Der Hammer und der Tanz

Die Corona-Panemie fegt durch die Welt, die Zahl der Infizierten steigt erwartungsgemäß exponentiell. Man will die Ausbreitung verlangsamen, die Kurve der neu Infizierten möglichst flach halten, das nennt sich #FlattenTheCurve. Ob das genug ist, weiß keiner so genau, manche sind der Meinung, man müsse das anders und entschiedener angehen.

Tomas Pueyo etwa rechnet in Coronavirus: The Hammer and the Dance vor, dass das Strecken der Ansteckungskurve mehr schadet als nützt: Bei ungehinderter Ansteckung wird das Gesundheitssystem für zwei, drei Monate extrem überlastet, bei flachgehaltener Ansteckungskurve wird das Gesundheitssystem immer noch weit über Kapazität belastet, aber für neun, zehn Monate oder länger. Im ersten Fall sei es schlimm, aber relativ schnell vorbei, im zweiten sei es nicht merklich weniger schlimm, dauere aber um ein Mehrfaches länger. Im Prinzip die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Als dritten Weg schlägt er eine Methode vor, die er „den Hammer“ nennt, auch bekannt als #StopTheSpread. Damit könne man die Ausbreitung des Virus innerhalb weniger Wochen „abwürgen“. Man zwingt die Reproduktionszahl (also die Zahl derer, die von einem Infizierten durchschnittlich angesteckt werden), auf unter 1, dann versickert die Ansteckungsrate. Die dafür nötigen Maßnahmen sind erstmal hart, aber verträglicher als landesweite Kontakt- und Ausgangssperren.

Südkorea hat es vorgemacht – flächendeckende Tests, rigorose Isolation Infizierter, akribische Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten, Testen dieser Leute und u.U. auch Quarantäne. Wenn die Reproduktionszahl dann einmal deutlich unter 1 ist und die Ausbreitung des Virus in sich zusammenbricht, kann man Maßnahmen wie Social Distancing, Schulschließungen, Zugangsbeschränkungen für Geschäfte, Obergrenzen für Versammlungen usw. taktisch einsetzen, je nach Lage lokal oder regional verscharfen oder wieder lockern, um die Reproduktionszahl unter 1 zu halten und so ein neues Aufflammen zu verhindern.

Das hat mehrere Vorteile:

  • Statt Millionen von Infizierten und zigtausenden Toten hätte man zigtausende Infizierte und einzelne Verstorbene, die Fallzahlen wären also um Größenordnungen kleiner. Das erspart jede Menge Leid und obendrein jede Menge Geld.
  • Je weniger sich das Virus verbreitet, desto weniger Gelegenheit zur Mutation hat es, und desto weniger verschiedene Virenstämme mit u.U. verschiedenen Eigenschaften wird es geben, gegen die man u.U. verschiedene Impfstoffe und Medikamente benötigt.
  • Man erkauft der Forschung die nötige Zeit, diese Dinge zu entwickeln, ohne dass das öffentliche Leben auf unbestimmte Zeit völlig zum Erliegen kommt, die Wirtschaft vor die Hunde geht, die Leute in ihren Wohnungen verrückt werden oder wie die Fliegen sterben.

Ich kann nicht wirklich beurteilen, wie reell das ist, aber es klingt erstmal sehr plausibel. Dass der Umgang mit so einem Virus auf ein Zahlenspiel hinausläuft, ist wohl offensichtlich. Die Schwierigkeit ist, Infizierte schnell zu finden und zu isolieren, und die Reproduktionszahl zu bestimmen und unter den kritischen Wert zu senken.

Immerhin hat Südkorea es so geschafft, das Virus mit dem „Hammer“ erstaunlich schnell unter Kontrolle zu bringen. Eine italienische Stadt ebenfalls, dort hat man früh flächendeckend getestet und Infizierte isoliert, und es ist dort sehr harmlos abgegangen, ganz anders als in Bergamo.

Jetzt haben wir eine milde Form von Lockdown in Deutschland. Noch sieht es ganz gut aus. Hoffentlich kriegen sie die Kurve flach genug, obwohl mir mit drei Wochen Hammer und danach ein, zwei Jahren Tanz bis zur Einführung einer Impfung wohler wäre.


