem gestauten Querverkehr. Derweil bleibt die Anzeige an meiner Haltestelle auf 5 Minuten stehen, weil die Tram den nächsten Messpunkt noch nicht erreicht hat, der als Grundlage für die Aktualisierung der Anzeige dient.

Je nachdem, wie lang die Ampelphase ist und wie lange der Querverkehr braucht, um die Kreuzung dann tatsächlich zu verlassen, kann die die Bahn da schon ein paar Minuten stehen, und so lange ändert sich auch die Anzeige an meiner Haltestelle nicht. Würde man die Anzeige trotzdem ihren Countdown fortsetzen lassen, stünde sie dann irgendwann minutenlang blinkend auf sofort, bis die Tram tatsächlich käme. Und darüber würde man sich als Fahrgast ja auch wundern und ärgern.

Ok, die Anzeige kann also nicht mehr als ungefähre Anhaltspunkte für die tatsächlichen Zeiten liefern. Das ist nicht zu ändern, auch wenn es gelegentlich ärgerlich ist. Wenn ich eigentlich eine Tram früher hätte fahren wollen, aber zu spät aus dem Haus gekommen bin und jetzt unbedingt die nächste Tram kriegen muss, um nicht zu spät zu meinem Termin zu kommen. Und dann stehe ich um 15:10 an der Haltestelle, fiebere mit der Anzeige mit und bin um 15:20 immer noch nicht auf der Schiene, und um 15: 24 verschwindet diese Bahn plötzlich von der Anzeige und die nächste wird für 11:38 angekündigt, während mein Zahnarzt anfängt, sich auf den Feierabend vorzubereiten. Hätte ich das um 15:10 schon gewusst, hätte ich mir gleich ein Taxi bestellt und wäre locker rechtzeitig in der Praxis gewesen.

Dabei muss ich fairerweise anmerken, dass derzeit baustellenbedingt immer mal einiges drunter und drüber geht und ich hier ansonsten auf recht hohem Niveau meckere. Anderswo ist man froh, wenn der dritte und letzte Bus des Tages nicht schon um 17:30 fährt sondern man vielleicht doch auch nach der Tagesschau noch nach Hause kommt. Und immerhin sehen die Fahrplantabellen und der Liniennetzplan an den Haltestellen hübsch aus.

 


8 Kommentare on “Deko”

  1. cimddwc sagt:

    Ich hatte neulich bei der U-Bahn in München den Fall, dass die Anzeigetafel beim 10-Minuten-Takt an der 2. Haltestelle der Linie zuerst, als ich runter bin, die nächsten Bahnen in 14, 24 und 34 Minuten angekündigt hatte, das dann zu 04 14 24 und in den nächsten Minuten mehrmals zwischen 1x 2x 3x und 0x 1x 2x gewechselt hat. Man sollte meinen, die haben’s besser im Griff, was denn da aus der Wendeanlage kommen kann oder nicht…

    Die Bahn kam dann natürlich nicht. Immerhin wurde sie auch nicht falsch als gerade einfahrend angezeigt (die Anzeigeart wechselt da immer). Naja, und die App hat sich da wohl auch mal wieder nur an den Fahrplan gehalten.

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  2. gnaddrig sagt:

    Manchmal ist es schon schräg, was da läuft. Viele Macken und Ungenauigkeiten sind sicher kaum vermeidbar, andere müssten eigentlich nicht sein. Etwa dass ich meine Bahn an der übernächsten Haltestelle stehen sehe und die Anzeige schon mit Sofort blinkt.

    Oder dass Tram 1 mit Sofort angezeigt wird, gefolgt von Tram 2 mit 1 Minute, und dann fährt Tram 2 ein und wieder ab und Tram 1 steht immer noch mit Sofort auf der Tafel, ist aber noch nicht in Sichtweite (die nächste Haltestelle ist noch zu sehen, davor liegt eine Kurve, um die Tram 2 zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht ist; die kam dann kurz darauf aber doch noch). Da hat sich die Technik dann offensichtlich an was verschluckt.

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  3. Yadgar sagt:

    Eigentlich sollten alle Straßenbahnen und Busse viertelsekündlich (wegen der Signallaufzeit zum geostationären Satelliten und zurück) ihre aktuelle Geschwindigkeit (unter Berücksichtigung relativistischer Effekte ;-)) und Position auf Millionstel Grad (bei Breitengraden wäre das eine Genauigkeit von 0,111 m!) genau an die Anzeigetafeln senden, ebenso natürlich alle Ampeln ihre Schaltzustände und, ganz wichtig, querende Fahrzeuge! Gut möglich, dass in Japan solche Systeme bereits existieren, die Hikaris auf der Shinkansen-Strecke haben sich jedenfalls noch nie mehr als 6 Sekunden verspätet (und Japaner sind sowieso verliebt in alle Arten von Hightech)! Das nenne ich Bahnkultur…

    Ach ja, und zum Stichwort „Deko“ fallen mir all die verzweifelten Verkäufer/Verschenker von Heimorgeln auf eBay-Kleinanzeigen ein, die ihren potenziellen Kunden die schon so lange ungenutzt herumstehende Farfisa Jacqueline-C de luxe oder Dr. Böhm CnT/L mit „auch toll als Deko“ schmackhaft machen wollen… aber was sind das für Leute, die sich eine Orgel nur als Deko in die Wohnung stellen? Haben die Platz zuviel? Geld zuviel?

