Des Kaisers neue Kleider

In Diskussionen um die Wirksamkeit Homöopathie (z.B. hier oder hier) wird in letzter Zeit häufig das folgende Argument vorgebracht: Die Behauptung der Skeptiker, homöopathische Mittel enthielten keine Wirkstoffe, sei unwahr, weil in niedrigen Potenzen sehr wohl noch Ursubstanz enthalten sei.

Zunächst einmal stimmt das natürlich – manche homöopathischen Mittel enthalten tatsächlich messbare Mengen der zugrundeliegenden Substanz. Bei der Herstellung homöopathischer Mittel wird ja eine Ursubstanz stufenweise nach einem detailliert vorgeschriebenen Ritual verdünnt, typischerweise in Schritten von jeweils 1:10 oder 1:100, und selbstverständlich ist während der ersten Verdünnungsschritte noch Ursubstanz vorhanden und kann u.U. pharmakologisch wirken. Soweit so simpel, und das wird auch kaum je ein Skeptiker in Abrede stellen.

Am Ende ist es aber doch nicht so einfach, und das kommt so: Die große Idee Hahnemanns war es, bei der Herstellung seiner Arzneien die giftigen Ursubstanzen hinauszuverdünnen und dabei durch Verschütteln deren geistartige arzneiliche Kraft zu „dynamisieren“, also zu verstärken und von der Ursubstanz zu trennen. Er wollte die Ursubstanzen und das ihnen normalerweise anhaftende Schadpotenzial loswerden und so zu hochwirksamen, aber ungiftigen, ungefährlichen und an sich nebenwirkungsfreien Arzneien gelangen.

Je verdünnter ein Mittel ist, desto wirkungsmächtiger soll es sein. Hahnemann selbst bevorzugte mit D60/C30 eine Verdünnung, in der ganz sicher keine Ursubstanz mehr nachweisbar ist. Homöopathische Mittel enthalten also im Idealfall keinen Wirkstoff mehr.

Insofern ist die etwas vereinfachende skeptische Aussage, Homöopathie arbeite mit wirkstofffreien Mitteln, im wesentlichen korrekt. Sie trifft zwar nicht auf jedes mögliche homöopathische Mittel zu, beschreibt aber einen erheblichen Teil der verkauften homöopathischen Mittel richtig und bringt das Grundprinzip der Homöopathie auf den Punkt.

Es ist natürlich verlockend, auf den Ursubstanzgehalt von niedrig verdünnten homöopathischen Mitteln hinzuweisen – davon gibt es eine ganze Reihe. Nur schießen die Verfechter der Homöopathie damit ein Eigentor. Denn erstens sollen die niedrigen Verdünnungen nach Hahnemann homöopathisch weniger wirksam sein als hohe Verdünnungen und sind schon deshalb nicht die beste Wahl, wenn man ihre homöopathische Wirksamkeit zeigen will. Und zweitens enthalten sie Reste der Ursubstanz, bei denen die von diesen Substanzen zu erwartenden regulären Dosis-Wirkungs-Beziehungen bestehen und die deshalb auf normalbiochemische, gänzlich nichthomöopathische Weise Wirkung zeigen können.

Solche Mittel mit niedrig verdünnten Ursubstanzen sind also gleichzeitig homöopathisch (wegen des Herstellungsprozesses) und nichthomöopathisch (wegen der messbar enthaltenen Ursubstanzen), und eine etwaige Wirkung lässt sich deshalb nicht eindeutig auf ihre homöopathische Zubereitung zurückführen.

Anders gesagt, mit solchen niedrigen Verdünnungen die Wirksamkeit der Homöopathie zeigen zu wollen ist ein wenig so, als wolle man testen, was bei einem Mischgewebe aus Wolle und Kunstfaser besser warmhält – die Wolle besser oder die Kunstfaser. Das kann nicht funktionieren, weil man die Auswirkungen der beiden Materialien unter diesen Umständen nicht auseinanderhalten kann.

Dabei besteht kein Zweifel, dass sowohl Wolle als auch Kunstfaser als Material für wärmende Kleidung grundsätzlich geeignet sind und es für jedes der beiden Materialien Argumente gibt.

Bei der Homöopathie ist es dagegen so, dass man man nicht ein Mischgewebe aus Wolle und Kunstfaser testet, sondern ein Mischgewebe aus Wolle und „Kaisers neue Kleider“. Da ist dann schon klar, welcher Bestandteil des Gewebes wärmt, und es ist ganz sicher nicht „Kaisers neue Kleider“.

 

 


3 Kommentare on “Des Kaisers neue Kleider”

  1. ich bin total verwirrt, vertraue aber im zweifelsfall mehr dem pharmazeuten als dem homöopathen. liege ich da jetzt falsch???

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  2. schnecke sagt:

    Hallo erphschwester,
    als Pharmazeut wird in Deutschland eine staatlich geprüfte Person bezeichnet, die das Studium der Pharmazie mit dem 2. Staatsexamen abgeschlossen hat. Dann ist sie zwar noch kein Apotheker, aber jeder Apotheker ist ein Pharmazeut. (Wikipedia-Artikel Pharmazeut klärt auf.)
    Viele Apotheker empfehlen leider homöopathische Mittelchen, ob aus Geschäftstüchtigkeit oder Überzeugung, das zu beurteilen bleibt jedem selbst überlassen, der sich in die Materie eingearbeitet hat. Aus Deiner totalen Verwirrung hilft Dir Dein Vertrauen in DEN Pharmazeuten also kein bisschen.
    Dass Du dem Homöopathen im Zweifelsfall nicht vertraust, freut mich. Vertrau ihm nicht, niemals, egal ob er sich Arzt, Pharmazeut, Heilpraktiker oder großer Heiler nennt. Und schon ganz und gar nicht, wenn es um eine ernsthafte Krankheit geht. Homöopathie kann dann tödliche Folgen haben.

    Gefällt 1 Person

  3. da bin ich doch genau richtig gewesen (ohne bei wiki nachzulesen). weil ich ausdrücklich nicht die apotheker meinte. dass die (auch und womöglich vordergründig) monetäre interessen verfolgen, liegt für mich auf der hand.

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