10 Kommentare on “Der Hammer und der Tanz”

  1. Mindsplint sagt:

    …same here! :-/ LG Bea

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  2. gnaddrig sagt:

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  3. gnaddrig sagt:

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  4. gnaddrig sagt:

    Die Idee mit dem Hammer wird mehr und mehr diskutiert, auch in Deutschland. Vielleicht lässt sie sich ja umsetzen…

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  5. Yadgar sagt:

    Vergangene Woche das Wettrennen um die härtesten Einschränkungen (vorneweg wie immer: Bayern und Sachsen! Bergluft macht autoritär!) war schon gruselig – der Netzpöbel schrie nach brutalen Ausgangssperren und war drauf und dran, sie zu bekommen… ich hätte mich nicht gewundert, wenn kurz darauf in den Kommentarspalten die Forderung nach Erschießung von Zuwiderhandelnden aufgekommen wäre! Und danach der Atomwaffeneinsatz gegen Hotspots wie Heinsberg… jaaa, das gibt Klicks! Viele, viele Klicks!

    Widerlich!!!

    By the way, Kim Jong-Un würde ich wirklich Atombombenabwürfe auf eigene Städte als Maßnahme zur Corona-Bekämpfung zutrauen…

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  6. gnaddrig sagt:

    Kim würde alles machen, egal was. Und der brasilianische Oberhoncho macht das Nächstbeste: Er befiehlt, die Eindämmungsmaßnahmen auszusetzen und sich wegen der popeligen Grippe nicht so anzustellen. Man darf gespannt sein, wie es dort in ein paar Wochen aussieht. Man könnte fast denken, das ist ein Plan, die Favelas auszudünnen. Menschenverachtung genug hat der Mann ja.

    Und dann noch die USA, wo das stabile Genie erst den für den Umgang mit Pandemien zuständigen Stab auflöst, davon hinterher nichts gewusst haben will, dann nicht wahrhaben will, dass da eine Pandemie auf das Land zurollt, hinterher glaubt, niemand habe ahnen können, dass da jetzt so eine schlimme Seuche komme, und der dann doch möglichst schnell wieder die Kirchen gepackt voll sehen will. Und seine Parteifreunde, z.B. in Texas, halten wie der Oberbrasilianer sowieso nichts davon, was eindämmen zu lassen. Und wenn ein paar Alte draufgehen, es gibt ja schlimmeres als zu sterben.

    Wenn dann die Seuche in die ärmeren Viertel dort einschlägt, tragen die unversicherten Massen dort das Virus überall hin, weil sie es sich nicht leisten können, bei Krankheit zuhausezubleiben oder gar zum Arzt zu gehen. Es ist gut möglich, dass gegen das, was sich da jetzt zusammenbraut, die Spanische Grippe von 1918 vergleichsweise harmlos aussehen wird. Deprimierend, wie dieser Hohlziegel sein ganzes Land an die Wand laufen lässt.

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  7. Yadgar sagt:

    …und am Ende versinken weite Teile der Neuen Welt im Bürgerkrieg, Amiland inbegriffen! Eurasien und Afrika kommen unterdessen dauerhaft unter die chinesische Knute… ich bin mir nicht sicher, ob ich in einer solchen Welt leben will!

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  8. Achim sagt:

    Könnte es sein, dass es für den „Hammer“ nun zu spät ist? Frage ich mal so aus meinem Home Office.

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  9. gnaddrig sagt:

    Gute Frage, kann ich nicht beurteilen. Habe ich mich aber auch schon gefragt. Aber selbst wenn man das Konzept nicht mehr so schön sauber und umfassen umsetzen kann, könnte man doch von Lockdown auf Testen und Isolieren umschwenken. Fast egal wie weit das Virus verbreitet ist, müsste das die Ansteckungsrate drücken. Wie das organisatorisch gehen soll, weiß ich allerdings auch nicht.

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  10. gnaddrig sagt:

    Alexander Kekulé schlägt Smart Distancing vor: Wege aus dem Lockdown.

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