Lernkurve

Das Coronavirus grassiert, und um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, ist seit Wochen alles anders als gewohnt. Vor gut fünf Wochen wurden die Schulen geschlossen. Die vergangenen beiden Wochen waren Osterferien, jetzt ist wieder „Schule“. Das heißt, improvisierter Unterrichtsersatz zu Hause weitgehend in Eigenregie.

Je nach Alter der Kinder und den beruflichen Anforderungen an die Eltern ist das oft sehr anspruchsvoll und für alle eine Zerreißprobe. Mich interessiert hier, wie die Kinder ohne Schulbesuch lernen sollen und wie die Schulen das organisieren, begleiten und unterstützen können, technisch und menschlich. Dabei ist das jetzt keine fein ausgearbeitete Abhandlung, sondern eher eine halbsortierte Gedankensammlung auf der Grundlage dessen, was ich zuhause beobachte.

Vor den Osterferien sah der Unterrichtsersatz bei uns so aus: Die Lehrer schickten wöchentlich per E-Mail Arbeitsvorräte, die die Schüler allein abarbeiten sollten, mit Hausaufgaben, die sie dann wieder per E-Mail einreichen mussten. Teilweise wurde auch Moodle verwendet, allerdings eigentlich eher als Ablageort für Aufgabenstellungen zweckentfremdet; die viel weitergehenden Interaktionsmöglichkeiten der Plattform wurden praktisch gar nicht genutzt. Die Lehrerschaft ist da unversehens ins tiefe Wasser des virtuellen oder auch Fernunterrichts geschubst worden, Konzepte für eine solche Situation hat es offensichtlich nicht gegeben.

„Unsere“ Lehrer sind per E-Mail und teils auch telefonisch erreichbar, fragen in ihren wöchentlichen Arbeitsvorratslieferungs-Mails auch nach dem Befinden, bieten Hilfe bei Problemen an usw., reagieren teils ausführlich und nett auf Einsendungen der Schüler. Aber Unterricht als solcher fand vor den Ferien nicht statt, das war überwiegend Üben und Wiederholen, ohne viel Struktur und v.a. ohne nennenswerten persönlichen Kontakt zwischen Lehrern und Schülern.

Ich hätte mir gewünscht, dass da mehr Begleitung passiert. Unterricht per Telefonkonferenz mag schwierig sein, das geht sicher nicht unvorbereitet über Nacht von Null auf Hundert. Aber wenigstens einmal pro Tag so eine Schaltung, dass jeweils die Klassen einmal täglich eine kurze Zeit gemeinsam haben, und wenn es nur eine kurze Begrüßung durch die Klassenlehrerin ist, oder einmal die Woche eine Runde, wo jeder aus der Klasse zwei Minuten was sagen kann, wenn er will.

Der Versuch einer weitgehend unstrukturierten Videokonferenz der ganzen Klasse hat allerdings einen durchwachsenen Eindruck hinterlassen – die gewohnte Art zu sprechen geht nicht so gut, weil man nicht ohne weiteres die Mimik der Beteiligten verfolgen kann – zu sehen ist der, der gerade spricht, man kann nicht mit Gesten o.ä. auf sich aufmerksam machen. In der Folge wurde schnell und aufgeregt geredet, manche haben frustriert aufgegeben, auch mal dranzukommen.

Gruppengesprächssituationen aus dem Klassenraum kann man also nicht so einfach auf Telefon- oder Videokonferenz übertragen. Da braucht es neue Interaktionsfertigkeiten, technische Lösungen, geeignete Prozesse und Regeln. Dazu viel Disziplin und Rücksichtnahme, die mancher auch in jahrelanger Praxis im Beruf nicht erwirbt. Davon kann jeder, der beruflich an virtuellen Meetings teilnehmen muss, lange Lieder singen. Das unvorbereitet von Schülern zu verlangen ist da schon sportlich. Trotzdem, den Versuch war es wert.

So sitzen die eben alle zuhause und wurschteln vor sich hin. Klar gibt es die Whats-App-Gruppen der Klassen, in denen viel Kommunikation neben dem Unterricht stattfindet. Das ist jetzt noch wichtiger als vorher. Ein offizielles Gegenstück für die unterrichtsorientierte Kommunikation gibt es leider nicht. Einen Gruppenchat als Unterrichtsplattform, das stelle ich mir interessant vor – Lehrerin erklärt per Audio, idealerweise mit Video, und die Schülerinnen können per Chat Fragen stellen und Dinge diskutieren. Da bräuchte man klare Reglen und vermutlich noch einen Moderator zusätzlich, damit das nicht zerfasert. Den Ansatz fände ich interessant.

