Ungeimpft

Neulich beim Einkaufen. Ich stelle mich am Supermarkt in die derzeit übliche Schlange vor dem Eingang. Die Dame vor mir dreht sich mit einem Seufzer um und spricht mich an: Ich hoffe ja, dass das bald vorbei ist und es wieder normal wird.

Ich: Ja, hoffe ich auch. Naja, spätestens wenn es einen Impfstoff gibt ist Ruhe.
Sie: Sie würden sich impfen lassen?
Ich: Natürlich, was sonst?
Sie: Ich auf keinen Fall.
Ich: Wieso?
Sie: Davon halte ich überhaupt nichts, da bin ich ganz dagegen. Ich lasse mich nie impfen, gegen gar nichts. Das muss ich auch nicht, mir passiert ja nichts.
Ich: Klar, Sie profitieren davon, dass alle anderen sich impfen lassen.
Sie: Überhaupt nicht. Aber ich wollte jetzt auch keine große Diskussion anfangen.
Ich: Ich auch nicht.

Deprimierend, aber man erreicht die Leute ja sowieso nicht, wenn sie schon überzeugt davon sind, dass Impfungen Unsinn sind. Davon, dass ich die jetzt gegen ihren ausdrücklichen Willen mit Fakten belästige, hat niemand was. Es gäbe nur Streit und sie wäre danach kein bisschen weniger impfgegnerisch eingestellt als vorher, wohl eher im Gegenteil. Und von den Umstehenden würde wohl auch kaum jemand was von der Auseinandersetzung mitnehmen, außer dass sich da zwei um irgendwas zanken.

Anders kann das bei solchen Diskussionen im Internet sein. Die bleiben nämlich stehen und fangen vielleicht später jemanden vor dem Abdriften in den Impfgegnerirrsinn ab. Man wird es vermutlich nie erfahren, aber immerhin besteht die Möglichkeit.

** * **

Was ich nicht verstehe ist, wie man sich überhaupt derart aus der Wirklichkeit verabschieden kann. Die Wirksamkeit von Impfungen ist gut verstanden und derart eindeutig belegt, da kommt man nicht drumherum, wenn man noch ein Minimum von Vernunft besitzt. Das Risiko von Impfschäden besteht natürlich grundsätzlich, ist aber im Vergleich zu den Risiken der Krankheiten, gegen die geimpft wird, winzig.

Anders gesagt: Wer sich nach den Empfehlungen der STIKO impfen lässt, fährt mit überwältigender Wahrscheinlichkeit in jeder Hinsicht besser, ist selbst sicher und steckt auch niemand anderen an.

Ebensowenig sehe ich, wie man Impfungen ernsthaft als Verschwörung interpretieren kann, mit der Regierungen, die Pharmaindustrie oder irgendwelche nicht näher bekannten hintergründigen Strippenzieher die Massen dumm, krank und abhängig halten wollen oder so. An dieser Verschwörung müssten derart viele Leute beteiligt sein, dass das schon organisatorisch kaum machbar wäre und überhaupt nie und nimmer geheimgehalten werden könnte. Und es sieht ja auch nicht danach aus, dass Impfungen tatsächlich diese unterstellten schädlichen Wirkungen hat. Krank kriegen sich die Leute auch ohne verschwörerische Hilfe. Dumm auch, als hätte es die Aufklärung nie gegeben.

Und mich ärgert es gewaltig, dass solche Wahnwichtel mit ihrem dämlichen Verhalten einfach so andere gefährden, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht impfen lassen können – Neugeborene oder Patienten, die auf Immunsuppression angewiesen sind. Deren Gesundheit und Leben hängt davon ab, dass sie eben nicht mit Krankheitserregern in Kontakt gebracht werden. Für diese Leute stellen solche Impfverweigerer natürlich ein großes Risiko dar, weil niemand wissen kann, ob sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht doch irgendeinen Erreger mit sich herumtragen, der bei der geimpften Bevölkerung nicht landen kann, bei diesen nicht Impfbaren aber natürlich  ungebremst reinhauen kann. Deshalb ist Impfverweigerung (unabhängig von den Beweggründen der jeweiligen Impfverweigerer) in der Auswirkung gefährlich und asozial, weil dadurch Leuten, die sich anders nicht schützen können, der nötige Schutz durch Herdenimmunität vorenthalten wird.

