Über der ewigen Ruhe

Anfang der 90er Jahre war ich zum ersten Mal in Moskau, in den Semesterferien, um meine Sprechfertigkeit ein wenig anzustoßen. Ein paar Tage vor meiner Abreise nach Moskau war der bis dahin festgeschriebene Wechselkurs freigegeben wurden, und statt vorher 3,50 DM für einen Rubel zu bezahlen, kriegte man für eine Mark plötzlich 6 bis 7 Rubel bei gleichbleibenden Rubelpreisen. Das entspricht einer gänzlich unerwarteten Ver-mehr-als-Zwanzigfachung der Kaufkraft. Schon mit dem alten Rubelkurs hätte ich mir bei im voraus bezahlter Vollpension nicht allzuviele Geldsorgen machen müssen für die paar Wochen, aber so war alles praktisch umsonst.

Ich habe das billige Geld natürlich ausgenutzt, einen Koffer voll Bücher gekauft, und einen Stapel Schallplatten. Damals noch ganz klassisch im staatlichen Melodija-Laden auf der Mjasnitskaja Uliza. Ein großer, ziemlich leerer Raum mit Theke und einer der damals in Russland üblichen Kassenkabinen. An der rückwärtigen Wand standen LP-Hüllen auf Sicht. Man konnte sich Plattencover zur Ansicht geben lassen und manchmal sogar Platten auflegen lassen, jedenfalls wenn nicht zuviel los war und das Personal den Nerv dazu hatte.

Ohne Internet, ohne irgendwelche Ahnung von der russischen Musikszene und ohne sonst irgendwelchen einheimischen Input habe ich dort bei mehreren Besuchen aufs Geratewohl ein paar Dutzend LPs zusammengekauft. Darunter ein paar abgefahrene Sachen, ein paar völlige Fehlkäufe, ein paar durchwachsene, und einige, die hängengeblieben sind. DDT mit dem knorrigen Juri Schewtschuk etwa, oder Krematori. Und Tschjorny Kofe (Schwarzer Kaffee) mit dem Album Perestupi Porog (Überschreite die Schwelle).

Mehrere Stücke darauf gefallen mir immer noch, aber eines hat mich beim ersten Hören gefesselt und gehört seither zu meinen Lieblingsstücken: Wladimirskaja Rus (Wladimirer Rus).

Das Lied kreist um ein Bild des russischen Malers Isaak Iljitsch Lewitan: Über der ewigen Ruhe (ist auf der Wikipedia-Seite zu sehen). Ein Bild, in das man bei entsprechender Stimmung versinken kann. Und dazu ein Musikstück, in das man bei entsprechender Stimmung ebenfalls versinken kann, ich jedenfalls.

Die Musik gibt es auf YouTube (zum Einstieg möglichst keine Live-Version hören, sondern die ursprüngliche vom Album!), den russischen Text hier. Und hier eine keinem Vermaß folgende Arbeitsübersetzung:

Hölzerne Kirchen der Rus
Verzogen die uralten Wände
Tritt heran und frage nach vielem
Diese Blockhäuser haben Herz und Venen

Kreuzweise angeschlagen das Fenster
Schweigsam der kärgliche Schmuck
Aber dafür ist es den alten Wänden gegeben
Die Seele mit einfacher Beständigkeit zu messen

Lewitan blieb allein zurück
Vielleicht verharrte der Pinsel in der Stille
Und dann entstand unter vielen Bildern
plötzlich „Über der ewigen Ruhe“

Auf der Leinwand ein kleines Detail
Eine alte Kirche auf einem Hang
Mit Blick auf die unermessliche Ferne
In märchenhaft-grenzenloser Schlichtheit

Altrussischer Volksbrauch
Unbestechlicher menschlicher Stolz
Hölzerne Kirchen stehen
Dies ist Leben ohne Ende, ohne Grenze

Hölzerne Kirchen der Rus
Verzogen die uralten Wände
Tritt heran und frage nach vielem
Diese Blockhäuser haben Herz und Venen

Die Musik passt für meine Begriffe perfekt dazu – die wuchtige Rhythmusgitarre, der langsame beständige Rhythmus von Schlagzeug und Bass, darüber schwebend Gesang und Leadgitarre. Trotz Gitarrensolo passiert nicht viel in der Musik, das Stück ist statisch, ein Gemälde für sich. Für mich perfekte Untermalung des Bildes. Sowas über gute Kopfhörer auf die Ohren, dazu das Bild vor den Augen, da komme ich fast in Trance.