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Bis es so etwas oder ein anderes Fernunterrichtskonzept gibt, sollten die Fachlehrer ihre Klassen wenigstens einmal wöchentlich durchtelefonieren, um ein Mindestmaß an Interaktion aufrechtzuerhalten. Da könnte man sogar einen Zeitplan für aufstellen, damit die sich nicht in die Quere kommen und jeder mal jedes Schulkind ans Telefon kriegt. Es ist nicht so toll, wenn die Lehrer nur anrufen, um bei verspäteter Abgabe von Hausaufgaben nachzufragen, wo das Zeug denn bleibt.

Das hätte man sich natürlich vorher überlegen und wenigstens in Grundzügen organisieren müssen, und mit so einem Lockdown-Szenario hatte niemand gerechnet. Aber die aktuelle Situation wäre ein guter Anlass, mal grundsätzlich Konzepte für sowas auszuarbeiten, die dann im Bedarfsfall mit möglichst wenig Aufwand einfach aktiviert werden können, damit der Betrieb möglichst ungestört weiterlaufen kann.

Dazu gehören dann auch Überlegungen, wie man sicherstellen kann, dass alle Kinder überhaupt ausreichend Zugang zum Internet und den dort abzurufenden Inhalten haben. Es gibt ja reichlich Familien, die nicht mal eben ein zusätzliches Notebook oder Smartphone zuzüglich Vertrag anschaffen können, und wo es für die Kinder aus den verschiedensten Gründen schwierig bis unmöglich sein kann, halbwegs konzentriert für die Schule zu arbeiten.

Immerhin haben „unsere“ Schulen in den Osterferien daran gearbeitet, die Prozesse zu verbessern. Die eine Schule arbeitet schon länger unterrichtsbegleitend mit der Lernplattform Moodle, allerdings wurde das bisher nur sehr am Rand genutzt. Die andere Schule hat einen Server, auf dem digitale Arbeitsblätter und Aufgabenstellungen bereitgestellt werden. Der Server ist die ersten zwei Tage nach den Ferien praktisch nicht erreichbar gewesen, weil offenbar nicht genug Bandbreite vorhanden war. Ich hoffe, dass das nur Anlaufschwierigkeiten waren und sich das in den nächsten Tage so einpendelt, dass alle jederzeit auf alles Nötige dort zugreifen können.

Gut finde ich, dass die Schulen das dann doch so schnell beinahe aus dem Nichts auf die Beine gestellt haben. Die Schulen, mit denen wir zu tun haben, versuchen, das beste draus zu machen. Aber was könnte man jetzt alles haben und machen, wenn man das früher in Angriff genommen hätte?

** * **

„Digitalisierung in der Schule“ ist ja so ein Schlagwort, das lange so ein bisschen egal in der Luft hing. Eine Idee, die alle irgendwie gut und wichtig fanden, mit der aber niemand recht was anfangen konnte. Da wurde dann eben etwas ratlos herumdigitalisiert, ohne viel Ideen, wie das eigentlich aussehen oder was es am Ende bringen soll – Smartphones irgendwie in den Unterricht einbeziehen? Tablets kaufen (und damit dann was anfangen)? Internetrecherche einbauen? E-Reader statt gedruckter Schulbücher? Da hat jedes Bundesland, jede Gemeinde und teils jede Schule allein und meist eher uninspiriert vor sich hin gefrickelt. (Und ich hätte ehrlich gesagt auch nicht gewusst, was man da hätte machen sollen, eine Vision für die „digitale Schule“ hatte und habe ich nicht.) Die Vorbereitung eines landesweiten Lockdowns hatte sicher niemand auf dem Bildschirm.

Was man jetzt gebraucht hätte, ist eine Infrastruktur für Fenrunterricht. Es gibt ja eine Reihe von Plattformen, mit denen so etwas technisch umsetzbar sein könnte. Neben dem erwähnten Moodle auch Skype, Microsoft Teams, Zoom u.a. Aber ein Konzept für Unterricht unter Zuhilfenahme dieser Plattformen ist wohl auch noch nicht vorhanden. Viele Schüler sind damit überfordert, ganz allein den Stoff zu erarbeiten, sich die Tage zu strukturieren und an den vielen Bällen zu bleiben, die man da jonglieren muss. Da fehlt noch Wesentliches, bis ein einigermaßen brauchbarer Fernunterricht bzw. eine sinnvolle, von Lehrkräften leistbare Form der Interaktion entwickelt ist, die den Schülern den Halt und die Motivation zum Arbeiten zuhause gibt.

Ansätze scheinen vorhanden, und ich sehe viel guten Willen von Lehrern und den Schulleitungen, mit denen wir zu tun haben. Da lässt sich sicher was draus machen, und ich wünsche allen Beteiligten eine ziemlich steile Lernkurve in Sachen Fernunterricht.


One Comment on “Lernkurve”

  1. gnaddrig sagt:

    Andere scheinen teilweise ähnliche Gedanken zu haben: Ruf mich an!

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

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