Man kann nur hoffen, dass diese Impfverweigerei nicht allzusehr um sich greift. Was nämlich passiert, wenn zuviele Leute sich bzw. ihre Kinder nicht impfen lassen, sieht man derzeit in Großbritannien am Beispiel von Mumps: Die “Wakefield Cohort” oder: Mumps in Zeiten von Corona. Weil der „Medizinverbrecher des 20. Jahrhunderts“ Andrew Wakefield 1998 mit gefälschten Daten behauptet hatte, die gängige MMS-Impfung würde Autismus verursachen, haben viele tausend Leute ihre Kinder aus Angst nicht impfen lassen, und ausgerechnet jetzt erlebt Großbritannien deshalb eine große und eigentlich unnötige Mumps-Welle.

Wenn jemand aus irgendwelchen Gründen echte Angst vor Impfungen hat, ist das kein Grund, sich drüber lustig zu machen. Im Gegenteil, Angst ist eine große Belastung für die Betroffenen. Das muss man auf jeden Fall ernstnehmen und u.U. therapeutisch angehen – man kann ja aus den verschiedensten Gründen Ängste vor allem möglichen entwickeln, das ist nicht so ungewöhnlich und lässt sich nicht immer verhindern, aber wohl meistens behandeln. Aber Nichtimpfen ist keine Lösung.

** * **

Jedenfalls übersieht die Impfgegnerin da oben die Ironie der Situation: Wir durchlaufen hier mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 gerade die Demoversion einer Welt ohne Impfungen. Madame hofft, dass der Wirbel bald vorbei ist, verweigert sich aber der einzigen absehbar praktikablen Möglichkeit, die Ausbreitung so eines Virus dauerhaft zu unterbinden.

Sie geht also bei unberechenbar wechselhaftem Wetter ohne Regenschirm raus und rechnet damit, unter den Regenschirmen der anderen Passanten Schutz zu finden, streitet genau das aber ab, weil sie überzeugt ist, gar keinen Regenschirm zu benötigen.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Wasser ist Gift und es gibt in Wirklichkeit keinen Dreck…


11 Kommentare on “Ungeimpft”

  1. Yadgar sagt:

    Wenn es nicht vor kurzem ein Gerichtsurteil gegeben hätte, demzufolge der hochgereckte Arm mit der allzu bekannten Grußformel auch als ironische Provokation unzulässig und strafbar ist, ich hätte dieser unsäglichen Esoschabracke ein zackiges „Heil Hitler!“ in die Visage geknallt, um ihr und allen Anwesenden zu zeigen, wes (Un-)Geistes Kind sie ist…

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  2. Pfeffermatz sagt:

    Immerhin gibt es jetzt eine Impfoflicht bezüglich Masern für Kindergartenkinder. Ist ja schon mal ein Anfang, auch wenn ich nicht weiß, ob und wie es durchgesetzt wird.
    Ja, auch ich könnte mich endlos über allgemeingefährliche Dummheit aufregen. Und tue es manchmal auch.

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  3. gnaddrig sagt:

    Mit der Impfpflicht ist mir auch bestenfalls halb wohl. Das kann auf Dauer keine Lösung sein, aber wie man die Impfverweigerer sonst drankriegt weiß ich auch nicht. Es ist einfach eine bescheuerte Sache. Dabei hatte das mit der Aufklärung und der Vernunft so gut angefangen…

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  4. Yadgar sagt:

    Angesichts gewisser Zeitgenossen wünsche ich mir manchmal, es gäbe die Chip-Implantate zur Gedankenfernsteuerung wirklich und nicht nur in den Wahnvorstellungen paranoider Internet-Insassen… aber das kann ja nun auch nicht die Lösung sein!

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  5. gnaddrig sagt:

    Aber den Gedankengang kann ich gut nachvollziehen (und dann wie Du beiseitelegen).

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  6. Achim sagt:

    Ach ja. Neulich im Verwandtenkreis:
    1. Ist Corona nicht so schlimm, wie alle sagen. Sieht man doch an den niedrigen Zahlen im Vergleich zur normalen Sterblichkeit. Dass eben diese niedrigen Zahlen etwas mit dem Lockdown zu tun haben könnte (und wir wahrscheinlich auch einen der leichtesten Influenzawinter der Geschichte erleben), ist dann zu hohe Mathematik.
    2. Ist dieses Virus, das ja eigentlich nicht so schlimm ist, eine Folge von 5G-Strahlung.Dumm nur, dass der bisherige Ausbau von 5G-Netzen so gar nicht zur epidemiologischen Situation passt. Weder in NRw, noch in Italien, noch im Iran…

    Meine Schwester gehört zu den Menschen, die Immunsuppressiva dauerhaft nehmen müssen. Sie ist not amused über dieses Thema.

