Nichtlinear

Wenn man eine Packung mit irgendwas hat und da jeden Tag ungefähr die gleiche Menge entnimmt, sollte der Inhalt eigentlich kontinuierlich abnehmen, und dieser Fortschritt sollte auch so aussehen. Würde ich zumindest erwarten. In Wirklichkeit ist das aber häufig gar nicht so.

Ein Beispiel ist der Verbrauch von Dingen wie Duschgel, Zahnpasta, Seifenstücke u.ä. In der ersten Zeit nach Anbruch ist die Packung noch praktisch voll, und das ändert sich auch eine ganze Weile nicht. Dann, plötzlich, nach vielleicht einem Viertel der „Laufzeit“ bzw. nach Entnahme ungefähr eines Viertels des Inhalts, wechselt die Packung den Zustand von „noch praktisch voll“ zu „nicht voll und nicht leer“ und wird zu einer klassischen angebrochenen Packung. Das bleibt dann wieder eine ganze Weile ziemlich statisch so, ungefähr bis drei Viertel des Inhalts Verbraucht sind. Dann ist die Packung schlagartig praktisch leer und man quetscht wochenlang nur den Rest raus.

Wenn sie dann leer erscheint, kann man aber noch erstaunlich viele Portionen rauskitzeln, das kann fast so lange gehen wie die Ganz-voll-Zeit am Anfang. Insgesamt gibt so eine Packung damit gefühlt bis zu 5/4 der deklarierten Inhaltsmenge von sich. Das ist natürlich angenehm, aber gleichzeitig auch unmöglich. Und Letzteres ist schade, weil ich eigentlich ganz gern ein Perpetuum Mobile erfunden hätte. So bleibt nur Schrödingers Zahnpasta – es ist von außen nicht feststellbar, ob in der leeren Tube nicht doch noch was drin ist. Erst wenn man versucht, was aus der Tube zu drücken, manifestiert sich der wahre Zustand und die Tube erweist sich als entweder rechnerisch leer oder tatsächlich leer.

Ein Sonderfall ist der Ladestand von Handys und Laptops, nur ist da die lange, stabile Phase des Nicht-voll-nicht-leer meistens nicht gegeben. Stattdessen bleibt der Akku sehr lange praktisch voll und springt dann – zumindest wenn der Akku älter als vielleicht anderthalb Jahre ist – von praktisch voll schlagartig auf praktisch leer. Manchmal bleibt er da dann erstaunlich lange, bis die Lichter wirklich ausgehen, manchmal ist dann ratzfatz der Saft tatsächlich alle.

Jetzt merke ich, dass es früher bei den Sommerferien genauso war (und jetzt mit dem Jahresurlaub): Anfangs sind die ewig lang, die Tage schleichen vorbei, man hat die ganzen Ferien noch vor sich, noch geht alles. Dann ist man plötzlich mittendrin. Auch wenn man nichts anders macht als am Anfang, ist jetzt richtiger Ferienbetrieb – nett und entspannt genug, aber man ist jetzt mittendrin und das Ende rückt langsam in Sichtweite. Gegen Ende gehen sie dann vorbei wie der Wind.

Die letzten paar Tage haben zwar nochmal eine Reprise der Endlosigkeit vom Anfang – man kann ja in den letzten drei Tagen immer noch fast alles machen. Aber wenn ich A mache, kann ich B nicht mehr, und anders als am Anfang habe ich dann nicht noch unzählige Wochen, in denen ich alles heute nicht gemachte nachholen kann. Und boff, sind die Ferien um.

Und das ist irgendwie ähnlich wie mit der Lebenszeit. Die ersten Jahre sind endlos, je älter man wird, desto schneller verfliegen sie. Ich glaube, früher gab es Wochen oder sogar Nachmittage, die waren gefühlt so lang wie heutzutage halbe Jahre…


6 Kommentare on “Nichtlinear”

  1. Yadgar sagt:

    Also, was Zahnpastatuben angeht: die sind ja heutzutage bzw. seit etwa den späten 1980ern nicht mehr aus Aluminium, sondern aus Kunststoff – und lassen sich, wenn ihr Inhalt zur Neige geht und man selbst durch Aufrollen und energisches Quetschen nichts mehr genug für eine Zahnbürste herausbekommt bequem quer in der Mittel durchschneiden… während die Hälfte mit dem Tubenende dann wirklich so gut wie leer ist, reicht der Rest Zahnpasta in der anderen Hälfte durchaus noch für zwei, manchmal sogar für drei Mal Zähneputzen! So mache ich es jedenfalls seit etlichen Jahren…

    Lebenszeit: 1984, mit 14 bzw. 15 Jahren führte ich eine ganze Zeitlang eine Art rückblickendes Tagebuch aus jeweils mehreren Monaten Abstand („Aktueller Rückblick“), mit der Schreibmaschine auf einzeilig eng beschriebenen DIN-A4-Seiten ohne jegliche Absätze, ein extrem bleiwüstiges Layout zum schreiend Davonlaufen (Textverarbeitung auf dem Commodore 64, wie ich ab Juni 1984 einen mein Eigen nannte, war noch nicht so der Bringer, zumal ich auch noch keinen Drucker hatte…). Damals kam es mir insbesondere für die Zeit zwischen Oktober 1983 und etwa April 1984 vor, als könnte ich über vielleicht nicht jeden, aber doch über sehr viele einzelne Tage einen eigenen Roman schreiben… angefangen mit dem „Wochenende in Protohafisabad“, jener sagenhaften Konfirmandenunterrichtsgruppenwochenendfreizeitfahrt nach Kürten-Dürscheid vom 21. bis zum 23. Oktober 1983, siehe auch: https://www.assoziations-blaster.de/blast/Protohafisabad.1.html