    Glashaus, Steine… meine Technics SX-G5 staubt auch langsam ein, ich sollte mich endlich mal dazu durchringen, die pedaltrittschalldämmende Gummimatte drunter zu pfriemeln und das gute Stück dann endlich wieder ausgiebig zu beorgeln, ohne dass mir die Nachbarn aufs Dach steigen… schließlich wartet ein guter Teil des Gesamtwerkes von Edvard Grieg darauf, von mir verhighmorgelt zu werden!

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  4. smurfix sagt:

    Straßenbahnen mit GPS? Träum weiter …
    In Nürnberg gibt’s eine nette „guck mal wo das System sich einbildet dass die Tram ist“-Webseite. Jedesmal wenn ein Zug tatsächlich über einen Schalter fährt, hüpft dessen Bildchen putzig in der Gegend herum. Leider grundsätzlich nach hinten, was die These von den Erfahrungswerten unwahrscheinlich erscheinen lässt. Dass die Kontakte nicht ganz zuverlässig sind und nicht wissen, welche Tram genau da grade drüberfähr, macht das System nochmal lustiger … nur leider nicht brauchbarer.

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  5. Achim sagt:

    Sind das wirklich Überfahrschalter? Ich hätte jetzt angenommen, dass jedes Fahrzeug (ob schienengebunden oder nicht – man will ja auch wissen, wo die Busse sind) einen Transponder hat, der beim Vorbeifahren am Empfänger (Haltestellen, Ampeln…) ein Signal sendet.

    Aber die beschriebenen Phänomene sind nicht spezifisch für Karlsruhe 😉

    P.S. Sagt man in KA wirklich „Tram“? Die Verkehrsbetriebe hier in Berlin sagen das auch, aber Politik, Medien und Bevölkerung (so weit ich letzteres beurteilen kann, komme selten in den Einzugsbereich dieses Verkehrsmittels) sagen „Straßenbahn“.

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  6. gnaddrig sagt:

    @ Yadgar: „Nie mehr als 6 Sekunden verspätet“ ist Augenwischerei, finde ich. Klar kann man auf auf Fernstrecken sekundengenau fahren, wenn man den Aufwand treiben will, aber wozu? Nur weil es machbar ist? Das erinnert an die (von manchen für übertrieben schmal gehaltenen) Spaltmaße bei VW – schön aber nicht wirklich nötig. Minutengenau reicht im Alltag doch völlig. Dazu müsste man natürlich möglichst viele Faktoren kontrollieren bzw. Unvorhersehbares soweit wie möglich ausschließen.

    Das geht bei einem exklusiven und technisch modernen Hochgeschwindigkeitsnetz wie beim Shinkansen in Japan natürlich weitaus besser als bei einem über Jahrzehnte gewachsenen, aus vielen verschiedenen, je ihrer Zeit verhafteten Konzepten zusammengestoppelten, mit teils uralter Technik ausgestatteten und stellenweise reichlich angegammelten Netz, wo vom Kohlekipper über die Regionalbahn bis zum ICE alles bunt durcheinander fährt und sich gegenseitig in die Quere kommt.

    Und bei einem Straßenbahnnetz, das in der Stadt großenteils auf den normalen Straßen liegt, kann man den Restverkehr eben nicht aus der Gleichung nehmen, was dann erfahrungsgemäß auch minutengenaues Fahren fast unmöglich macht, sogar wenn bei den Verkehrsbetrieben alles korrekt läuft. Eine gewisse zeitliche Unschärfe ist im innerstädtischen ÖPNV wohl unvermeidbar.

    Andererseits könnte man auch Heimorgeln durch die Stadt fahren, das wäre sicher hübsch 😉

    @ smurfix: Jeder Presslufthammer hat doch heute GPS, damit er nicht geklaut wird. Warum nicht auch Straßenbahnen? Klar, wenn man ausrangierte Straßenbahnzüge von anderswo weiterverwendet, rüstet man die vielleicht nicht nach, aber alles, was neu auf die Schiene kommt, dürfte doch sicher aktuelle Technik haben. Wie gut das System sein muss, hängt sicher auch davon ab, wie komplex der Liniennetzplan ist. Da kann man den Betrieb in Städten mit drei Linien, die sich nur im Zentrum drei Haltestellen teilen und sonst unabhängig voneinander laufen, sicher mit weniger technischem Aufwand aufrechterhalten als in Städten mit verwickelteren Liniennetzen. Aber klar, wenn man so ein System schon hat, muss es auch zuverlässig arbeiten, sonst bringt es wenig.

    @ Achim: Keine Ahnung, ob das tatsächlich Überfahrschalter sind. Vielleicht haben die auch irgendeine Art Transponder (was uns dann ja wieder ungefähr in Richtung GPS bringt). Wichtig ist aber, dass die Zentrale wenigstens im Prinzip und normalerweise halbwegs genau weiß, welches Fahrzeug sich gerade wo befindet, egal wie das technisch realisiert wird.

    Tram ist die offizielle Bezeichnung. Sagen tut das hier kaum wer, aber es geht schneller zu tippen als Straßenbahn 😉

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  7. Yadgar sagt:

    Also, in Remscheid (als es dort noch Straßenbahnen gab) hießen sie umgangssprachlich „Lektrische“, in Darmstadt „Ellebembel“, in Wien „Bim“, in Kabul überhaupt nicht, denn da gab es nur Oberleitungsbusse, und das auch nur in den 1980er Jahren unter der sowjetischen Besatzung. Eine dort 1977 angelegte Fußgängerunterführung in der Neustadt hat bis heute den Spitznamen „Kabul Subway“…

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  8. Achim sagt:

    @ Yadgar 14:02: Und in Freiburg „Bimmel“ – jedenfalls Anfang der 80er Jahre. In der Schweiz meine ich „das Tram“ gehört zu haben.

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