Jahreswechsel

Wo wir jetzt hier so schön gemütlich zusammensitzen und alte Silvestergeschichten aufwärmen, ich hätte da auch noch eine.

Silvester auf dem Roten Platz in Moskau, irgendwann vor Jahren. Die Temperatur ist im Lauf des Tages von flauschigen -5°C auf irgendwo zwischen 20 und 25 unter Null gefallen.

Bei trockener Kälte wären -25 Grad kein Problem, mit passender Kleidung fast sogar angenehm. Heute ist die Kälte leider nicht trocken, weil: Die Moskwa friert in der Stadt nicht so leicht zu, entweder weil sie zu schnell fließt oder weil sie zu dreckig ist oder beides. Nach mehreren milden Tagen knapp unter dem Gefrierpunkt ist der Fluss offen und nach dem plötzlichen Temperatursturz noch lange nicht wieder zugefroren. Deshalb ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch, und diese fiese feuchte Kälte weht vom Fluss direkt auf den Roten Platz.

Es ist also rattenkalt an diesem Silvesterabend, aber wir wollen natürlich trotzdem raus, wäre ja auch gelacht. Wir ziehen darum alles an, was geht – lange Unterwäsche, noch mehr lange Unterwäsche, so viele Socken wie in die Winterstiefel passen, Pullover, dicke Jacken, Schals, Mützen, Handschuhe, noch Handschuhe und hoffen, dass es reicht. Mit der Metro ins Zentrum, dann zu Fuß auf den Roten Platz, Ankunft dort vielleicht viertel nach elf.

Anders als sonst zu Silvester ist vergleichsweise wenig los, wohl wegen der Kälte. Statt einer dichten Menschenmenge sind da nur locker verstreute Grüppchen von Leuten, die versuchen, nicht allzusehr zu frieren. Die Stimmung ist heiter entspannt. Zwei Einheimische sehen uns zittern und auf- und abhopsen, und einer spricht uns an: „Russisch Winter kallt!“ Da schwingt ein gewisser Stolz auf das russische Kulturerbe mit, gemischt mit gastgeberfreundlichem Mitgefühl für uns offensichtlich an nichts Gutes gewöhnte Ausländer. Kurze freundliche Unterhaltung, dann noch ein wenig Füßestampfen und Hopsen, dann wird es Zeit für den Sekt.

Mit den dicken Fäustlingen kann man keine Sektflaschen aufmachen. Ich habe als einziger dünne Seidenhandschuhe drunter, die verhindern, dass man bei der Kälte mit den Fingern an Dingen wie Glas oder Sektflaschenverschlussdraht festfriert, darum übernehme ich das Öffnen der Flasche. Dabei hole ich mir innerhalb von Sekunden so kalte Finger, dass mir ab da bis nach Hause nicht wieder warm wird, aber was macht man nicht alles. (Wenn ich gewusst hätte, wie kalt mir in so kurzer Zeit werden würde, hätte ich die Sektflasche sabriert oder gleich durch irgendwas mit Schraubverschluss ersetzt – weniger stilvoll, man kann aber die Fäustlinge anbehalten. Meine Güte, war das kalt!)

Beim Öffnen muss ich den Korken allerdings noch aktiv ziehen, der schießt nicht wie gewohnt raus – das Öffnen mit dem Säbel wäre da u.U. keine so gute Idee gewesen, weil kein Kohlensäureschwall die Splitter weggeblasen hätte. Egal, ich habe jetzt steifgefrorene Finger und eine offene Flasche Krimsekt, und die Uhr fängt an, Mitternacht zu schlagen. Prost Neujahr!

Der Sekt ist in der knappen Stunde im Rucksack so kalt geworden, dass er sich im Flaschenhals als Eis anlagert. Der Geschmack ist bei der Trinktemperatur sowieso eher mäßig, aber es ging ja auch mehr um den Anlass als um kultivierten Sektgenuss. Immerhin haben wir die Flasche leer bevor der Hals ganz zugefroren ist.

Jetzt fangen die Augen an, uns Streiche zu spielen. Wir sehen immer mal für ein paar Momente unscharf, und Augenklimpern hilft nicht sehr dagegen. Meine sektbeschwingt gutgelaunte Erklärung, dass da wohl die Tränenflüssigkeit kurz anfriert, wird mit recht überschaubarem Enthusiasmus aufgenommen, und bei nüchterner Betrachtung mag man da ja auch gar nicht so genau drüber nachdenken. Zeit für den Heimweg.

In weiser Voraussicht haben wir noch eine Thermoskanne Glühwein eingepackt, und mit dieser wärmenden Unterstützung schaffen wir es ohne Kältestarre zurück ins Warme…

 


3 Kommentare on “Jahreswechsel”

  1. Da wars kalt. Hab mitgefroren.

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  2. gnaddrig sagt:

    Hat sich aber doch gelohnt. Mitfrieren ist nicht halb so schön 😉

    Gefällt 1 Person

  3. gnaddrig sagt:

    Immerhin mussten wir anschließend nicht draußen im Schlafsack übernachten…

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