    Ich weiß bis auf den heutigen Tag, wann und wo ich erstmals den Gedanken zu diesem Erlebnisbericht hatte, aus dem sich dann der „Aktuelle Rückblick“ entwickelte, nämlich am Nachmittag des 20. Januars 1984 auf der Treppe vom Pariser Platz hinunter zur U-Bahn-Haltestelle Köln-Chorweiler… ich hatte mir zuvor mal wieder in der dortigen Zweigstelle der Stadtbücherei einen Afghanistan-Vollrausch angelesen und fuhr dann mit der U-Bahn (damals die Linie 9) in die Innenstadt, um in der Taschenbuchhandlung auf der Hohen Straße (römisch: via alta) erstmals aus einem Reclam-Bändchen („Hafis – Gedichte aus dem Diwan“) handschriftlich ein Gedicht abzuschreiben, das ich dann zuhause auf der Maschine abtippte… es war das 43. Ghasel aus der Übersetzung von Hammer-Purgstall („O Morgenwind, sag’s der Gazelle/Der zierlichen, fein und gelind…“) – mir selbst dieses Buch zu kaufen war undenkbar, meine Eltern hätten mir es wahrscheinlich weggenommen, weil es sich ihrer Ansicht nach um „Spinnerei“ handelte, die mich davon abhielt, „mit beiden Beiden auf der Erde“ zu stehen, wie ich mich auch erst mit 19 Jahren erstmals traute, ein Afghanistan-Buch aus der Stadtbibliothek auszuleihen und mit nach Hause zu nehmen… im Sommer 1989, mit 20 Jahren, kaufte ich mir dann mein allererstes Buch über das Land („Afghanistan – Politische Expeditionen“ von Rupert Neudeck).

    Das oben genannte Hafis-Gedicht kenne ich bis heute auswendig; wenige Tage nach dieser ersten Begegnung mit Hafis fabrizierte ich in parodistischer Anlehnung das hier:
    https://www.assoziations-blaster.de/blast/Pubert%E4t.69.html

    Erschütternd, nicht?

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  2. Achim sagt:

    Als ich so Mitte 20 war, sagte eine Freundin (gleicher Jahrgang!), dass die relative midlife crisis oder wie sie das nannte mit 23 ist – bzw. damals schon war. Das sollte heißen, dass einem die ersten 23 genauso lang vorkommen wie die restlichen 70 oder so. Jetzt, wo die 60 in Sicht kommt, denke ich: Sie hatte recht. Leider.

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  3. gnaddrig sagt:

    @ Yadgar: Aufschneiden von Tuben oder Flaschen entzaubert das schöne Phänomen!

    Mit dem lange später noch Auswendigkennen, sowas habe ich mit einer langen Radtour erlebt, die um die von mir normalerweise mit dem Auto gefahrene Autobahnstrecke hin- und hermäandert war. Noch Jahre später konnte ich bei jeder dieser Kreuzungsstellen sagen, was hinter den nächsten Kurven der Landstraße war, wie Kopfkino.

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  4. gnaddrig sagt:

    Stimmt, auch wenn die gefühlte Halbzeit je nach Persönlichkeit und vielleicht Umständen um ein paar Jahre früher oder später liegen kann.

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Dabei verhalten sich Akku und Zahnpastatube gerade entgegengesetzt! Beim Akku scheint es fast ausschließlich den mittleren Bereich zu geben, das heißt die oberen wie auch die unteren Randbereiche der Kapazität sind ja kaum vorhanden; während bei einer Zahnpastatube wiederum der mittlere Bereich nicht existiert: diese ist weder gefühlt voll oder schon fast leer. Aber es stimmt: wenn sie leer ist, geht noch eine ganze Menge. Ich glaube das liegt daran, dass die tube gefühlt voll ist, solange man sie nicht quetschen muss; sobald man sie aber zerquetscht, sieht sie sehr schnell flach und fast leer aus – dabei ist aber doch noch eine Menge drin.
    Alternativ könnte es sich auch um das Mondphasenphänomen handeln: den Mond nimmt man bekanntlich hauptsächlich dann wahr, wenn er voll ist, und diese volle Phase erstreckt sich gefühlt auch über mehrere Tage, nämlich von „fast voll“ bis „noch ziemlich voll“, die anderen Phase nimmt man weniger wahr.

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  6. gnaddrig sagt:

    Ich habe das auch nicht länger erforscht, sondern nur die, sagen wir, gefühlten Beobachtungen aufgeschrieben. Das mit der Zahnpastatube klingt plausible, sehr interessant!

    Beim Akku habe ich beides beobachtet – lange voll, dann plötzlich leer, und eigentlich ab der 2. Minute halbvoll, das dann aber ewig lang.

    Fazit: Es ist kompliziert.

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