Von der Band gibt es natürlich noch mehr Musik. Eine Menge klassischen Hardrock, der Gesang vielleicht ein bisschen von AC/DC beeinflusst. Perestupi porog etwa, und eins meiner Lieblingsstücke überhaupt: Weter (Wind). Exkurse mit treibendem Keyboard wie Broschu po gorodu odin (Ich irre allein durch die Stadt). Eine Reihe seelenvoller Balladen, etwa Bjelaja Notsch (Weiße Nacht) oder Listja (Laub). Schräge Nummern wie das großartige Pjanaja Luna (Betrunkener Mond) mit absolut feuerzeugschwenkendmitsingbarem Refrain.

Nicht alles ist toll, etwa das Album Golden Lady mit dem Versuch, ein paar der Stücke auch auf Englisch zu präsentieren. Die goldene Lady (auf Russisch: Лэди Осень – Lady Herbst) muss man sich nicht antun, da ist die ewige Ruhe viel besser.


6 Kommentare on “Über der ewigen Ruhe”

  1. Yadgar sagt:

    Wenn du mal was total Durchgeknalltes aus der russischen (Progressive-)Rockszene hören willst, empfehle ich dir „Return“ von Little Tragedies aus dem Jahr 2003! Die Rezensionen auf den Babyblauen Seiten (http://www.babyblaue-seiten.de/index.php?albumId=6289&content=review&left=alpha&top=reviews&alpha=l) haben es jedenfalls in sich… und den zweiten Titel, „After Death“, habe ich mir tatsächlich sogar angehört – und ich finde, Sal Pichireddu bringt es auf den Punkt: Keith Emerson auf Speed in der Kinderkeyboard-Abteilung von Toys ‚R‘ Us spielt in zehn Minuten alle Rick-Wakeman-Soloalben gleichzeitig!

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  2. gnaddrig sagt:

    Schräge Kapelle, reichlich, hm, gewöhnungsbedürftig. Aber die babyblaue Rezension ist es wert, in ein ein paar der Stücke kurz reinzuhören. Parallel hören und lesen und dann anschließend schnell was Richtiges hören zum Ohrendurchblasen.

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  3. gnaddrig sagt:

    Habe mir eben noch den vierten Track angetan, In The Deserted House. Da klingt der Vokalist wie Alexandr Malinin mit Porutschik Golizyn – ganz ähnliche Stimme, ganz ähnlicher Umgang damit, außer dass Malinin irgendwann richtig losschmettert, während der Tragödiensänger das alles sehr abgehackt hält.

    (Malinin ist ein russischer Schlagerheini, und „Porutschik Golizyn“ ist ein bekanntes Rührstück, das seit den 80er Jahren viele v.a. russische Musiker interpretiert haben.)

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  4. Yadgar sagt:

    @gnaddrig:
    „Malinin ist ein russischer Schlagerheini“

    So eine Art Demis Roussos?

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  5. gnaddrig sagt:

    Ja, ein bisschen so in der Art. Viel Gefühl, hemmungslos kitschig.

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  6. Yadgar sagt:

    Aaaargh! Blondling in Paradeuniform! Und ich hatte insgeheim jemand Langhaarig-Orthodoxes erhofft… und die Stimme ist allenfalls gehobener Durchschnitt, kein Vergleich zu Roussos‘ Organ!

    Nee, dann lieber den Rustavi-Chor – https://www.youtube.com/watch?v=gBgbKdukn44&pbjreload=10!

    Allerdings so rein von der Optik bevorzuge ich ja den Anchiskhati-Chor (alle bärtig!) – allerdings gefällt mir da der Klang nicht so gut, die Jungs neigen zum Wimmern!

    Orgien in Georgien!

    Gefällt 1 Person


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