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  7. gnaddrig sagt:

    Das glaube ich gern, dann muss sie ja ständig mit allem aufpassen, da fehlt sowas grad noch obendrauf.

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  8. Pjotr56 sagt:

    Bin definitiv kein Impfgegner, aber mir wäre wohler, wenn der gesamte Komplex rund ums Impfen ausschließlich staatlich finanziert sowie organisiert und unter wissenschaftlicher Leitung von unabhängigen Experten ohne Fremdmittelakquise stattfinden würde.
    Die Öffnung des Gesundheitswesens für Marktmechanismen war und ist ein Irrweg.

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  9. auch wenn mich das thema nur bedingt betrifft (mehr muss man ja entscheiden, wenn es um die kinder geht), bin ich da doch nicht ganz so blindgläubig. die reportage
    https://programm.ard.de/TV/Programm/Jetzt-im-TV/?sendung=287242170031586
    die durchaus ambivalent damit umgeht, hat mich – leider, muss ich zugeben – im einen und anderen zweifel bestätigt.
    also von mir kein unzweifelhaftes impf-ja. unser gesundheitssystem ist gut, besser als das vieler anderer länder, aber es ist auch profitorientiert und ganz und gar nicht so sicher wie manch einer wähnt.

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  10. gnaddrig sagt:

    Blindgläubig sollte man sicher nicht sein. Andererseits bin ich kein Fachmann und kann selbst kaum je sinnvoll beurteilen, welche Impfungen wann bei wem und warum angebracht sind. Da kann ich eigentlich nur das nehmen, was Fachleute so von sich geben, und da ist die STIKO als eigens dafür eingerichtetes Gremium meiner Meinung nach eine gute Adresse.

    Der Vorwurf, die hätten Interessenskonfklikte, kommt immer mal. Ich weiß nicht, wie stichhaltig der ist. Aber insgesamt fährt man damit wohl ganz gut. Über die Sinnhaftigkeit einzelner Impfungen kann man diskutieren. Nicht alle müssen alle Impfungen haben. Wer nie in den Wald geht, braucht vielleicht keine Zeckenimpfung (die ja sowieso nur eine der zwei schlimmen, von Zecken übertragbaren Krankheiten verhindert).

    Aber bei MMS, Polio, Tetanus, HPV, Hepatitis sehe ich überhaupt keinen Diskussionsbedarf – die betreffenden Krankheiten muss sich niemand antun. Und die Pharmaindustrie wird an diesen Impfungen sicher auch nicht wirklich reich, die würden an den weggeimpften Krankheiten deutlich mehr verdienen, was die Sache mit den Interessenkonflikten der STIKO-Mitglieder wieder ein wenig zurechtrückt.

    Dass das Gesundheitssystem zwar ziemlich gut, aber bei weitem nicht perfekt ist und an wichtigen Stellen arg dünn gestreckt ist, ist ein Problem. Die flächendeckende Ausrichtung an betriebswirtschaftlichen Belangen statt an medizinischen Kriterien finde ich selbst auch sehr problematisch. Wie mit Ärzten und Apothekern umgesprungen wird, ist schäbig, und ich fürchte, dass uns das irgendwann noch böse auf die Füße fallen könnte. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb muss da sehr gut eingehegt werden, auch wenn wir von Zuständen wie in den USA zum Glück noch weit entfernt sind.

    Aber so oder so ändern diese Überlegungen nichts am Grundsätzlichen, nämlich dass es zum Impfen für eine ganze Reihe von Krankheiten keine sinnvolle und tolerable Alternative gibt.

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  11. Pjotr56 sagt:

    Eine mögliche Informationsquelle für Impfskeptiker:
    Narkolepsie durch Schweinegrippe-Impfung?
    https://www.welt.de/gesundheit/article143404030/Narkolepsie-durch-Schweinegrippe-Impfung.html

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In den Wald hineinrufen

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